Warum Bern einen Sitz im Nationalrat verlieren wird

Die Bevölkerung im Kanton Bern wächst zwar, jedoch langsamer als etwa in der Westschweiz. Das wird vermutlich dazu führen, dass Bern bei den Nationalratswahlen 2019 erneut einen Sitz einbüssen wird.

Betretene Gesichter: Exponenten der Grünen Kanton Bern um Grossrätin Natalie Imboden (vorne rechts) nahmen am 18. Oktober 2015 resigniert  zur Kenntnis, dass die Grünen ein Nationalratsmandat verloren hatten.

Betretene Gesichter: Exponenten der Grünen Kanton Bern um Grossrätin Natalie Imboden (vorne rechts) nahmen am 18. Oktober 2015 resigniert zur Kenntnis, dass die Grünen ein Nationalratsmandat verloren hatten. Bild: Beat Mathys

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Abwärtstrend scheint nicht zu stoppen: Verlor der Kanton Bern bei den Nationalratswahlen 2015 bereits einen Sitz, so droht dem zweitgrössten Kanton der Schweiz 2019 dasselbe Schicksal. Es ist davon auszugehen, dass Bern dann noch Anspruch auf lediglich 24 statt 25 Mandate haben wird.

Schuld am mutmasslichen Sitzverlust ist die Bevölkerungsentwicklung. Vor jeder Gesamterneuerungswahl wird anhand der ständigen Wohnbevölkerung ermittelt, welcher Kanton wie viele der 200 Nationalratssitze zugesprochen erhält. Für die Wahlen 2019 hat das Bundesamt für Statistik die provisorischen Erhebungen bereits vorgelegt.

In ihrem Politblog haben Lukas Leuzinger und Claudio Kuster diese Daten ausgewertet und daraus die neue Sitzverteilung abgeleitet. Auch wenn die Bun­deskanzlei zum Thema noch schweigt, so erwarten Leuzinger und Kuster, dass sie ihre Hochrechnung in den nächsten Wochen bestätigen wird.

Bern und Luzern verlieren

Zwischen 2012 und 2016 ist der Kanton Bern zwar sehr wohl gewachsen. Die Bevölkerung hat um 3,4 Prozent zugenommen. Das Problem: Andere haben im selben Zeitraum stärker zugelegt, allen voran die Westschweizer Kantone. Genf und Waadt sind um 5,7 beziehungsweise um 6,9 Prozent gewachsen. Das führt gemäss Schlussfolgerung des Politbogs dazu, dass diese beiden Kantone 2019 auf Kosten von Bern und Luzern je ein zusätzliches Nationalratsmandat zugesprochen erhalten.

«Als kleine Partei ist man immer  alarmiert.»Enea Martinelli
Präsident BDP Kanton Bern

Leuzinger und Kuster erlauben sich in ihrem Beitrag eine kleine Spielerei und wenden die neue Verteilformel nachträglich auf die Nationalratswahlen 2015 an. Hätte Bern bereits damals nur 24 Sitze erhalten, wäre der Berner SP-Nationalrat Alexander Tschäppät nicht wiedergewählt worden.

BDP ist alarmiert

Daraus nun abzuleiten, dass 2019 die SP von allen Parteien am stärksten gefährdet ist, wäre verfrüht und hoch spekulativ. Entsprechend ist David Stampfli, Parteisekretär der SP Kanton Bern, noch nicht übermässig beunruhigt: «Es geht zuerst nun einmal darum, dass wir uns nächstes Jahr bei den Grossratswahlen gut präsentieren und erfolgreich sind.» Dann könne man womöglich erste Trends für die nationalen Wahlen 2019 ableiten. «Aber klar: Wenn der Kanton Bern einen Sitz verliert, so müssen wir beim Wähleranteil zulegen, um unsere bisherigen 6 Sitze zu halten. Das wird eine Herausforderung. Aber es ist auch ein Grund mehr, im Wahlkampf Gas zu geben.»

Wenn man die Auf- und Abwärtstrends der Parteien der jüngeren Vergangenheit anschaut, dann ist möglicherweise die BDP stärker gefährdet als die Genossen. Bereits 2015 büsste die Partei einen Sitz ein, wie die Grünen auch. Bei den Grünen ist man nicht beunruhigt. «Wir haben 2 sichere Sitze. Für 2 von 24 Sitzen braucht es einen Wähleranteil von 8 Prozent, unsere Anteile ­liegen seit Jahren deutlich da­rüber», sagt Jessica Fuchs, Geschäftsführerin der Grünen Kanton Bern.

Anders ist die Gemütslage bei BDP-Präsident Enea Martinelli: «Als kleine Partei ist man immer alarmiert.» Dazu komme, dass die BDP Kanton Bern nicht so recht wisse, wo sie stehe. «2010 erlebten wir bei den Grossratswahlen die grosse Euphorie, vier Jahre später hat das Stimmvolk das korrigiert.» Damals stürzte die BDP förmlich ab und verlor gleich 11 ihrer zuvor 25 Sitze. «Ich hoffe, dass wir die Korrektur nun hinter uns haben. Für uns werden die Berner Parlamentswahlen 2018 der Gradmesser sein.»

Jura und Laufental

Der Sinkflug des Kantons Bern lässt sich auch mit der territorialen Entwicklung erklären. Stellte der Kanton in den 60er-Jahren noch stolze 33 Abgeordnete, so ging diese Zahl danach stetig zurück. Die Gründung des Kantons Jura 1979 war einschneidend, weil Bern nicht nur Boden, sondern eben auch Einwohner verlor.

Gleiches gilt für die Abwanderung des Laufentals in den 90er-Jahren zum Kanton Baselland. Auch der kürzlich beschlossene Kantonswechsel von Moutier könnte bezüglich Verteilung der Nationalratsmandate negativ auf den Kanton Bern zurückfallen. Allerdings frühestens bei den Wahlen 2023. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.08.2017, 18:08 Uhr

Artikel zum Thema

Ein Nationalratssitz weniger bringt Berner Parteien ins Schwitzen

Bei den eidgenössischen Wahlen steht dem Kanton Bern ein Nationalratssitz weniger zur Verfügung als bisher. Gross ist das Gerangel um die verbleibenden 25 Mandate. Verluste in der Mitte und bei Rot-Grün sind am wahrscheinlichsten. Mehr...

Bern wird wohl noch einen Nationalratssitz verlieren

In der nächsten Legislaturperiode wird die bernische Bevölkerung wahrscheinlich nur noch 24 Nationalratssitze besetzen können. Berns Macht in den eidgenössischen Räten ist seit den 1970er-Jahren rechnerisch um fast ein Drittel geschrumpft. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Gartenblog Blütenlos schön
Foodblog Falafingo und Flamingo

Service

Die Welt in Bildern

Auf Abfall gebettet: Ein Arbeiter einer Wertstoffdeponie in Peschawar, Pakistan, ruht sich auf einem riesigen Berg Plastikmüll aus. (17. August 2017)
(Bild: Fayaz Aziz) Mehr...