Vlora Fetahi muss zum Deutschkurs

Seit Januar müssen ausländische Neuzuzüger zum Erstgespräch in den Gemeinden antreten. Wenn nötig, werden sie an eine von vier Ansprechstellen für Integration weiterverwiesen. Die Kosovarin Vlora Fetahi hat das Prozedere in der Stadt Bern durchlaufen.

Vlora Fetahi (Mitte) mit Übersetzer Qazim Hajzeraj und Celine Looser beim Einwohnerdienst.

Vlora Fetahi (Mitte) mit Übersetzer Qazim Hajzeraj und Celine Looser beim Einwohnerdienst.

(Bild: Urs Baumann)

Sandra Rutschi

Vor kurzer Zeit ist Vlora Fetahi aus Kosovo zu ihrem Mann in die Stadt Bern gezogen. Nun sitzt die 28-Jährige beim städtischen Einwohnerdienst beim Willkommensgespräch. Mitarbeiterin Celine Looser organisiert ad hoc einen ihrer Kollegen, der Albanisch spricht, als Übersetzer. Vierzehn Sprachen beherrschen die Mitarbeitenden des Einwohnerdienstes insgesamt. Looser erklärt Fetahi, dass es im Kanton Bern seit Januar ein neues Gesetz gibt, gemäss dem sie eventuell bei einer Integrationsstelle ein zweites Gespräch führen muss. Ob das nötig sein wird, will Celine Looser nun herausfinden.

Seit Januar ist das neue Integrationsgesetz in Kraft, das Ausländer bereits beim Neuzuzug in die Schweiz besser abholen will. Das sogenannte Berner Modell sieht drei Stufen vor: Zuerst klären die Einwohnerdienste in den Gemeinden ab, ob die Neuzuzüger Hilfe benötigen. Dabei kann es etwa um Deutschkurse, Bewerbungsunterlagen oder Fragen zur Kinderbetreuung gehen. Wenn nötig, ist als zweite Stufe ein Gespräch in einer der vier Ansprechstellen Integration im Kanton Bern vorgesehen, wo die Neuzuzüger beraten und nächste Schritte abgemacht werden.

Sollten sich die Neuzuzüger nicht an diese Abmachungen halten, kommt es zur Stufe drei. Dann würden Vereinbarungen getroffen, an die sich die Ausländer halten müssen – sonst könnten sie den Ausländerausweis verlieren.

Weiter zum Zweitgespräch

Vor Vlora Fetahi im Einwohnerdienst wächst der Papierstapel. Celine Looser überreicht ihr Broschüren, das EWB-Anmeldeformular, einen Bezugsschein für Kaliumiodid-Tabletten, den Abfallkalender und etliches mehr. Dann fragt sie Vlora Fetahi, ob sie bereits einen Deutschkurs besucht habe und wie sie sich ihre künftige Erwerbstätigkeit vorstelle. Fetahi hat in Kosovo einen Deutschkurs besucht, aber nur kurz. Sie hat Wirtschaft studiert, weiss aber nicht, ob ihr Diplom in der Schweiz anerkannt wird.

Celine Looser händigt ihr Adressen von Deutschkursanbietern aus und überweist sie für das Zweitgespräch an das städtische Kompetenzzentrum Integration (KI). Sie sucht im Internet den nächsten freien Termin für eine Beratung in Albanisch und bucht diesen für Vlora Fetahi. Die Kosovarin muss beim KI vorsprechen – erst danach erhält sie einen Ausländerausweis.

Das KI ist eine der vier Ansprechstellen Integration im Kanton Bern. Anders als bei den übrigen Ansprechstellen erhält das KI ausschliesslich Zuweisungen aus der Stadt Bern. Bei EU- und Efta-Bürgern können die Einwohnerdienste Zweitgespräche nur empfehlen, Personen aus Drittstaaten können dazu verpflichtet werden. In der Stadt Bern wurden seit Januar 371 Willkommensgespräche geführt. Für 87 Personen wurde ein Beratungsgespräch auf Stufe zwei vereinbart – davon waren 75 verpflichtet zu gehen.

Zum Vergleich: Biel führte 109 Erstgespräche und wies 39 Personen weiter, Thun führte 60 Erstgespräche, doch niemand musste ans Zweitgespräch. Wie Fetahi kamen die meisten Neuzuzüger als Familiennachzug nach Bern, drei Viertel der Zugewiesenen waren Frauen. Im Vordergrund der Zweitgespräche standen Deutschkurse, Arbeit und Ausbildung waren weitere Themen.

Ein Deutschkurs ist nötig

Im Kompetenzzentrum Integration an der Effingerstrasse erklärt Sozialarbeiter Qazim Hajzeraj Vlora Fetahi auf Albanisch, dass er ein Beratungsgespräch mit ihr führe. So will er eventuelle Ängste abbauen. Fetahi möchte als Wirtschaftslehrerin weiterarbeiten, ist aber auch Zahntechnikerin. Hajzeraj empfiehlt ihr, auch als Zahntechnikerin eine Stelle zu suchen – weil in diesem Bereich Leute gesucht werden.

Er erklärt ihr, wo sie ihre Diplome anerkennen lassen kann, und sucht mit ihr einen geeigneten Deutschkurs. Dann vereinbart er mit ihr einen Termin, an dem sie eine Kursbestätigung abgeben kann. Wenn Vlora Fetahi den Deutschkurs nicht besuchen möchte, wären weitere Gespräche nötig. Bisher wurden im Kompetenzzentrum Integration nur zwei Personen zu solchen eingeladen.

Aus Sicht der involvierten Behörden ist das Berner Modell in der Stadt Bern gut angelaufen. Anders als in den anderen Ansprechstellen könnten hier Termine elektronisch vereinbart werden, was vieles vereinfache, erklärt KI-Leiterin Ursula Heitz. «Gut ist, dass die Ausländer bereits Integrationshilfe erhalten, wenn sie in die Schweiz ziehen – und nicht erst nach mehreren Jahren», sagt Alexander Ott, Leiter Einwohnerdienste Stadt Bern.

Allerdings würden die Einwohnerdienste mehr Stellenprozente brauchen: Eine Vollzeitstelle hat ihnen der Kanton bereits zugesprochen, zwei bis drei weitere sind laut Ott nötig. Die Wartezeiten am Schalter haben sich wegen der längeren Gespräche mit den Neuzuzügern von 30 auf 50 Minuten erhöht.

Die letzte Massnahme

Vlora Fetahi hat sich für einen Deutschkurs im Mai angemeldet und ihre Dossiers für die Diplomanerkennungen zusammengestellt. «Die Beratungen haben mir dabei sehr geholfen», sagt sie. Wenn sich Fetahi nach mehreren Gesprächen geweigert hätte, einen Deutschkurs zu besuchen, wäre Stufe drei des Berner Modells in Kraft getreten. Eine Integrationsvereinbarung hätte festgelegt, bis wann sie den Deutschkurs besucht haben müsste.

Diese Vereinbarung hätte sie einhalten müssen, sonst könnten die Einwohnerdienste die Aufenthaltsbewilligung nicht verlängern oder nur auf ein halbes Jahr hinaus anstellen. Mit Vlora Fetahi aber sind keine weiteren Gespräche geplant, ihr Mann lebt seit seiner Geburt in der Schweiz und kann sie unterstützen.

Berner Zeitung

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