Es leben mehr Kinder in Heimen als angenommen

Im Kanton Bern sind mehr Kinder in Heimen und Pflegefamilien untergebracht als angenommen. Das zeigen die erstmals erhobenen Zahlen des Jugendamts.

In Berner Heimen treten viele Kinder ungeplant aus.

In Berner Heimen treten viele Kinder ungeplant aus. Bild: Michael Trost

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Eigentlich sollte es eine Selbstverständlichkeit sein: Platziert eine Behörde ein Kind in einem Heim oder einer Pflegefamilie und bezahlt für dessen Unterbringung, sollte sie dies entsprechend dokumentieren. Genau das wurde aber im Kanton Bern bislang nicht getan, wie der erste Datenbericht des kantonalen ­Jugendamts zeigt.

Dieses ist momentan damit beschäftigt, Licht ins Dunkel der komplizierten und intransparenten Berner Heimstrukturen zu bringen. Weil drei Direktionen und vier Ämter mit zwei Finanzierungsmodellen operieren, hat der Regierungsrat 2014 der Verwaltung den Auftrag erteilt, ein einheitliches System zu entwickeln.

«Um planen, steuern und Transparenz über Aufgaben, Leistungen und Kosten herstellen zu können, braucht es verlässliche Daten und Informationen», sagt die Projektleiterin und ­Chefin des Jugendamts, Andrea Weik. Oder anders formuliert: Erst wenn bekannt ist, wie viele Kinder weshalb welche Angebote in Anspruch nehmen, kann auch der künftige Bedarf abgeschätzt werden. Weil solche Zahlen dem Kanton bisher gefehlt haben, hat das Amt nun bei den Heimen und der Pflegekinderaufsicht direkt nachgefragt und eine Datenbank aufgebaut. Das Resultat: Es sind mehr Kinder in Heimen und Pflegefamilien untergebracht als angenommen.

Viele ungeplante Austritte

Ging das Jugendamt in einer Schätzung 2013 noch von 1800 Berner Kindern aus, waren es Ende 2015 gemäss den nun erhobenen Zahlen 2139. Die Kinder verbrachten zudem im Durchschnitt 18 Monate im Heim. Die Abweichung zwischen der Schätzung und der Wirklichkeit sei «doch recht erheblich», sagt Weik. Sie begründet diese damit, dass die Daten von 2013 lediglich auf Angaben der Direktionen und nicht der Leistungserbringer selber basierten.

Zudem seien bis Ende 2012 noch die Gemeinden für das Vormundschaftswesen zuständig gewesen. «Die rund 320 kommunalen Vormundschaftsbehörden, die ausgesprochen heterogen organisiert waren, waren nicht in der Lage, die Zahlen einheitlich zu erfassen», sagt Weik. Bern sei diesbezüglich auch kein Einzelfall. In anderen Kantonen wie beispielsweise Zürich sei die Datenlage kaum besser, so die ­Jugendamtleiterin.

Aber nicht nur die höhere Anzahl untergebrachter Kinder hat die Projektleiterin überrascht. Die erhobenen Daten hätten auch ergeben, dass die Anzahl ungeplanter Austritte aus Heimen im Kanton Bern mit einem Anteil von einem Viertel an allen Austritten sehr hoch sei. «Die Zahl ist aber mit Vorbehalten zu betrachten», sagt Weik.

Möglicherweise sei das Resultat auf eine un­genaue Frage bei der Datener­hebung zurückzuführen. Deshalb müsse die Zahl in den nächsten Jahren validiert werden. Klar sei aber, dass ungeplante Austritte nicht nur für die Kinder und Familien eine grosse Belastung darstellten, sondern auch die Kosten und den Aufwand seitens der Heime in die Höhe trieben.

Keine Entwicklung erkennbar

Da die Daten erstmals erfasst wurden, lassen sich noch keine zeitlichen Entwicklungen aufzeigen. Die Datenbank werde aber von nun an kontinuierlich mit Zahlen gefüttert. Aussagen über Entwicklungen könnten deshalb frühestens ab 2017 erwartet werden, so Weik. Trotzdem sei der vorliegende Bericht ein erster Schritt in Richtung einer bedarfsorientierten Angebotsentwicklung. Das Konzept einer einheit­lichen Finanzierung sowie ein Schlussbericht sollen dem Regierungsrat Ende Jahr vorgelegt werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.06.2016, 08:09 Uhr

Heimunterbringungen 2015

Klicken Sie auf die Grafik, um diese zu vergrössern. (Bild: fri/Quelle Kantonales Jugendamt)

Komplizierte Heimfinanzierung

Die Finanzierung von Fremdplatzierungen von Kindern und Jugendlichen im Kanton Bern ist kompliziert und intransparent. Für die zwangsweisen Platzierungen, wenn die Sorgeberechtigten nicht einverstanden sind, ist seit 2013 die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion zuständig. In solchen Fällen stellen die Institutionen dem Kanton die vollen Kosten in Rechnung.

In jenen Fällen hingegen, in denen Eltern kooperieren und ihr Kind «freiwillig» fremdplatzieren, ist die Gesundheits- und Fürsorgedirektion respektive dessen Alters- und Behindertenamt (Alba) zuständig. Dieses hat mit den Heimen Leistungsverträge abgeschlossen und leistet jährliche Vorauszahlungen. Um das Durcheinander komplett zu machen, führt schliesslich auch noch die Polizei- und Militärdirektion zwei kantonale Jugendheime und rechnet nach einem dritten System ab.

Diese unterschiedlichen ­Finanzierungsmechanismen sollen nun vereinheitlicht ­werden. Hintergrund des Projekts, das vom Jugendamt geleitet wird, sind Ungereimtheiten beim Alba. Dieses konnte 2015 Kosten in Höhe von 23 Millionen Franken nicht erklären. Schliesslich rechtfertigte es diese mit einer massiven Zunahme von freiwilligen Fremdplatzierungen.

Allerdings war damals noch gar nicht klar, wie viele Kinder tatsächlich fremdplatziert waren. SVP-Grossrat Samuel Krähenbühl zweifelt diese Darstellung denn auch an und hat einen ­entsprechenden Vorstoss im Kantonsparlament eingereicht.

Seit dem Jahr 2009 wird das Amt zudem von der Finanzkontrolle gerügt. Unter anderem deshalb, weil es ­jährlich Subventionen in zweistelliger Millionenhöhe ­verteilt, dabei aber zu wenig prüfe, ob die Gelder gesetz­mässig und wirtschaftlich verwendet ­werden.

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