Verurteilter Polizist arbeitet auf dem Thorberg

Die Justizvollzugsanstalt Thorberg gibt erneut zu reden: Seit Anfang November arbeitet ein wegen Amtsmissbrauch verurteilter Ex-Polizist im Sicherheitsdienst der Anstalt.

Die Justizvollzugsanstalt Thorberg ist wieder einmal in den Schlagzeilen.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

Die Justizvollzugsanstalt Thorberg ist wieder einmal in den Schlagzeilen.

(Bild: Keystone)

Zwei Kantonspolizisten machten diesen Sommer in dem sogenannten Pinkelprozess unrühmliche Schlagzeilen: Sie wurden wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Das Urteil ist inzwischen rechtskräftig. Die Polizisten standen vor Gericht, weil einer von ­ihnen auf der Berner Bahnhofwache einen zugedröhnten Mann durch dessen eigenen Urin geschleift hatte. Der andere, weil er die Jacke des Mannes in die Urinpfütze gelegt hatte.

Für Amtsmissbrauch sieht das Gesetz – je nach Schwere der Tat – einen Strafrahmen von bis zu fünf Jahren Gefängnis vor. Die Polizisten wurden zu eher tiefen bedingten Geldstrafen verurteilt. Die Kantonspolizei stellte sie während des Prozesses frei, inzwischen arbeiten beide nicht mehr dort.

«Thorberg ist der falsche Ort»

Nun ist einer der beiden in der Justizvollzugsanstalt Thorberg. Jedoch nicht als Insasse, sondern als Sicherheitsdienstmitarbeiter. Dies bestätigt Thorberg-Direktor Thomas Egger auf Anfrage.

Hinter den Kulissen löst dieser Personalentscheid Kopfschütteln aus. Mitarbeiter befürchten, dass die Thorberg-Insassen den Sicherheitsdienst nicht mehr ernst nehmen. Auch Daniel Wyrsch, Geschäftsleiter des Bernischen Staatspersonalverbandes und SP-Grossrat, findet den Personalentscheid problematisch. «Dem Mann eine zweite Chance zu geben, ist an sich gut», sagt Wyrsch. «Aber der Thorberg mit seiner schwierigen Klientel ist wohl nicht die richtige Institution dafür.»

Zudem herrsche unter den Thorberg-Mitarbeitenden bereits Unruhe, ausgelöst durch die interne Reorganisation. Laut Daniel Wyrsch ist Anfang November noch immer nicht klar gewesen, wann die Mitarbeiter im neuen Schichtmodell arbeiten werden. Auch dass ausgerechnet die Lebenspartnerin des Vizeamtschefs die neue Thorberg-Vizedirek­torin werden soll, sorgte für ­Gesprächsstoff.

Für Thorberg-Direktor Egger ist hingegen die Anstellung des Ex-Polizisten unproblematisch. Dieser habe sich beworben und wie sämtliche Bewerber ein mehrstufiges Auswahlverfahren absolviert. Seine Verurteilung habe er selber im ersten Bewerbungsgespräch thematisiert, so Egger. Nach reiflichem Abwägen und in Absprache mit dem Amtsvorsteher wie auch Polizeidirektor Hans-Jürg Käser (FDP) habe er den Mann «guten Gewissens» als Mitarbeiter Sicherheitsdienst einstellen können. «Es scheint uns wichtig, dem Mann eine zweite Chance zu geben», sagt Egger. Zudem habe der neue Mitarbeiter seine Verurteilung auch gegenüber seinen Teammitgliedern offen kommuniziert. «Das wurde von diesen sehr geschätzt.»

Nur wenig Arbeitgeber

Adrian Wüthrich, Präsident des kantonalen Polizeiverbands, hält die durch die Reorganisation entstandenen Probleme für schwerwiegender als die Einstellung des Ex-Polizisten. «Zumal das Obergericht klar festgehalten hat, dass es sich um einen leichten Fall von Amtsmissbrauch handelt.» Das betont auch Mario Teuscher, der Anwalt des Ex-Polizisten. Es sei nicht sein Mandant gewesen, der das Opfer durch den Urin geschleift habe. «Nachdem die erste Instanz ein leichtes Verschulden festgestellt hatte, halbierte das Obergericht das Strafmass nochmals.»

Für Wüthrich ist klar, dass ein Polizist im Kanton Bern eine beschränkte Auswahl an Arbeitgebern hat. «Infrage kommen die Kantonspolizei, wenige Stellen beim Bund, private Sicherheitsdienste oder der Strafvollzug.» Dass der Ex-Polizist den Job auf dem Thorberg bekommen habe, sei wenig überraschend. «Er ist top ausgebildet und hat jahrelang einwandfreie Arbeit geleistet.» Und: «Wie mir das Polizeikommando versichert hatte, hat die Verurteilung nicht zur Entlassung geführt.»

Berner Zeitung

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