Um die Trauer betrogen

Erna Eugster wurde als Jugendliche in Heime und Anstalten eingewiesen, ohne offiziell verurteilt worden zu sein. Noch ­heute leidet sie darunter. Historiker Urs Germann hat jetzt dieses dunkle Kapitel für den Kanton Bern aufgearbeitet.

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Die Eltern haben sie um alles betrogen. Um die Kindheit, die Jugend, das Leben. Und als die Mutter dann vor fünf Jahren starb, auch noch um die Trauer. «Ich weinte nicht, brach nicht in Schreikrämpfe aus. Das Einzige, was ich fühlte, war Erleichterung», sagt Erna Eugster, 66-jährig, heute. Traurig sei das. Aber eben auch die Wahrheit.

Der Tod der Mutter, die sie seit vierzig Jahren nie mehr gesehen hat, habe etwas für immer aus der Welt geräumt. «Endlich konnte ich aufhören, daran zu denken, was ich sie fragen sollte, wenn ich ihr begegnen würde.» Dabei wäre die Mutter Erna so viele Antworten schuldig gewesen. Insbesondere auf die Frage: Weshalb? Weshalb hat sie ihr das angetan?

Saumensch, Sauluder, Dreckloch oder Lumpenhure. So nannte die Mutter die kleine Erna, als sie noch nicht einmal zur Schule ging. Gleich nach der Geburt in Solothurn 1952 wurde sie in ein Heim gegeben.

Erst zwei Jahre später kam sie zu ihren Eltern zurück. Doch zu Hause in Herzogenbuchsee waren Prügel alltäglich. «Ich war ein sehr aufgestelltes Mädchen, hatte die Menschen gern. Damit kam meine Mutter nicht klar», sagt Eugster.

Beim geringsten Anlass gab es Schläge. Als sie 16 war, lehnte sie sich zunehmend dagegen auf. Nach der Schule ging sie nicht mehr sofort nach Hause, lungerte herum.

Irgendwann zogen die Mutter und die Gemeindefürsorgerin einen Schlussstrich: Erna wurde fremdplatziert. Es folgten Jahre in Heimen, der psychiatrischen Klinik Münsingen und dem Bezirksgefängnis Bern, wo sie immer wieder landete, nachdem sie auf «Kurve» gewesen war.

Dann kam der 16. Dezember 1969. Der Berner Regierungsrat wies Erna für «vorläufig unbestimmte Dauer» in die Arbeitserziehungsanstalt Kalchrain im Thurgau ein. «Dabei war das einzige Vergehen, das ich je begangen habe, aus Heimen und Kliniken zu fliehen.»

Mehr junge Frauen betroffen

Erna Eugster, die heute mit ihrem Mann in Bümpliz wohnt, gehört zu den rund 470 Minderjährigen, die im Kanton Bern zwischen 1942 und 1973 administrativ versorgt wurden. Verurteilt worden sind sie alle jedoch nie.

Es genügte, dass die Jugendlichen gegen die Erziehungsberechtigten aufbegehrten, als «sittlich verdorben», «arbeitsscheu» oder «liederlich» bezeichnet wurden. In einer bislang unveröffentlichten Studie beleuchtet der Historiker Urs Germann von der Universität Bern jetzt dieses dunkle Kapitel erstmals.

Das Forschungsprojekt steht im Kontext einer schweizweit angelegten Kampagne. Seit 2013 ist der Bund daran, die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen aufzuarbeiten (siehe Infobox).

Im Kanton Bern wurden von 1884 und 1980 gesamthaft rund 14'500 Versorgungsentscheide verfügt. Während bei den Erwachsenen die Männer überwogen, war es bei den Minderjährigen anders. «Der Anteil junger Frauen nahm über die Jahre hinweg zu. 1965 betrug er 80 Prozent», sagt Germann.

Als einen Grund dafür sieht er die zunehmende Liberalisierung der Gesellschaft in der Nachkriegszeit. Freizeit und Konsum nahmen zu, die Geschlechterbeziehungen lockerten sich. «Diese zusätzlichen Freiheiten waren aber bei jungen Frauen sehr viel stärker reglementiert. Es wurde genau beobachtet, wie sie damit umgingen.» Schnell einmal galt ein Mädchen als «sexuell verwahrlost».

«Kann das Wort nicht hören»

Auch bei Erna Eugster spielte die Sexualität eine wichtige Rolle. «Bei Polizeiverhören wurde ich immer wieder gefragt, wo ich auf der Flucht geschlafen hatte.» Das habe sie aber nicht sagen können.

Häufig habe sie draussen übernachtet, ab und zu aber auch Unterschlupf bei fremden Familien gefunden. Um diese zu schützen, erfand Eugster Namen. «Ich sagte, dass ich bei Giovanni, Luigi oder Alfredo übernachtet hätte.»

«Irgendwann gab ich dem Druck nach und sagte: Ja, ich hatte Sex mit diesen Männern.»Erna Eugster

Und sofort kam die Frage nach Geschlechtsverkehr. «Ich kann das Wort bis heute nicht hören. Ständig fragten mich die Polizisten danach. Irgendwann gab ich dem Druck nach und sagte: Ja, ich hatte Sex mit diesen Männern.» Auch wenn das gar nicht gestimmt habe.

Die meisten Versorgten stammten laut Germann wie Eugster aus der Unterschicht und aus zerrütteten familiären Verhältnissen. «Das ist paradox: Die Schwächsten waren am stärksten betroffen, und ihre Stigmatisierung und Ausgrenzung wurde durch die Versorgung nur noch verstärkt.»

Offizielles Ziel der Massnahmen waren der Schutz und die Nacherziehung. «Vielfach war eine Anstaltseinweisung aber auch nur ein Mittel dafür, widerspenstige Jugendliche zu disziplinieren», so Germann.

Schläge gehörten dazu

Verfügt wurden die Anstaltseinweisungen Minderjähriger von den zuständigen Jugendanwälten, was eine bernische Eigenheit war. «Da hier der Jugendschutz mit dem Strafrecht kombiniert war, kam es bei den Jugendanwälten zu einer grossen Machtfülle», sagt Germann.

Dem waren die ­Jugendlichen beinahe komplett ausgeliefert. «Zwar konnten sich die Minderjährigen mündlich oder schriftlich zur Wehr setzen. Aber in der Praxis gibt es kaum Beispiele, wo jemand damit erfolgreich war.»

Gewehrt hat sich Erna Eugster immer wieder. «In Kalchrain schrieb ich Briefe an meine Fürsorgerin», erinnert sie sich. Nur: «Die Anstaltsleitung hat diese ­gelesen und oft gar nicht weitergeleitet.» Je nach Inhalt habe es dann umgehend Prügel gegeben.

Noch fast schlimmer seien aber die verbalen Erniedrigungen vom Morgen bis zum Abend gewesen. Lernen hätten die Mädchen nichts gedurft. «Nur jeden Tag nähen und stricken.» Nach einer fünftägigen Flucht wurde Erna schliesslich für fast zwanzig Tage in eine Arrestzelle gesteckt. «Ich fühlte eine unglaubliche Ohnmacht und hatte das Gefühl, dass ich nie mehr ein geregeltes Leben führen würde.»

Von dieser psychischen und physischen Gewalt sei in ihren Akten nichts zu lesen, sagt Eugster. Aber auch diese Seite müsse bei der Aufarbeitung zwingend berücksichtigt werden.

Für einmal hatte sie Glück

Weil die Leitung in Kalchrain mit Erna Eugster nicht mehr weiterwusste, beantragte sie 1970 eine Versetzung ins Frauengefängnis Hindelbank. Doch für einmal hatte die damals 18-Jährige Glück: Dank einer Fürsorgerin, die sich für sie einsetzte, und ihrem Herzleiden kam sie statt ins Gefängnis endlich frei.

Doch auch so hinterliess das Erlebte Spuren. Auf einer der vielen Fluchten hatte sie zu trinken begonnen, nun wurde sie zur Alkoholikerin. Irgendwann erzählte der Vater in Herzogenbuchsee, Erna sei eine Hure.

Um ihm dies zurückzuzahlen, prostituierte sie sich tatsächlich einige Zeit. Und als sie 1975 einen unehelichen Sohn gebar, gab sie diesen unter Druck und Selbstzweifeln zur Adoption frei.

Eine der offenen Fragen für Historiker Urs Germann ist, ob sich die Behörden damals tatsächlich keine Gedanken über mögliche negative Konsequenzen für die Jugendlichen gemacht haben. In den Akten finde man darauf jedenfalls kaum Hinweise.

«Die vielen Fluchtversuche zeigen die enorme Verzweiflung der Betroffenen.»Historiker Urs Germann

«Die vielen dokumentierten Fluchtversuche zeigen aber die enorme Verzweiflung der Betroffenen», so Germann. Das hätte auch den Verantwortlichen auffallen sollen. Doch erst die gesellschaftliche Öffnung in den 1970er-Jahren und die Verbesserungen des Rechtsschutzes führten schliesslich dazu, dass administrative Versorgungen 1981 abgeschafft wurden.

Für Erna Eugster begann sich das Blatt in den 1990er-Jahren zu wenden. Nach einem Alkoholentzug lernte sie ihren heutigen Ehemann René kennen. Erstmals ­erfuhr sie, was Liebe und Geborgenheit bedeuten.

«Mit 40 Jahren hatte ich das erste Mal Heimweh, das war unglaublich für mich.»Erna Eugster

«Mit 40 Jahren hatte ich bei einer Reise nach England das erste Mal Heimweh, das war unglaublich für mich.» Heute habe sie ein gutes Leben mit einem guten Mann und einem tollen Bekanntenkreis.

Aufarbeitung hat geholfen

Dazu beigetragen hat auch ihre Entscheidung, die Geschichte aufzuarbeiten. 2014 schrieb sie ein Buch, heute macht sie mit Kunstausstellungen auf das damalige Unrecht aufmerksam. «Dank dieser Auseinandersetzung mit der Vergangenheit muss ich mich nicht mehr fragen, was das Gegenüber wohl denken würde, wenn es meine Geschichte kennen würde», sagt Eugster.

Und auch an Anlässen habe sie keine Angst mehr vor der Frage: «Was machst du beruflich?» ­Bevor sie das Buch geschrieben habe, sei sie in solchen Momenten stets davongelaufen. Jetzt kann sie zu ihrer Vergangenheit stehen.

Manche Wunden aber sind geblieben. An schlechten Tagen schaut Erna Eugster auf der Strasse noch heute immer wieder über die Schulter nach hinten. «So als ob ich befürchten müsste, ein Polizist sei mir auf den Fersen.»

Besuche bei Ämtern bereiten ihr grosse Mühe. In manchen Nächten tigert sie stundenlang in der kleinen Wohnung umher, taucht in ihre Geschichte ein. Immer wieder plagen sie Kopfschmerzen, der Rücken macht ihr zu schaffen. «Ab und zu frage ich mich auch, was geschehen würde, wenn ich mein Umfeld verlöre.»

Mit der Geschichte versöhnen

Wiedergutmachen könne man das alles nicht. «Ich wünsche mir aber, dass sich alle Opfer von Zwangsmassnahmen, bevor sie sterben, mit ihrer Geschichte versöhnen und sich nicht mehr dafür schämen müssen.»

Um tatsächlich Ruhe vor der Vergangenheit zu haben, wäre für Erna Eugster aber noch etwas anderes notwendig: zu vergeben. Den Fürsorgern, den Jugendanwälten, den Betreuern und auch den eigenen Eltern. «Ich arbeite daran. Aber bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft.»

Die Forschungsresultate von Urs Germann erscheinen in der Aprilausgabe der «Berner Zeitschrift für Geschichte», dem Organ des Historischen Vereins des Kantons Bern. Einzelne Nummern können unter folgender Adresse bestellt werden: Geschäftsstelle BEZG, Universitätsbibliothek Bern, Sekretariat, Hochschulstrasse 6, 3012 Bern, Tel. 031'631'92'00, bezg@ub.unibe.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.03.2018, 07:26 Uhr

Wiedergutmachung

Noch bis Ende März haben Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen Zeit, sich für einen Solidaritätsbeitrag beim Bundesamt für Justiz zu melden. Insgesamt stehen 300 Millionen Franken zur Verfügung, pro Person je 25'000 Franken.

Für den Beitrag infrage kommen etwa Verdingkinder, Heimkinder, administrativ Versorgte oder Zwangssterilisierte. Basis für diese Wiedergutmachung bildet das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981, das am 1. April 2017 in Kraft getreten ist.

Bis am Freitagmittag gingen 7180 Gesuche ein, wie Luzius Mader, stellvertretender Direktor, sagt. Allein aus dem Kanton Bern stammen über 1200 Gesuche (20 Prozent). Ein Grund dafür sei wohl, «dass das Verdingkinderwesen im damals noch sehr ländlich und agrarisch geprägten Kanton Bern weiter verbreitet war als in vielen anderen Kantonen», so Mader.

Insbesondere seit Anfang Jahr stellt das Bundesamt einen Anstieg der Anzahl Gesuche fest. Noch Ende 2017 waren es 4300. Der Anstieg sei vor allem auf die intensivierte Informationstätigkeit und die Abgabe eines Flyers in Arztpraxen oder Alterszentren zurückzuführen, sagt Mader. Bis Ende März rechnet er mit rund 8000 Gesuchen. Der Bundesrat geht von 12'000 bis 15'000 Opfern aus.

«Dass nicht alle ein ­Gesuch einreichen, war zu erwarten», so Mader. Parallel zu diesem Prozess läuft auch die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Eingesetzt wird dazu einerseits eine Expertenkommission, andererseits wird die Geschichte im Rahmen eines nationalen Forschungsprogramms erforscht. mab

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