Über 800 Berner Lehrer fordern Unterricht im Team

In einem offenen Brief an Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) kritisieren 800 Lehrer die integrative Schule. Ohne Teamteaching könne man nicht mehr allen Kindern gerecht werden.

Im Team statt allein: Anders könne man den Schülern nicht mehr gerecht werden, sagen über 800 Lehrerinnen und Lehrer.

Im Team statt allein: Anders könne man den Schülern nicht mehr gerecht werden, sagen über 800 Lehrerinnen und Lehrer.

(Bild: Fotolia)

Marius Aschwanden

Die Kritik an der Umsetzung des Integrationsartikels an den Berner Schulen wird immer breiter. Nachdem Mitte 2016 einzelne Lehrpersonen und Vertreter von Sonderschulen Alarm geschlagen haben, richten sich nun über 800 Lehrerinnen und Lehrer aus dem gesamten Kanton Bern in einem offenen Brief an Erziehungs­direktor Bernhard Pulver (Grüne).

Darin kritisieren sie, dass eine Lehrperson mittlerweile nicht mehr allen Kindern gerecht werden könne. Die Sondermassnahmen für lernschwache Schüler würden nicht genügen, um die Probleme zu entschärfen. Im Gegenteil: «Das aktuelle Flickwerk bringt mehr Unruhe als Entlastung in die Klasse», steht im Brief.

Den Grund für die Situation sehen die Lehrer in der Integration von verhaltensauffälligen oder lernschwachen Schülern. Diese werden seit 2008 möglichst in der Regelschule unterrichtet. Seither ist die Anzahl Kleinklassen von 411 auf 150 gesunken.

Parallel zu dieser Entwicklung nahm aber auch die Anzahl Sonderschüler um über die Hälfte zu – von 1533 auf 2475. Für Fachpersonen ist dies ein Zeichen dafür, dass Lehrpersonen mit der Integration überfordert sind. Auffällige Kinder würden heute schneller den Status Sonderschüler erhalten als früher. Denn dadurch stehen mehr Ressourcen zur Verfügung (wir berichteten).

Teamteaching als Lösung

Der offene Brief stammt aus der Feder einer Lehrergruppierung aus Ostermundigen. Die Initianten seien nicht gegen die Integration an sich, betont Annemarie Müllener von der Schule Rüti in Ostermundigen. Die Rahmenbedingungen müssten aber stimmen. «Heute reichen die bewilligten Zusatzlektionen für eine erfolgreiche Integration nicht aus», sagt Müllener.

«Die Zusatzlektionen reichen für eine erfolgreiche Integration nicht aus.»Annemarie Müllener

Denn dazu sei in erster Linie eine tragende Beziehung zwischen Lehrkraft und Kind notwendig. «Mit drei Lektionen pro Woche ist das nicht möglich.» Komme hinzu, dass die Mittel für die Sondermassnahmen auf immer mehr Schüler aufgeteilt werden müssten. Pro Kind stehe somit weniger Zeit – etwa mit einem Heilpädagogen – zur Verfügung als noch zu Beginn der integrativen Schule.

Den Preis dafür bezahle die Mehrheit der Kinder. Diese ­kämen zu kurz, da auffällige Schüler zu viel Aufmerksamkeit der Lehrer in Anspruch nähmen. «Deshalb müssen in Klassen mit schwierigen und lernschwachen Kindern genügend Stellenprozente zur Verfügung stehen», sagt Müllener.

Sie und die über 800 Mitunterzeichner fordern, dass im Kindergarten sowie in der ersten und der zweiten Klasse in schwierigen Situationen im Team mit rund 150 Stellenprozent unterrichtet werden darf. Nur so könnten die Integration und die Betreuung aller Schüler gewährleistet werden.

Schulbesuch geplant

Die Lehrer übergaben den offenen Brief gestern an Erwin Sommer, Vorsteher des Amts für Kindergarten, Volksschule und Beratung. Dass derart viele Personen den Brief unterzeichnet haben, «zeigt, dass eine rote Linie überschritten worden ist», sagt Sommer.

Wo genau der Schuh drückt, will er nun vor Ort in Ostermundigen herausfinden. Klar aber ist für ihn: «Eine schnelle Lösung mit Teamteaching ist in Anbetracht der finanziellen Lage des Kantons Bern und der politischen Mehrheiten nicht realistisch.»

Es gehe eher darum, die vorhandenen Mittel optimal einzusetzen. Sommer glaubt denn auch, dass mancherorts noch Potenzial bei der Organisation der besonderen Massnahmen vorhanden ist. Denn er erhalte auch viele Rückmeldungen von Schulen, die mit den Zusatzlektionen zufrieden seien. Sommer: «An einigen Schulen haben sich die Lehrer so organisiert, dass Teamteaching möglich ist.»

Berner Zeitung

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