«Tschäppät war für mich gesetzt»

Der Berner Stadtpräsident und SP-Politiker Alexander Tschäppät hat den Sprung in den Nationalrat (noch) nicht geschafft. Selbst seine erfolgreicheren Mitstreiter Corrado Pardini und Matthias Aebischer hat dies sehr überrascht.

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Die Nationalrats-Wahlergebnisse der SP-Männer haben am Sonntag für grosses Staunen gesorgt. Dass neben Hans Stöckli der Gewerkschafter Corrado Pardini die Wiederwahl schaffte und auch der ehemalige TV-Moderator Matthias Aebischer vor Alexander Tschäppät blieb, haben viele nicht erwartet.

«Tschäppät war für mich gesetzt», gesteht Matthias Aebischer, der knapp 3000 Stimmen mehr geholt hat als Berns Stadtpräsident. Er habe Alexander Tschäppät deswegen gar nie als parteiinternen Konkurrenten angesehen, sondern viel mehr damit gerechnet, dass es zwischen ihm und Corrado Pardini eng werden würde.

Überraschend ist für den 44-Jährigen daher auch, dass der Lysser Gewerkschafter Pardini ihn und Tschäppät sogar in der Stadt Bern übertrumpft hat. Dafür habe er schlicht keine Erklärung. «Ich dachte eigentlich, dass mich Tschäppät in der Stadt Bern deutlich übertreffen wird und ich dafür Pardini schlagen könnte. Nun ist es gerade umgekehrt gekommen», berichtet Aebischer gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz.

Aebischer hatte keinen Plan B

Der ehemalige TV-Journalist war in der Nacht nach der Wahl noch etwa bis zwei Uhr unterwegs, zeigt sich am frühen Morgen aber schon bereit für den nächsten Wahlkampf. Er werde jetzt alles daran setzen, dass es Hans Stöckli in den Ständerat schafft. Als schöner Nebeneffekt würde dann auch Alexander Tschäppät noch den Einzug in den Nationalrat schaffen, was für die Stadt Bern wichtig sei.

Aebischer zeigt sich sehr erfreut darüber, dass der Aufwärtstrend der SVP gestoppt wurde und die SP wieder zulegen konnte. Es sei auch sehr wichtig, dass die Grünen ihre drei Sitze halten konnten – er freue sich sehr für Regula Rytz. Dass er es selbst geschafft habe, mache ihn natürlich sehr stolz. Er offenbart aber auch, dass er keinen Plan B gehabt hätte. «Ich habe alles auf eine Karten gesetzt, meinen Job aufgegeben und mehr Geld investiert als ich mir als Familienvater eigentlich leisten könnte», sagt er. Es habe sich ausbezahlt, dass er diesen Mut bewiesen habe und nun habe er bis im Dezember Zeit, sich auf die erste Session vorzubereiten. «Gedanklich bin ich nämlich noch nicht im Nationalrat angekommen.»

Pardini schlägt Tschäppät in der Stadt Bern

Corrado Pardini, der die Wiederwahl als Zweiter auf der SP-Männerliste souverän geschafft hat, war auch überrascht den parteiinternen Resultaten. Er habe selbst auch mit Alexander Tschäppät gerechnet und sei davon ausgegangen, dass ihm sein Sitz vor allem von Markus Meyer streitig gemacht werde. Er sei jedenfalls davon ausgegangen, dass es knapper werde für ihn, Aebischer sei hingegen nicht auf seiner Rechnung gewesen.

Dass er Tschäppät selbst in seiner «Homebase» bezwingen konnte, habe ihn aber auch sehr gefreut. Er glaubt, dass der «inhaltlich sehr gute und 'fadengrade' Wahlkampf rund um die Themen Arbeit und Gerechtigkeit» zum Erfolg geführt habe. Es sei sehr wichtig gewesen, die Schere zwischen arm und reich zu thematisieren, sagt der 46-Jährige.

«Kein Rutsch in die Mitte nötig»

Er habe nachträglich auch erfahren, dass sehr viele Leute ohne sein Wissen in der Stadt Bern für ihn mobilisiert haben. «Sie fanden es sehr wichtig, dass ein Gewerkschafter im Parlament ist», erklärt Pardini. Seine Wahl zeige zudem auch, dass man nicht in die Mitte rutschen musste, um ein gutes Resultat zu machen.

Auch Corrado Pardini will jetzt alles daran setzen, dass es Hans Stöckli ins Stöckli schafft. Es sehe zwar grundsätzlich nicht schlecht aus, werde aber schwer. Er persönlich findet, dass Hans Stöckli die ideale Wahl wäre: «Hans Stöckli ist ein Vertreter aus der Stadt, vertritt ein Stück weit die Romandie und würde für eine ausgewogene Vertretung der Berner im Ständerat sorgen». Der Kanton Bern bestehe ja nicht nur aus Bürgerlichen aus dem Berner Oberland, die sich vor den Wahlen spinnefeind waren, betont er. Er hoffe, dass das auch das Stimmvolk so sehe.

Tschäppät gibt sich gefasst

Alexander Tschäppät selbst gab sich am Montag gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz sehr gefasst. Er sei zu lange in der Politik, als dass ihn dieses Ergebnis gross überraschen könne. «Natürlich ist heute nicht der Tag an dem ich mit dem grössten Lächeln durch die Stadt gehe», gibt er zwar zu, er sei aber immer noch der Präsident der schönsten Stadt der Welt. Primär sei es zudem wichtig, dass die SP in der Stadt Bern ein sensationelles Resultat erzielt habe.

Der Stadtpräsident sieht verschiedene Gründe, wieso er die Wahl in den Nationalrat nicht auf Anhieb geschafft hat. Er habe von vielen Kollegen aus dem rot-grünen Lager gehört, dass das Doppelmandat nicht geschätzt werde. Zudem dürfe man auch nicht automatisch voraussetzen, dass jeder für ihn an die Urne gehen, nur weil er bekannt sei.

Protest gegen die Etablierten

Er glaubt, dass es Politiker die seit langer Zeit mit Ecken und Kanten politisieren am Sonntag allgemein schwerer hatten als Quereinsteiger, die noch kein Geschirr zerbrochen haben. Zu sehen sei dies beispielsweise auch bei den Grünliberalen. Für ihn seien die Wahlergebnisse daher auch als Protest gegen das Etablierte zu sehen. Dass auch Corrado Pardini in der Stadt mehr Stimmen geholt hat, erstaunt Tschäppät weniger. Der Bisherigenbonus sei bei der SP auch in der Vergangenheit fast immer eine Garantie für die Wiederwahl gewesen.

Tschäppät betont, dass man jetzt unbedingt dafür sorgen müsse, dass es Hans Stöckli in den Ständerat schafft. «Nicht primär wegen mir, sondern weil es wichtig ist für den Kanton», stellt er klar.

Berner Zeitung

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