Thorberg: «Hochsicherheits-WG» anstelle der Therapieabteilung

Fünf Jahre nach der Eröffnung der Therapieabteilung für schwer gestörte Straftäter auf dem Thorberg wird diese bereits wieder geschlossen. Thomas Freytag, der oberste Chef des bernischen Justizvollzugs, rechtfertigt den Entscheid.

Die Schliessung der Therapieabteilung auf dem Thorberg ist laut Thomas Freytag, Leiter Amt Freiheitsentzug und Betreuung, durchaus «ein wenig paradox».

Die Schliessung der Therapieabteilung auf dem Thorberg ist laut Thomas Freytag, Leiter Amt Freiheitsentzug und Betreuung, durchaus «ein wenig paradox».

(Bild: Andreas Blatter)

Marius Aschwanden

Ist es nicht paradox, eine Abteilung zu schliessen, die gerade mal vor vier Jahren als Notwendigkeit angesehen wurde?
Thomas Freytag: Doch, natürlich ist das ein wenig paradox. Aber wir bestreiten auch heute nicht, dass es solche Massnahmenplätze braucht. Wir sagen lediglich: nicht auf dem Thorberg.

Drücken Sie sich vor der Verantwortung?
Als Chef des Justizvollzuges des Kantons Bern muss ich für gute Arbeitsbedingungen sorgen und für einen reibungslosen Ablauf der Anstalten. Es ist besser, sich einzugestehen, dass die Therapieabteilung auf dem Thorberg am falschen Ort ist, als dass etwas passiert. Das heisst aber nicht, dass ich mir das Leben leicht mache. Wir besprechen momentan intensiv, wie wir das wegfallende Angebot kompensieren können.

War der Aufbau der Abteilung im Jahr 2011 somit ein Fehler?
Die Kritik am damaligen Entscheid ist nicht, dass man das Bedürfnis nach solchen Plätzen falsch identifiziert hat. Der Ort für die Abteilung war einfach der falsche. Aus der Retrospektive ist eine solche Beurteilung aber immer einfacher – auch mit dem Wissen aus den vielen Expertenberichten, die über den Thorberg geschrieben wurden. Alle kommen dabei letztlich zum gleichen Schluss: Der Thorberg ist für eine solche Abteilung nicht geeignet. Ein therapeutisches Milieu und der strikte Strafvollzug sind schwer zu vereinbaren.

Also ist die Schliessung ein Entscheid zugunsten des Personals und der Gefangenen.
Ja. Ich glaube daran, dass der Thorberg besser funktionieren wird ohne diese Abteilung.

Sie sagen zwar, dass die Qualität in der Abteilung besser geworden ist. Die Gefangenenorganisation Reform 91 kritisierte die Arbeit der Therapeuten aber wiederholt. Was stimmt?
Ich will die Arbeit von Reform 91 in keiner Weise verunglimpfen. Aber wir haben ein komplettes Bild auf die Arbeit des Personals. Ich weiss, mit welchem Engagement und Herzblut die Therapeutinnen arbeiten. Unser Entscheid war für sie schwer zu akzeptieren. Dass in der Abteilung in irgendeiner Weise unprofessionell gearbeitet wurde, muss ich weit wegweisen. Qualitätsprobleme spielten für den Schliessungsentscheid keine Rolle. Für die Therapieabteilung wurden 2011 zehn zusätzliche Mitarbeiter angestellt. Erhalten sie die Kündigung?
Nein. Einerseits sind diese Leute direkt bei uns angestellt, andererseits sind es Mitarbeiter des Forensisch-Psychiatrischen Dienstes der Universität Bern. Wir haben grosses Interesse, mit diesen Fachleuten beispielsweise in der Integrations-, der Sicherheits- oder der neu aufzubauenden Langzeitabteilung weiterzuarbeiten. Heute werden die Gefangenen dort therapeutisch zu wenig betreut.

Was passiert nach der Schliessung der Therapieabteilung mit den heutigen Insassen?
Wir haben nun ein knappes Jahr Zeit, geeignete Anschlusslösungen zu finden. Einen Teil der Gefangenen können wir behalten. Diese Personen sind im Therapieprogramm weit fortgeschritten. Bei ihnen ist absehbar, dass sie in den offenen Vollzug in St.Johannsen übertreten können. Insassen ohne geplante Lockerung der Massnahmen werden hingegen in die Justizvollzugsanstalten Solothurn und Pöschwies oder in eine Klinik wie Königsfelden oder Rheinau verlegt.

Dass Gerichte in Zukunft weniger kleine Verwahrungen aussprechen, ist nicht anzunehmen. Wo sollen künftig solche Straftäter aus dem Kanton Bern ihre Therapie antreten?
Personen im offenen Vollzug in St.Johannsen und jene im geschlossenen Vollzug primär in der konkordatlichen Justizvollzugsanstalt Solothurn. Leute mit Schizophrenie hingegen sind bereits heute nicht für Vollzugsanstalten vorgesehen und absolvieren ihre Massnahme in einer Klinik wie eben Rheinau.

Was kostet eine ausserkantonale Unterbringen?
Die Preise liegen bei 500 Franken pro Tag für Platzierungen in Justizvollzugsanstalten und bei 1500 Franken in Kliniken.

Führt die Schliessung der Abteilung zu höheren Kosten?
Nicht unbedingt. Ein Therapieabteilungsplatz kostet zwar mehr als einer im Normalvollzug, dafür können wir wieder mehr Langzeitplätze als vorher ausserkantonal anbieten. Die genauen Zahlen werden mit der Rechnung in ein, zwei Jahren vorliegen. Geld verdienen lässt sich mit dem Strafvollzug jedenfalls nicht. Kommt hinzu, dass kein Experte eine Prognose wagt, wie sich die Zahlen der kleinen Verwahrungen entwickeln werden.

Muss aufgrund der Schliessung auf dem Thorberg andernorts im Kanton Bern ausgebaut werden?
Das ist nicht ausgeschlossen. Aber wir müssen uns fragen, was wir künftig für solche Gefangene überhaupt anbieten wollen. Im Vergleich zu anderen Kantonen haben wir bereits heute ein sehr breites Angebot im Strafvollzug. Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir zulasten anderer Kantonen untätig wären. Müssen wir also tatsächlich noch ein zusätzliches Angebot stemmen? Denkbar wäre auch ein einziges konkordatliches Therapiezentrum in einem anderen Kanton.

Anstelle der Therapieabteilung soll nun eine Abteilung für den Langzeitvollzug aufgebaut werden. Der Altersdurchschnitt auf dem Thorberg liegt jedoch bei 35 Jahren. Ist da eine Seniorenabteilung sinnvoll?
Es handelt sich dabei nicht um eine Seniorenabteilung wie in Lenzburg sondern um eine Wohngruppe für Insassen mit langen Strafen oder Verwahrungen. Wie gross diese Abteilung sein soll, wird momentan evaluiert. Selbstverständlich werden darin automatisch auch ältere Leute untergebracht. Es können aber auch jüngere Personen sein, die eine Strafe von über zehn Jahren absolvieren müssen. Wir stellen auf die Dauer des Aufenthalts, nicht auf das Alter ab.

Was kostet der Aufbau dieser Abteilung?
Das wird keine grossen Kosten mit sich ziehen. Wir werden versuchen, innerhalb der Mauern eine Hochsicherheits-WG inklusive Aufenthaltsräumen aufzubauen. Die Kosten können wir vermutlich zu einem grossen Teil mit internen Mitteln stemmen.

Man wird den Eindruck nicht ganz los, dass eine «ausgediente» Spezialabteilung einfach gegen eine neue ausgetauscht wird.
Das kann man so sehen, aber es entspricht nicht der Realität. Wir haben eine saubere Analyse gemacht und die Kernkompetenzen des Thorbergs identifiziert. Jetzt wollen wir die bestehenden Abteilungen stärken und sind überzeugt, dass die neue Langzeitabteilung einem zunehmenden Bedürfnis entspricht. Wir wollen in unseren Bereichen die Besten sein und das Image des Thorberg als schwieriges Gefängnis damit aufpolieren.

Berner Zeitung

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