Tausende Berner Steuersünder nutzen letzte Chance

Letztes Jahr sind auf der Steuerverwaltung des Kantons Bern 4550 straflose Selbstanzeigen eingegangen – fast viermal so viele wie im Vorjahr. Denn für Steuersünder mit Vermögen im Ausland tickt die Uhr: Ab Herbst tauschen Länder untereinander Steuerdaten aus.

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Sandra Rutschi

Dieser Countdown bringt Steuersünder ins Schwitzen: Ab diesem Jahr tauscht die Schweiz erstmals automatisch steuerrelevante Daten mit 37 Ländern aus, unter anderem mit der gesamten EU. Weitere 41 Länder werden nächstes Jahr folgen, zum Beispiel Liechtenstein. Sind die Daten ausgetauscht, sehen die Schweizer Steuerverwaltungen, welche Vermögenswerte die Steuerzahler im Ausland haben. Wurden diese bisher nicht aus­gewiesen, droht ihnen ein Strafverfahren.Deshalb nutzen nun immer mehr Steuersünder die Chance einer einmaligen straflosen Selbstanzeige.

Gesamtschweizerisch gingen allein letztes Jahr über 50 000 Anzeigen ein (siehe Box). Besonders viele davon stammen aus dem Kanton Bern: Hier zeigten sich letztes Jahr 4550 Personen selber an, darunter fünf Firmen. Wie in den anderen Kantonen ist die Anzahl Selbstanzeigen somit sprunghaft nach oben geschnellt: Es sind fast viermal so viele wie im bisherigen Rekordjahr 2016. Das so angezeigte Vermögen beträgt circa 755 Millionen Franken. Letztes Jahr lag dieser Betrag bei 396 Millionen Franken.

Von 100 Franken bis zu 1,9 Millionen Steuererträge

85 Prozent der Selbstanzeigen beziehen sich auf Vermögenswerte wie Bankkonten, Wertschriften, Lebensversicherungen oder Edelmetalle. 15 Prozent betreffen bisher nicht deklarierte Einkommen – zum Beispiel aus einem Nebenerwerb oder von einer Altersrente im Ausland.

Wie bereits in den Vorjahren betrifft das Gros der Fälle Ver­mögenswerte von weniger als 100 000 Franken. Der kleinste Steuerertrag aus einer straflosen Selbstanzeige lag 2017 bei 100 Franken. «Meistens handelt es sich um Konten mit geringem Vermögen», sagte Steuerverwalter Claudio Fischer am Donnerstag vor den Medien.

Viele Leute würden gar nicht realisieren, dass ihre ausländischen Vermögenswerte in der Schweiz auch steuerrelevant seien. So melden sich nun zum ­Beispiel Leute, die Konten für Enkel- oder Patenkinder angelegt haben.

Zwar verzeichnet der Kanton Bern auch fast dreimal mehr Fälle, in denen der nicht gemeldete Vermögenswert höher als eine Million Franken ist (siehe Grafik). Der Steuerertrag des grössten Falls liegt allerdings lediglich bei 1,9 Millionen Franken. Das ist zwar viel Geld, aber nicht vergleichbar mit den höchsten Beträgen aus jenen Jahren, in denen eine straflose Selbstanzeige erstmals möglich war: 2011 nahm der Kanton Bern aus dem grössten Fall 3,1 Millionen Franken Steuern ein, 2012 waren es 2,8 Millionen Franken und 2013 sagenhafte 12,4 Millionen Franken.

Etliche Häuser ehemaliger Gastarbeiter

Schweizweit bringt der automatische Informationsaustausch viele ehemalige Gastarbeiter in die Bredouille, die Häuser oder Wohnungen in Italien, Spanien oder Portugal besitzen (siehe dazu den Beitrag auf Seite 11). Der Kanton Bern führt diesbezüglich laut Claudio Fischer keine Statistik. Allerdings seien auch hier durchaus viele Immobilien in Nachbarländern gemeldet worden, bestätigt er. Und die Konten, die nun auftauchen, würden zum Teil mit solchen Immobilien zusammenhängen. Es könne deshalb schon sein, dass auch im Kanton Bern frühere Gastarbeiter oder deren Nachkommen nun diese Vermögenswerte melden.

Dass dies bisher nicht geschehen sei, passiere nicht immer aus bösem Willen, betont Fischer. So würden Liegenschaften grundsätzlich am jeweiligen Standort versteuert und nicht in der Schweiz. «Ihr Vermögenswert hat aber Einfluss auf den Steuersatz, den wir bei der Veranlagung anwenden», sagt Fischer. Deshalb seien diese Häuser durchaus steuerrelevant.

Die Frist läuft noch bis Ende September

20,3 Millionen Franken Steuererträge hat der Kanton Bern 2017 von jenen Selbstanzeigen eingenommen, die bereits veranlagt wurden.

Allerdings konnte der Kanton Bern das Gros der Selbstanzeigen noch gar nicht veranlagen: 3790 Fälle des letzten Jahres sind noch pendent, und auch aus den Vorjahren ist erst lediglich ein Teil bearbeitet. Die Arbeiten rund um den automatischen Informationsaustausch seien sehr arbeitsintensiv, sagt Fischer.

Noch bis Ende September haben Steuersünder die Chance, mit einer straflosen Selbstanzeige einer Busse zu entgehen. Sobald die Steuerverwaltung aber Einsicht in die internationalen Daten hat, erübrigt sich die Selbstanzeige.

Berner Zeitung

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