Tageseltern drohen Lohnkürzungen

In Briefen an den Regierungsrat wehren sich Emmentaler Tageselternvereine gegen die Senkung des Betreuungs­faktors bei Schulkindern um 25 Prozent. Tageseltern müssen mit weniger Lohn rechnen, die Vereine befürchten Kündigungen.

In ländlich geprägten Gebieten wie dem Emmental ist die Tageselternbetreuung häufig und hat Tradition.

In ländlich geprägten Gebieten wie dem Emmental ist die Tageselternbetreuung häufig und hat Tradition.

(Bild: Keystone)

Der Berner Regierungsrat hat im November 2016 die angepasste Verordnung über die Angebote zur sozialen Integration (ASIV) beschlossen. Die Änderungen haben unter anderem konkrete Auswirkungen auf die vom Kanton subventionierten Tageseltern: Der Betreuungsfaktor für Kinder­garten- und Schulkinder im Bereich der Tagesfamilien wurde von 1,0 auf 0,75 gesenkt. Tagesmütter, die sich um Kinder berufstätiger Eltern kümmern, erhalten also für eine Betreuungsstunde nur noch eine Dreiviertelstunde abgegolten.Das politische Ziel: Tagesschulen sollen gefördert werden, Kindertagesstätten (Kitas) und Tageseltern sollen vor allem Kinder im Vorschulalter betreuen. Die ASIV-Änderungen traten am 1. Januar in Kraft und müssen bis spätestens zum 1. August 2017 umgesetzt werden.

Über 200 Protestbriefe

Die Senkung löste grossen Unmut aus. Sie wird als Rückschritt in der Kinderbetreuung gesehen: Tageselternorganisationen, Gemeinden, betroffene Eltern und Tagesmütter wehren sich in ­Briefen an die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) dage­gen. Der Widerstand ist gross. ­Allein bis heute sind über 200 Briefe aus dem ganzen Kanton ein­getroffen. Die Betroffenen fordern Regierungsrat Pierre Alain Schnegg (SVP) auf, den Faktor 1,0 zu belassen.

Flexible Tageseltern

Tagesmütter werden für die effektiv geleisteten Stunden entschädigt – und nicht wie Kitas oder Tagesschulen mit einer Tagespauschale. Das heisst, Tagesmütter erhalten nur Lohn für die Stunden, in denen sie sich auch tatsächlich um Kinder kümmern. «Eine Kürzung der Subventionsbeiträge um 25 Prozent, die direkt an die Tageseltern überwälzt wird, gefährdet diese Betreuungsform massgebend», steht in den Briefen etwa. Doch gerade in ländlich geprägten Gebieten wie dem Emmental ist die Form der Tageselternbetreuung häufig und hat Tradition. Denn bisweilen fehlt eine Kita in der nahen Umgebung. Tagesschulen reichen in den meisten Gemeinden nicht aus oder sind schlicht nicht vorhanden.

Unter den Gemeinden, die ein Schreiben geschickt haben, ist auch Bätterkinden, Sitzgemeinde des Tageselternvereins Region Fraubrunnen, dem neun Gemeinden angeschlossen sind. Für die Tagesmütter des dortigen Vereins bedeutet die Umsetzung eine Lohnkürzung von 6.50 auf 4.90 Franken pro Stunde. «Das ist unzumutbar», sagt die zuständige Gemeinderätin Annekäthi Walther. Tagesmütter würden schon jetzt wenig verdienen. Sie seien aber extrem gefordert, Vorschriften und Auflagen würden stetig mehr. Walther befürchtet, dass viele Tagesmütter wegen der Einkommens­einbusse kündigen werden.

«Es braucht heute noch alles: Tages- eltern, Kitas und Tagesschulen.»Annekäthi WaltherGemeinderätin

«Zudem ist unsere Tagesschule nicht entsprechend ausgebaut. An Wochenenden und in den Schulferien ist die Betreuung nicht abgedeckt», hält Annekäthi Walther fest. «Ein Ausbau ist aber unsäglich teuer und kostet Zeit.» Nicht zuletzt hätten Eltern mit gewissen Berufen, wie solchen im Gastrogewerbe, in der Pflege oder im Verkauf, unregelmässige Arbeitszeiten. Das erfordere eine Flexibilität, die fast nur Tagesmütter leisten könnten. «Es braucht heute noch alles: Tageseltern, Kitas und Tagesschulen», resümiert die Gemeinderätin.

Kritischer Verband

So wie dem Verein Region Fraubrunnen geht es auch den anderen Tageselternorganisationen im Emmental, wie eine Umfrage zeigt. Die Befürchtungen sind überall dieselben. «Tagesmütter sind die günstigste Lösung für eine Betreuung», sagt etwa Pia Frey vom Tageselternverein Koppigen und Umgebung. Warum ausgerechnet hier gespart werde, sei nicht nachvollziehbar. Heinz Riesen, Präsident von Kinderbetreuung Mittleres Emmental, betont: «Es ist jetzt schon schwierig, Tageseltern zu finden. Nun sollen sie auch noch weniger Lohn erhalten. Am Ende will es niemand mehr machen.»

«Es ist jetzt schon schwierig, Tages­eltern zu finden. Nun sollen sie auch noch weniger Lohn erhalten.  Am Ende will es niemand mehr machen.»Heinz Riesen, Kinderbetreuung Mittleres Emmental

Dazu aufgefordert, sich mit Briefen an den Regierungsrat zu wehren, hat der Verband Bernischer Tageselternvereine (VBT). Geschäftsleiterin Sarah Schweizerhof streicht in ihrer Kritik ähnliche Punkte hervor wie die anderen. Der Regierungsratsbeschluss stelle Tageselternvereine vor immense Probleme. «Die Organisationen werden aufgrund ihrer finanziellen Situation die Kürzung um 25 Prozent auf die Tageseltern abwälzen müssen. Was weniger Lohn für gleiche Arbeit bedeutet», so Schweizerhof. Der Verband rügt darüber hinaus den Zeitpunkt und die Kurzfristigkeit der Umsetzung. «Die Tageseltern sind ein wichtiger Pfeiler der familienergänzenden Kinderbetreuung. Die Signalwirkung einer Einkommenseinbusse in Relation zu den stetig wachsenden Anforderungen ist fatal.»

Dringliche Motion

Die Tageselternvereine hoffen, dass der Druck mit der Anzahl Briefe wächst und der Regierungsrat über die Bücher geht. «Wir möchten, dass der Regierungsrat seinen Beschluss überdenkt», sagt VBT-Geschäftsleiterin Sarah Schweizerhof. Diese Hoffnung wird durch eine von Sarah Gabi Schönenberger (SP) im Grossen Rat eingereichte Motion geschürt, die als dringlich erklärt wurde. Diese verlangt, dass auf die Anpassung des Betreuungsfaktors für Schulkinder im Bereich Tagesfamilien verzichtet wird. Falls die Motion im Kantonsparlament unterliege, müsse zumindest die Umsetzungsfrist verlängert werden.

Wie der Kanton mit der Flut von Briefen umgehen will, ist derzeit offen. «Die Motion Gabi wird in der Märzsession behandelt», sagt GEF-Generalsekretär Yves Bichsel nur. Es würden die Antwort des Regierungsrates und der Grossratsentscheid abgewartet, vorher könne man nicht inhaltlich dazu Stellung nehmen. Jene, die einen Brief geschrieben hätten, erhielten eine Empfangsbestätigung. Bichsel: «Im April werden wir ihnen Antwort geben können.»

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