SVP-Präsident deutete Albert Röstis Rückzug an

Die SVP ist im Hoch. Doch weil SVP-Präsident Werner Salzmann die Chancen von Albert Rösti im zweiten Wahlgang für gering hielt, war ein Rückzug im Interview eine klare Option.

«Ich fühle mich ein wenig leer und müde»: Der kantonale SVP-Präsident und neu gewählte Nationalrat Werner Salzmann über seinen Gemütszustand am Tag nach der Wahl.

«Ich fühle mich ein wenig leer und müde»: Der kantonale SVP-Präsident und neu gewählte Nationalrat Werner Salzmann über seinen Gemütszustand am Tag nach der Wahl.

(Bild: Iris Andermatt)

Marius Aschwanden

Werner Salzmann, 2011 verpassten Sie den Sprung in den Nationalrat. Am Sonntag haben sie es geschafft. Wie lange hat die Feier gedauert? Werner Salzmann: Weil die Resultate erst so spät bekannt wurden, hat die Feier gar nicht so lange gedauert. Ich war um circa 2 Uhr zu Hause und im Bett.

Aber angestossen haben Sie schon? Ja, dafür hat es gereicht.

Wie geht es Ihnen am Tag nach der Wahl? Momentan fühle ich mich ein wenig leer und müde. Aber ich bin auch sehr zufrieden.

Haben Sie mit einem solchen Resultat gerechnet? Eine Wahl ist nie sicher. Deshalb darf man auch nicht mit einem solchen Resultat rechnen. Trotzdem habe ich natürlich gehofft, dass ich gewählt werde. Jetzt bin ich sehr glücklich, dass die Wähler meine Arbeit der letzten Jahre honoriert haben.

Sie sind Präsident der kantonalen SVP, Chefexperte in der kantonalen Steuerverwaltung und jetzt auch Nationalrat. Bringen Sie das alles unter einen Hut? Ich werde eine Neubeurteilung machen müssen. Durch das Nationalratsmandat werde ich mein Arbeitspensum reduzieren. Mit der Leitung der Steuerverwaltung ist bereits vereinbart, dass ich in einer ersten Phase nur noch etwa 50 Prozent arbeiten werde. Danach muss ich weiterschauen.

Die SVP hat im Kanton Bern mit 33,1 Prozent Wähleranteil die 30-Prozent-Marke deutlich geknackt und einen Sitz dazugewonnen. Was sind die Gründe für den Höhenflug? Abgezeichnet hat sich diese Tendenz bei den Grossratswahlen 2014. Bei den Nationalratswahlen hat sich der positive Trend nun tatsächlich fortgesetzt. Einen Grund dafür sehe ich auf Kantonsebene in unserer klaren Linie in Finanz-, Wirtschafts- und Sicherheitsfragen sowie der Steuerpolitik. Der zweite Grund ist die Liste: Wir hatten extrem gute Kandidatinnen und Kandidaten. Zudem bewährte sich die Strategie der Doppelkandidatur Albert Röstis für den National- sowie den Ständerat, und wir führten einen sehr intensiven Wahlkampf. Letztlich hatten wir auch Glück, dass während diesem das Asyl- und Migrationsthema derart aktuell wurde.

BDP-Gründer Hans Grunder sagte diesbezüglich am Sonntagabend, die SVP habe mit der Angst mobilisiert... Das muss ich klar zurückweisen. Unsere Mobilisierung hat nichts mit Angst zu tun. Wir hatten auch in der Vergangenheit immer ein Programm mit einer strikten Asyl- und Migrationspolitik. Wir wollen die Zuwanderung von jeher im Griff haben: In die Schweiz soll nur kommen, wer an Leib und Leben bedroht ist. Die Angst ist in der Bevölkerung, nicht in der SVP. Wir haben diese Sorgen aufgenommen, lange bevor das Problem wirklich akut wurde.

Die SVP hat die Abspaltung der BDP vor vier Jahren gut verdaut – im Gegensatz zur BDP. Wie soll die künftige Zusammenarbeit zwischen den beiden Parteien aussehen? Im Kanton Bern sehe ich keine notwendige Veränderung. Ich wüsste wirklich nicht, wieso wir nicht zusammenarbeiten könnten. Die BDP muss sich aber entscheiden, ob sie mit der SVP, der FDP und der EDU zusammenarbeiten will. Unsererseits ist diese Türe noch immer offen.

Die Zusammenarbeit dürfte sich angesichts des SVP-Anspruchs auf einen zweiten Bundesrat zulasten von Widmer-Schlumpf doch eher verschlechtern... Das hoffe ich nicht. Wenn man den Volkswillen akzeptieren will, hat die SVP jetzt ganz klar Anrecht auf einen zweiten Bundesratssitz. Ich hoffe, dass die anderen Parteien dies anerkennen werden.

Der Wahlmarathon ist noch nicht zu Ende: Am 15. November findet der zweite Wahlgang für den Ständerat statt. Wie sieht Ihre Strategie aus? Wir besprechen momentan die Strategie. Es gibt verschiedenen Optionen. Ich kann aber noch nicht sagen, in welche Richtung es gehen wird. Wir haben Zeit bis Dienstagmittag und diese Zeit wollen wir uns auch nehmen.

Wird Albert Rösti überhaupt antreten? Auch das ist noch nicht entschieden.

Wir haben gehört, dass er sich zurückziehen will... Das ist eine der Optionen, aber noch nicht die definitive.

Würde die Partei einen Rückzug akzeptieren? Wenn Albert Rösti nicht mehr antreten will, muss das die Partei akzeptieren. Ich muss dies aber zuerst noch mit ihm ausdiskutieren. Ich kenne auch die möglichen Begründungen noch nicht. Wenn man aber das Resultat grob analysiert, ist klar, dass es im zweiten Wahlgang schwierig werden könnte.

Die BDP dürfte jedenfalls kaum eine Wahlempfehlung für ihn aussprechen... Genau das befürchte ich auch. Im Sinne der bürgerlichen Standesstimme müsste die BDP eigentlich Albert Rösti unterstützen. Diese Unterstützung haben wir aber bereits im ersten Wahlgang kaum wahrgenommen.

Wie schätzen Sie die Chancen von Albert Rösti ein? Momentan würde ich sagen knapp 50 zu 50.

Also eher weniger? Ja.

Wäre es im Hinblick auf ein bürgerliches Bündnis für die Regierungsratsersatzwahl nicht sogar besser, wenn sich Rösti zurückziehen würde? Das müssen wir diskutieren. Auf der einen Seite habe ich Interesse an diesem Ständeratssitz. Andererseits will ich auch den Regierungsratssitz. Jetzt müssen wir schauen, wo wir das Schwergewicht legen wollen. Aber wie gesagt: Das hängt massgeblich vom Entscheid Albert Röstis ab.

Erheben Sie angesichts des klaren Wahlsieges der SVP jetzt Anspruch auf beide frei werdenden Regierungsratssitze? So wie ich das beurteile wird die SVP höchstwahrscheinlich nur einen Sitz beanspruchen. Entschieden ist aber noch nichts. Trotzdem ist die Wahrscheinlichkeit einen, zweiten Sitz anzugreifen, klein.

Wieso? Unser Ziel ist klar: Wir wollen den Regierungsrat in einem ersten Schritt wieder bürgerlich machen. Wenn aber die SVP oder die Bürgerlichen die Anzahl Sitze beanspruchen, die sie auch zugut hätten, heisst es immer, dass wir machthungrig sind. Wenn jedoch die SP mit 19 Prozent Wähleranteil drei Sitze hat, sagt keiner etwas. Also befürchten Sie, dass der Anspruch auf beide Sitze ein Eigentor sein könnte? Ja, das wird in der Öffentlichkeit schlicht nicht goutiert. Mit 33 Prozent Wähleranteil wäre der Anspruch auf drei Sitze aber eigentlich nicht übertrieben. Trotzdem gehen wir jetzt Schritt für Schritt vor.

Welcher der beiden Sitze hat für die SVP Priorität? Das kann ich noch nicht sagen. Es stehen beide Optionen offen.

Wie sieht der Fahrplan der SVP für die Regierungsratsersatzwahlen aus? Am Mittwoch ist Parteivorstandssitzung. Dann werden wir die Strategie festlegen und das Kandidatenkarussell einschränken. Am 3. November werden wir an einer zweiten Vorstandssitzung den Vorschlag für die Delegiertenversammlung verabschieden. Diese findet am gleichen Tag statt.

Berner Zeitung

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