Stimmvolk entscheidet über Mitsprache bei Lehrplan 21

Am 4. März stimmt die Berner Bevölkerung über die Lehrplaninitiative ab. Vordergründig geht es um demokratische Mitsprache. Hintergründig ist die Abschaffung des Lehrplans 21 das Ziel.

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1. Worum geht es bei der Initiative «Für demokratische Mitsprache – Lehrpläne vors Volk»?
Heute liegt die Einführung eines neuen Lehrplans in der Kompetenz des Erziehungsdirektors. Das Initiativkomitee möchte das Volksschulgesetz so ändern, dass künftig der Grosse Rat dafür zuständig ist.

Gegen einen solchen Parlamentsbeschluss könnte das fakultative Referendum ergriffen werden. Würde dieses zustande kommen, könnte letztlich das Berner Stimmvolk über die Einführung eines neuen Lehrplans befinden. Diese Regelung würde rückwirkend auch schon für den Lehrplan 21 gelten. Die Initianten machten denn auch nie einen Hehl daraus, dass es ihnen eigentlich darum geht, dieses neue Regelwerk zu verhindern.

2. Was will der Lehrplan 21?
Der Lehrplan 21 legt die Ziele für die verschiedenen Stufen der Volksschule fest. Ausgearbeitet wurde er von 2010 bis 2014 von der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. Mit dem neuen Lehrplan wollen die 21 deutsch- und mehrsprachigen Kantone die Ziele der Schule vereinheitlichen.

So sollen Schüler leichter innerhalb der Kantone umziehen können, ohne Stoff zu verpassen oder doppelt unterrichtet zu erhalten. Zu Beginn wurde Kritik laut, das neue Regelwerk sei zu umfassend und praxisfern.

Daraufhin wurde der Lehrplan um 20 Prozent gekürzt, geblieben ist mit der Kompetenzorientierung aber auch ein Teil der Kritik. Während früher das Erwerben von Wissen im Vordergrund stand, sollen die Schüler dieses neu auch anwenden können. Zudem stärkt der Lehrplan die Fächer Deutsch, Mathematik sowie Medien und Informatik.

3. Wer steht hinter der ­Initiative?
Lanciert wurde die Initiative von der Interessengemeinschaft Starke Volksschule Bern. Dahinter steckt eine Gruppe von Eltern und Lehrern mit teils christlich-konservativem Hintergrund.

Unterstützt werden sie von Persönlichkeiten wie dem Bieler Lehrer Alain Pichard oder dem emeritierten Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Bern, Walter Herzog. Zudem empfehlen die SVP und die EDU ein Ja.

4. Welche Argumente haben die Befürworter?
Einerseits sind sie der Meinung, dass «einschneidende Systemwechsel wie die Einführung des Lehrplans 21» nicht ohne demokratische Legitimation erfolgen dürfen. Schliesslich lege ein Lehrplan im Auftrag des Volkes «in groben Zügen» fest, welche Aufgabe die Schule habe.

Wenn der Grosse Rat diesbezüglich Fehlentwicklungen ausmache, dann solle er auch korrigierend eingreifen können. Andererseits argumentieren die Befürworter, dass diverse Erzie-hungswissenschaftler vor kompetenzorientierten Lehrplänen warnen würden.

Erfahrungen aus Nachbarländern zeigten, dass bei dieser Didaktik das Bildungsniveau sinke. Schliesslich würden auch die 30 Millionen Franken für Mehrlektionen keinen pädagogischen Mehrwert bringen. Die Schulstunden würden den Kindern nur Freizeit wegnehmen.

5. Wer lehnt die Initiative ab?
Zu den Gegnern des Anliegens gehört eine breite Allianz von Parteien und Verbänden. Der Berufsverband der Lehrerinnen und Lehrer Bildung Bern, der Verband der Schulleiter, die Gewerkschaft im Service public, der Handels- und Industrieverein, die Berner KMU sowie SP, Grüne, GLP, EVP, CVP, BDP und FDP lehnen die Initiative ab.

Dasselbe gilt für den Regierungsrat und den Grossen Rat. Letzterer empfiehlt das Anliegen mit 122 zu 19 Stimmen zur Ablehnung.

6. Welche Argumente haben die Gegner?
Die Gegner warnen vor einer «Verpolitisierung der Volksschule». Es sei nicht Aufgabe des Grossen Rates, Lehrplaninhalte wie etwa die Reihenfolge von Flächenrechnen und Algebra zu diskutieren.

Solche Themen sollten weiterhin auf pädagogischen Grundlagen festgelegt werden. Zudem könne das Parlament via Budget und Volksschulgesetz bereits genügend Einfluss nehmen auf die Ausgestaltung der Schule. Die Gegner der Initiative stellen sich auch hinter den Lehrplan 21.

Dieser bilde die aktuellen Gegebenheiten von Gesellschaft und Arbeitswelt ab. Denn Letztere sei schon lange kompetenzorientiert. Zudem trage der Lehrplan 21 zur Harmonisierung der Volksschule bei, zu der das Berner Stimmvolk 2009 im Rahmen des Harmos-Konkordats Ja sagte. Und schliesslich würde ein nachträgliches Abschaffen des Lehrplans 21 zu grosser Verunsicherung in der Schule führen.

7. Wird der Lehrplan 21 im Kanton Bern unabhängig vom Ausgang der Abstimmung am 4. März eingeführt?
Ja. Der Lehrplan 21 wird definitiv ab dem Schuljahr 2018/2019 eingeführt. Zuerst im Kindergarten und in den 1. bis 7. Klassen, ein Jahr später folgt die 8. Klasse und wieder ein Jahr später die 9. Klasse. Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) begründet das Festhalten an diesem Fahrplan damit, dass die Vorbereitungsarbeiten bereits weit fortgeschritten seien und sich der Grosse Rat schon diverse Male für den Lehrplan ausgesprochen habe.

Sollte die Initiative angenommen und gegen den Parlamentsbeschluss das Referendum ergriffen werden, würde eine allfällige Volksabstimmung frühestens 2020 stattfinden. Laut Pulver wäre ein Aussteigen aus dem Lehrplan 21 auch dann noch möglich.

8. Gibt es auch andernorts Bemühungen, den Lehrplan 21 zu verhindern?
Der Kanton Zürich stimmt wie Bern am 4. März über eine ähn­liche Initiative ab. Diese würde aber nicht rückwirkend gelten.

Weitere Abstimmungen stehen in den Kantonen Luzern und Graubünden an. In den Kantonen Aargau, Thurgau, Schaffhausen, Appenzell Innerrhoden, St. Gallen und Solothurn hat das Volk den Lehrplan 21 bereits gestützt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.02.2018, 07:34 Uhr

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