So wollen Jäger Rehe und Autofahrer vor Unfällen schützen

Mit neuen Reflektoren wollen Jäger und Wildhut Wild­unfällen vorbeugen. Auf 29 Strassenabschnitten im Kanton montieren sie verschiedene Wildwarner, um deren Wirkung zu testen. Die Kosten teilen sich die Mobiliar und die Jäger.

Dan Ammon vom Berner Jägerverband (mit Bohrmaschine) montiert gemeinsam mit Wildhüter Rudolf Zbinden einen Reflektor. Im Hintergrund Daniel Feuz (links) vom kantonalen Tiefbauamt und Samuel Grossenbacher von der Mobiliar.<p class='credit'>(Bild: Urs Baumann)</p>

Dan Ammon vom Berner Jägerverband (mit Bohrmaschine) montiert gemeinsam mit Wildhüter Rudolf Zbinden einen Reflektor. Im Hintergrund Daniel Feuz (links) vom kantonalen Tiefbauamt und Samuel Grossenbacher von der Mobiliar.

(Bild: Urs Baumann)

Letztes Jahr rannten im Kanton Bern 3420 Wildtiere vor ein Fahrzeug – und wahrscheinlich waren es noch viel mehr, weil wohl eine Vielzahl dieser Unfälle gar nicht gemeldet wurde. «Denn manchmal realisieren Autofahrer gar nicht, wenn sie ein kleineres Wildtier streifen», sagt Lorenz Hess. Laut dem Präsidenten des Berner Jägerverbands ist das Problem in den letzten Jahren eher unterschätzt worden.

Das ­illustrieren auch die Zahlen der Mobiliar Versicherungsgesellschaft, bei der letztes Jahr 22 ­Prozent der Berner Fahrzeuge versichert waren: 1,3 Millionen Franken Schaden registriert die Versicherung pro Jahr allein durch Wildunfälle. Ein Crash kostet durchschnittlich 2700 Franken – einen allfälligen Personenschaden nicht eingerechnet.

Reflektoren auf 29 Strecken

Die bisherigen Versuche im Kanton Bern, Unfälle zu vermeiden, waren unbefriedigend. Deshalb geht der Jägerverband nun gemeinsam mit der Wildhut, dem kantonalen Tiefbauamt und der Mobiliar in die Offensive: Noch bis Ende August montieren Jäger und Wildhüter auf insgesamt 29 Strassenstrecken Wildwarner (hier gehts zur aktuellen Wildwarner-Karte: Wildwarnerkarte.jpg).

Die Reflektoren werden an den schwarz-weissen Strassenpfosten angebracht und reflektieren das Licht der heranfahrenden Autos zurück auf die Wiese oder zum Wald. Und sollen so das Wild davon abschrecken, weiter in Richtung Strasse zu ­gehen.

18'000 Franken kosten die ­Reflektoren, drei Jahre soll das Pilotprojekt dauern. Die Mobiliar übernimmt im Sinne der Präventionsarbeit 10'000 Franken, der Jägerverband trägt den Rest. ­Angebracht werden die Reflektoren auf jenen Strassenabschnitten, wo die meisten Wildunfälle passieren.

Diese vier Reflektoren werden im Kanton Bern getestet, um zu sehen, welcher am besten wirkt. Rehe sehen die blaue Farbe am besten. Der mehrfarbige Reflektor, in den man zusätzlich einen Duftstoff giessen kann, kommt im Seeland zum Einsatz, wo viele Wildschweine unterwegs sind. Bild: Urs Baumann

Auf 10 im ganzen Kanton ­verteilten Strassenabschnitten wurden bereits auf verschiedene Initiativen hin Wildwarner ­montiert. Auch in den Kantonen Waadt, Wallis und Solothurn kennt man die Reflektoren. Man habe eine gewisse Wirkung festgestellt, aber noch nichts richtig ausgewertet, sagt Projektleiter Dan Ammon vom Jägerverband. Welcher Typ Reflektor sich am besten für die Regionen im Kanton Bern eignet, will der ­Verband nun anhand von vier unterschiedlichen Modellen testen.

«So können wir das beste Kosten- Nutzen-Verhältnis erzielen, wenn wir später noch mehr Strassen damit aufrüsten», sagt Ammon. Wenn sich die Reflektoren bewähren, wollen Jäger und Wildhut auch andere Kantonsstrassen sowie Gemeindestrassen damit ausstatten.

Duftzäune haben Nachteile

Aber nicht jeder Reflektor eignet sich überall: Auf Strassenabschnitten, die vor allem Rehe überqueren, werden drei verschiedene blaue Reflektoren montiert. «Das ist die Farbe, die Rehe am besten sehen können», erklärt Ammon. Im Seeland ­hingegen wird ein vielfarbiges Modell verwendet, in das die ­Jäger zusätzlich einen Duftstoff geben. Denn im Seeland sind vor allem Wildschweine gefährdet, von denen man nicht genau weiss, wie sie ihre Umwelt sehen.

Dass sich die Wildschweine spätestens vom Duft abschrecken lassen, ist wahrscheinlich. In die Kissen wird eine Essenz aus Bär, Wolf, Luchs und Menschenschweiss gefüllt. Damit hat man im Kanton Bern schon gute Erfahrungen gemacht. Sogenannte Duftzäune waren vor ein paar Jahren die Antwort auf die Wildunfälle. «Die Zäune wirkten gut», sagt Ammon.

Allerdings haben sie auch Nachteile: Zum einen ­gewöhnen sich die Tiere daran, dass in dieser Gegend nun wohl Bären, Wölfe, Luchse und Menschen unterwegs sind. Und wählen einfach andere Routen. Zum anderen ist der Unterhalt intensiv. Viermal im Jahr waren die ­Jäger unterwegs, um die Kissen in den kleinen Behältern aufzufüllen. Eine unbeliebte Aufgabe, denn auch für Menschen riecht die Duftmischung unangenehm.

Gefährliche Hirsche

Aufwendig im Unterhalt waren auch andere Lösungen, mit denen man im Kanton Bern ex­perimentierte: ausrangierte CD und PET-Flaschen, die ebenfalls das Autolicht reflektierten. Oft verhedderten sich aber die Schnüre, an denen die Flaschen und CD angebracht waren. Oder sie wurden beim Mähen von der Maschine mitgerissen. Nebst ­Reparaturen fielen viele Putzar­beiten an. Denn Blütenstaub oder Strassensalz lassen sie abstumpfen. Und eine CD, die nicht mehr glänzt, reflektiert kein Licht.

Auch bei den neuen Reflektoren ist es mit der Montage nicht erledigt. Nun müssen die Jäger aber nur zweimal im Jahr putzen gehen. Denn ebenfalls zweimal jährlich reinigt das Tiefbauamt die Reflektoren, wenn es die Strassenpfosten sowieso putzt.

Jäger und Wildhut erhoffen sich von den blauen Reflektoren aber auch noch eine andere ­Wirkung. «Nebst den Warnschildern machen sie die Autofahrer darauf aufmerksam, dass es auf dieser Strecke viele Wildwechsel hat», sagt Ammon.

Und Vorsicht lohnt sich, gerade wenn grosse Tiere unterwegs sind. Denn je schwerer das Tier, desto höher der Schaden und die Gefahr, die auch für den Menschen ausgeht. Meistens kommen Rehe und Füchse unter die Räder – letztes Jahr wurden aber auch 21 Unfälle mit Hirschen ­registriert.

Grafik zu den Wildtierunfällen Im Kanton Bern im Jahr 2015

Hirsche breiten sich immer mehr im Kanton aus, es gibt mittlerweile sogar welche im Oberaargau. «Ein Hirsch wiegt gerne mal 100 Kilogramm. Und seine grösste Masse befindet sich genau auf der Höhe der Frontscheibe eines Autos», sagt Wildhüter Rudolf Zbinden. Ein solcher Crash könnte für Mensch und Tier tödlich enden.

Berner Zeitung

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