Sesseltanz nach Wandfluhs Rücktritt

Hansruedi Wandfluh tritt aus dem Nationalrat zurück. Ob SVP-Kantonalpräsident Werner Salzmann nachrutschen kann, hängt vom ersten Ersatzmann Jean-Pierre Graber ab.

  • loading indicator
Christoph Aebischer@cab1ane

SVP-Nationalrat Hansruedi Wandfluh tritt überraschend auf Ende Jahr zurück. Dies teilte die Partei am Dienstag mit. Nun lebt die Kontroverse wieder auf, die nach den Wahlen 2011 zu reden gab: Damals wollten Parteistrategen bei einem vorzeitigen Rücktritt Wandfluhs den neuen Kantonalpräsidenten Werner Salzmann in den Nationalrat hieven.

Das Problem: Salzmann hat es 2011 nur auf den zweiten Ersatzplatz geschafft. Vor ihm platzierte sich dank einer Stimme Vorsprung der Bernjurassier Jean-Pierre Graber. Graber sass zwischen 2007 und 2011 selber im Nationalrat und verpasste die Wiederwahl. Er erklärte damals, er verzichte nicht auf sein Recht, einen frei werdenden Sitz zu erben. Denn der Berner Jura müsse im Bundeshaus vertreten sein. Doch dafür mochte Wandfluh nicht Hand bieten. Er entschloss sich im Oktober 2012, im Nationalrat zu bleiben.

Graber bedingt sich Zeit aus

Nun verlässt Wandfluh gleichwohl vor Ablauf der Legislatur das Parlament. In seiner international tätigen Firma stünden herausfordernde Ausbauprojekte an, lautet seine Begründung. «Ich habe dieses Mal nur auf mich geschaut», sagt er. Das war noch vor wenigen Monaten anders. Auch diesen Sommer versuchte die SVP wieder, den ehemaligen Direktor der Handelsschule in La Neuveville zum Verzicht zu bewegen. Vergeblich. Der 68-jährige Graber blieb unnachgiebig und betonte im September gegenüber dieser Zeitung, er fühle sich fit für eine Rückkehr ins Bundeshaus.

Seine unverhoffte und letzte Chance bietet sich jetzt. Gegenüber Radio Jura Bernois bat sich Graber gestern bis im Januar Zeit aus für seine Entscheidung. Drängen lasse er sich nicht. Aber es gelte auch die Interessen der Partei zu berücksichtigen. Graber dürfte seine Entscheidung auch als Pfand sehen: Mit in seine Überlegungen wird fliessen, wen die SVP-Sektion Berner Jura zuhanden der kantonalen Delegiertenversammlung als Nationalratskandidaten vorschlagen wird.

Laut Claude Roethlisberger, Vizepräsident der regionalen Sektion, stellten sich bis jetzt Grossrat Manfred Bühler und Grabers Tochter Anne-Caroline, die ebenfalls im Grossen Rat sitzt, zur Verfügung.

Kein Kuhhandel im Jura

Weitere Interessenten können sich noch bis am 7.Januar 2015 melden, bevor die Sektion zwei Tage später nominiert. Roethlisberger geht davon aus, dass man zwei Kandidaten auf den beiden für den Berner Jura reservierten Linien aufstellt. Die Vorkumulierung einer Person sei unwahrscheinlich. Roethlisberger sagt dies in Anspielung auf Jean-Pierre Grabers im September gemachtes Verzichtsangebot, wenn im Gegenzug der Name seiner Tochter doppelt auf die Liste gesetzt würde. Aber die Kantonalpartei lehnt eine Vorzugsbehandlung regionaler Vertreter ab. Wer es auf die definitive Liste schafft, entscheidet sich an der kantonalen Nominationsversammlung vom 19. Januar.

Fraktion übt Zurückhaltung

Schon länger eingeweiht in Wandfluhs Pläne ist Nationalrat Adrian Amstutz. Amstutz will aber jeglichen Anschein von vorgängigen Absprachen vermeiden: «Jean-Pierre Graber muss sich nun entscheiden – aber auch die Verantwortung dafür tragen», sagt er. Klar ist jedoch: Für Graber wäre die Rückkehr nach Bern bloss ein Dessert seiner Politkarriere. Denn eine erneute Nomination ist selbst im Jura unwahrscheinlich. Für den Parteipräsidenten Salzmann hingegen brächten die Monate im Bundeshaus den begehrten Bisherigenbonus. Dieser sei «wertvoll» fügt Amstutz’ Fraktionskollege Albert Rösti hinzu.

Der 52-jährige Salzmann, der gemäss eigenen Angaben erst seit wenigen Tagen von Wandfluhs Rücktrittsabsicht weiss, stünde bereit. Im Unterschied zu Graber ist er als Nationalratskandidat quasi gesetzt: Die Nomination durch die SVP-Delegierten wird eine Formsache sein. Auf die Frage, ob er gerne nachrutschen würde, bleibt Salzmann kurzangebunden. Dass er Interesse habe an einem Nationalratsmandat zeige seine Bereitschaft, nach 2011 erneut anzutreten. Mehr könne er derzeit nicht sagen.

Wandfluh wird Wahlleiter

Hansruedi Wandfluh, der spätestens Ende 2015 wegen der parteiinternen Amtszeitbeschränkung aufgehört hätte, schuf mit seinem vorzeitigen Rücktritt nach 15 Jahren im Nationalrat nun Fakten. Ganz entledigen kann er sich des Gerangels um seinen Sitz damit nicht. Der bald 63-jährige Unternehmer aus Frutigen wird gemäss Communiqué den kantonalen Wahlkampf der SVP leiten.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt