Schweizer Zucker verliert an Wert

Suberg/Kirchberg

3000 Bauern sollen am Mittwochabend zu einer Kundgebung kommen. Damit Johann Schneider-Ammann über Zuckerrüben nachdenkt.

Ueli Brauen, Chef des Seeländer Rübenrings, hat eine Kundgebung organisiert.

Ueli Brauen, Chef des Seeländer Rübenrings, hat eine Kundgebung organisiert.

(Bild: Susanne Keller)

Dominik Galliker@DominikGalliker

Ueli Brauen lacht. «Nein, so etwas habe ich noch nie gemacht», sagt er. Wohl: Briefe hat er schon Tausende verschickt. Aber noch keinen an einen Bundesrat. Johann Schneider-Ammann ist der Adressat der Nachricht – einer Resolution für den Schweizer Zucker, die am Montagabend rund 3000 Bauern unterschreiben sollen.

Brauen hat dafür eine Kundgebung in Kirchberg organisiert. Er ist überzeugt: Nimmt Schneider-Ammann den Brief nicht ernst, könnten die Schweizer Zucker AG und ihre Fabrik in Aarberg bald vor dem Aus stehen, könnte es schon 2017 keinen Schweizer Zucker mehr geben.

«Jede Blumenwiese bringt mehr ein»

Der 52-Jährige sitzt in seinem Büro in Suberg, vor dem Fenster fährt eine Landmaschine vorbei. «Brauen Lohnunternehmung» steht darauf, dazu das Logo: eine Zuckerrübe in einem Zahnrad. Brauen selber ist kein Landwirt. Er beschäftigt acht Mitarbeiter, besitzt jene Maschinen, die sich der einzelne Landwirt nicht leisten kann. Auch den Transport in die Zuckerfabrik organisiert er als Geschäftsleiter des Rübenrings Seeland mit.

Ueli Brauen legt ein Papier auf den Tisch, eine Aufstellung, wie viel eine Hektare Rüben einen Bauern nach den neusten Preisen kostet und wie viel sie einbringt. Brauen rechnet mit einer guten Ernte, mit 90 Tonnen Rüben, rechnet Dünger, Pflanzenschutz und Direktzahlungen mit ein. Unter dem Strich bleiben dem Bauern von der Hektare Rüben: 800 bis 1600 Franken. «Jede Blumenwiese bringt mehr ein – das ist doch ein Witz.»

Einst lohnte es sich, Zuckerrüben anzubauen. Das bestätigt auch Beat Gerber, Leiter Marketing und Verkauf bei der Schweizer Zucker AG. Brauens Szenario, dass die Zuckerfabrik Aarberg bald schliessen muss, hält er nicht für ausgeschlossen. «Denn wenn es nur in einem Jahr nicht mehr genügend Bauern gibt, die uns Rüben liefern, dann ist unser Unternehmen unwiderruflich an die Wand gefahren.»

Aktuell würden sich tatsächlich viele überlegen, auf andere Kulturen umzusteigen: Mitte August haben die Bauern erfahren, dass sich die Preise 2016 weiter verschlechtern. Jedes Jahr handelt der Verband der Zuckerrübenpflanzer mit der Schweizer Zucker AG einen Richtpreis aus. Zuletzt ging es beim Kompromiss vor allem darum, wie beide über die Runden kommen. 2014 lag der Richtpreis noch bei 56 Franken pro Tonne Rüben, 2016 erhält der Bauer noch zwischen 38 und 43 Franken.

Grund dafür ist der Preiszerfall im europäischen Zuckermarkt, der wegen der bilateralen Abkommen voll auf die Schweiz durchschlägt. Die EU liberalisiert den Markt, dadurch sinken die Preise. Der starke Franken macht Importe noch billiger. «Das summiert sich zu einem gigantischen Ausmass», sagt Gerber. «Innert zweier Jahre sanken der Zuckerpreis und damit die Erträge um 30 Prozent. Wir sind ein KMU. Wie sollen wir das überleben?»

Schon etliche Male habe man bei den Behörden, die für Landwirtschaft und Aussenhandel zuständig sind, höhere Zölle oder einen Schwellenpreis gefordert – «das scheint aber kein Gehör zu finden».

«Da tut sich etwas, das wird gross»

Die Erntemaschine in Ueli Brauens Werkstatt hat 700'000 Franken gekostet. Mit jedem Bauern, der etwas anderes anpflanzt, verliert Brauen einen Kunden. Doch es gehe nicht allein darum, sagt er. «Ich habe Rüben im Blut. Das ist eine wunderbare Kultur, die Wertschätzung verdient.»

Darum hat er Mitte August das Komitee «Rettet den Schweizer Zucker» zusammengetrommelt. «Da tut sich etwas, das wird gross», sagt Brauen. In der Resolution wollen die Bauern einen Mindestpreis für Zucker fordern, der deutlich über dem heutigen Marktpreis liegt. Zahlen will Brauen noch nicht nennen.

Doch wer sollte sich jetzt dafür interessieren, Herr Brauen? «Wissen Sie», antwortet er. Wenn Einzelne in Bern etwas fordern, könne man dies leicht ignorieren. «Wenn diese Kundgebung aber ‹brätscht›, haben wir eine Basis, die den Vertretern Rückendeckung gibt. Die Forderung einfach ignorieren? Aber nicht mit dem Brauen.»

Berner Zeitung

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