Rickenbacher ein gefragter Mann in der Wirtschaft?

Der bernische Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher sucht per Juli 2016 einen neuen Job. Unternehmer zu sein und ein paar Verwaltungsratsmandate zu betreuen – das würde ihm gefallen.

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Jürg Steiner@Guegi
Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Sportler werden bei der Rücktrittserklärung oft von Tränen überwältigt. Sie wirkten cool. Wie sieht es in Ihrem Inneren aus, Herr Rickenbacher?
Andreas Rickenbacher: Anders als von aussen betrachtet. Ich war vor einer Medienkonferenz noch nie so nervös wie vorhin, als ich die Treppe zum Konferenzraum hochkam. Ich bin seit 22 Jahren in der Politik, aber mit Rücktritten habe ich keine Erfahrung.

Lagen Sie letzte Nacht wach?
Ich habe gut geschlafen. Aber im Frühling, als ich mich stark damit beschäftigte, wie es mit mir weitergehen soll, habe ich schlecht geschlafen. Jetzt, da der Entscheid getroffen und kommuniziert ist, bin ich sehr ruhig.

Sie erklären Ihren Rücktritt fast ein Jahr vor seinem Vollzug. Fürchten Sie nicht, sich in dieser langen Zeit reuig zu werden?
Es ist üblich, einen Rücktritt ein Jahr vorher anzukündigen. Das schuldet man auch den Parteien für die Nachfolgeregelung. Ich habe mich nach einem aufreibenden Prozess mehrfach entschieden, jetzt habe ich auch die Klippe der Bekanntgabe hinter mir und fürchte deshalb keinen Rückfall. Vielleicht bereue ich den Entscheid in 3, 4 Jahren, aber so ist das Leben. Jetzt bin froh, dass ich vor 50 eine neue Herausforderung antrete. Man kann in der Politik den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt auch verpassen.

In den USA wären Sie nun eine «lame duck» wie Obama. Der läuft aber gerade zur Hochform auf. Ist er ein Vorbild für Sie?
Ich bin jedenfalls noch sehr motiviert und habe ein paar Projekte, die mir sehr wichtig sind.

Haben Sie Ihre Rücktrittserklärung ins mediale Sommerloch gelegt, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erhalten?
Das Sommerloch ist meines Wissens seit dieser Woche zu Ende. Ich habe bewusst die erste Regierungssitzung abgewartet, nachdem ich den Entscheid in den Sommerferien gefällt hatte.

Sind Sie anderen Regierungsmitgliedern, die auch über den Rücktritt nachdenken, zuvorgekommen?
Davon habe ich an der Regierungssitzung nichts gespürt. Die Mitglieder äusserten eher ihr Bedauern. Auch wenn man das von aussen nicht wahrnimmt: Ich bin ein anerkanntes Regierungsmitglied, das hinter den Kulissen eine wichtige Rolle spielt.

Spricht man unter Regierungskollegen nicht über Rücktritt?
Sicher nicht.

Wie sieht Ihre wenig bekannte Rolle in der Regierung denn aus? Sind Sie der starke Mann, der Strippenzieher? Oder der Brückenbauer?
Ich kann nicht aus dem Regierungszimmer plaudern. Es ist mir schon als SP-Fraktionschef im Grossrat gelungen, mit der FDP Koalitionen für Projekte zu schmieden. Ich erhielt auch in der ganzen Schweiz so viel Vertrauen, dass ich Präsident der Volkswirtschaftsdirektorenkonferenz geworden bin. Das deutet darauf hin, dass mir die Vermittlung und der Kompromiss liegen.

Was ist Ihre Hauptleistung?
Dass der Swiss Innovation?Park nach Biel kommt.

Das hat doch der Bundesrat entschieden.
Ja, aber ich sage ganz unbescheiden: Ohne meine Tätigkeit käme er nicht nach Biel. Ich habe zum Glück Rudolf Noser auf einer Reise mit einer Bundesrätin kennen gelernt, auf der wir über dieses Projekt zu reden begannen. Ich habe mit meiner Direktion und der Stadt Biel die Kandidatur vorangetrieben. Und ich habe nach einer ersten Ablehnung weitergearbeitet und belegt, dass es den Standort Biel braucht.

Gibt es in ihrer Ära auch einen Tiefpunkt?
Alle fragen mich das.

Gibt es gar keinen, oder verdrängen Sie ihn?
Wahrscheinlich. Im Ernst: Natürlich gibt es Tiefpunkte, aber ich bin nicht der Typ, der hadernd zurückschaut.

Was bleibt von Ihnen als linkem Volkswirtschaftsdirektor?
Ich glaube, ich habe aufgezeigt, dass diese Direktion sehr interessant ist, um Soziales, Ökonomisches und Ökologisches zusammenzubringen. Ich bin gerade von linker Seite belächelt worden, als ich die Volkswirtschaftsdirektion übernommen habe. Die dachten: Da kann man wenig bewirken. Das hat sich gewandelt. Eine moderne SP weiss, wie wichtig nachhaltiges Wachstum ist.

Sie haben Gespräche für einen neuen Job geführt. Ist ein Regierungsrat auf dem Markt gut vermittelbar?
Ich habe jedenfalls gehört, dass mein Profil gesucht ist. Ich kenne die Privatwirtschaft wie auch die öffentliche Hand. Ich habe kleinere und grössere Organisationen geführt. Ich kann hinstehen und kommunizieren, ich habe Verhandlungserfahrung und eine ökonomische Grundausbildung. Diese Rückmeldung hat mich bestärkt, den Wechsel zu wagen.

Wir vermuten: Sie machen sich selbstständig.
Würden Sie mir das empfehlen?

Sie möchten ja kaum als langjähriger Regierungsrat Angestellter unter einem Chef werden, oder?
Das ist schwierig, das stimmt. Ich könnte mir vorstellen, ein Unternehmen zu gründen, Projekte umzusetzen, ein Portefeuille von Verwaltungsratsmandaten zu haben. Das wäre ein Modell, das mir Spass machen würde. Aber ich bin offen für das, was kommt.

Das ist heute einer Ihrer letzten öffentlichen Auftritte. Wird es Ihnen leichtfallen, zu verschwinden?
Nein. Die kommende Bedeutungslosigkeit war auch eine der Klippen beim Entscheid. Ich präsentiere gern, stehe gern vor Publikum. Das wird mir fehlen, das ist so.

Berner Zeitung

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