Perrenoud untergräbt einheitliche Heimfinanzierung

Die Gesundheitsdirektion konkurrenziert das Projekt zur Vereinheitlichung der Heimfinanzierung. Entgegen der Empfehlung der Justizdirektion unterstützt sie ein anderes Vor­haben mit 75'000 Franken.

Konkurrenz: Philippe Perrenoud (SP) (links) und Christoph Neuhaus (SVP) sind am gleichen Projekt beteiligt.

Konkurrenz: Philippe Perrenoud (SP) (links) und Christoph Neuhaus (SVP) sind am gleichen Projekt beteiligt.

(Bild: Keystone)

Marius Aschwanden

Zu viele Köche verderben den Brei. Das Sprichwort trifft im Kanton Bern auch auf die Heim­finanzierung zu. Der Grund: Drei Direktionen und vier Ämter operieren mit zwei Finanzierungsmodellen. Das Resultat ist kompliziert und intransparent. Und dies bei steigenden Kosten. Deshalb hat der Regierungsrat 2014 der Verwaltung den Auftrag erteilt, ein einheitliches Finanzierungs- und Steuerungssystem zu entwickeln.

Zwar ist Philippe Perrenouds (SP) Gesundheitsdirektion (GEF) am Projekt beteiligt. Den Lead hat aber die Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion von SVP-Regierungsrat Christoph Neuhaus respektive dessen Jugendamt. Doch auch im Grossen Rat wurde man aktiv: In einem Vorstoss forderte die SVP letzten Herbst, die Kosten für Heimplatzierungen seien in den Griff zu bekommen. In der Vorstossantwort lehnte es die GEF jedoch mit Verweis auf das laufende Projekt ab, verbindliche Zusagen zu machen und an der Finanzierung etwas zu ändern.

75'000 Franken bewilligt

Hinter den Kulissen sieht dies Perrenoud allerdings nicht so eng: Ende November bewilligte er 75'000 Franken für ein anderes Projekt, das unter anderem ein neues Finanzierungsmodell einführen will. Konkret wollen die Sozialen Dienste der Gemeinden lttigen, Muri, Ostermundigen und Münchenbuchsee sowie das Burgerliche Jugendheim der Stadt Bern im Sinne eines Sozialraumkonzeptes verstärkt zusammenarbeiten (siehe Infobox).

Finanzieren wollen die Gemeinden dies über ein sogenanntes Sozialraumbudget, das die Leistungen nach Regionen abgilt. Statt also die Finanzierung im Heimbereich zu vereinheitlichen, würde ein drittes Finanzierungs- und Steuerungssystem etabliert.

Der Kanton übernimmt die Hälfte der Projektkosten über 150 000 Franken. Den Rest bezahlen die beteiligten Gemeinden und das Jugendheim, die das Vorhaben auch initiiert haben.

Jugendamt sagte Nein

Beim Jugendamt ist man wenig begeistert ob diesem Alleingang der GEF. Amtsleiterin Andrea Weik sagt, sie habe in einer Stellungnahme Philippe Perrenoud empfohlen, das Sozialraumvorhaben nicht zu unterstützen, da es nicht mit dem regierungsrätlichen Projekt vereinbar sei.

«Bevor die ldee von Sozialraumbudgets ernsthaft diskutiert werden kann, müssen die heute unterschiedlichen Finanzierungssysteme vereinheitlicht und strukturiert werden», sagt Weik. Erst dann würden aussagekräftige Finanzkennzahlen vorliegen, die analysiert und aus einer regionalen Optik heraus verglichen werden könnten.

«Keinen Widerspruch»

Zwar sei der vernetzte und bedarfsorientierte Ansatz zu begrüssen. Laut Weik besteht aber die Gefahr, dass einzelne Regionen oder Leistungserbringer bevorzugt würden, weil vorwiegend die vertraglich gebundenen Partner für die Erbringung von Leistungen berücksichtigt würden. Deshalb wurden Sozialraumbudgets in manchen Fällen von deutschen Verwaltungsgerichten verboten.

Fachleute kritisieren zudem, dass das Angebot die Bedürfnisse bestimmen könnte – statt umgekehrt. Dem widerspricht GEF-Sprecher Jean-Philippe Jeannerat: Das Vorhaben der Gemeinden decke sich mit den eigenen Erfahrungen, dass gerade das heutige System dem Bedarf der Familien zu wenig gerecht werde. Deshalb müssten Ansätze geprüft werden, die den Unterstützungsbedarf «fachlich sinnvoll, effizient und kostengünstig abdecken».

Zudem, so Jeannerat weiter, sei die Bewilligung für den Projektbeitrag an die Bedingung geknüpft, dass die Entwicklungen des Projekts des Jugendamts «zwingend berücksichtigt» werden müssten. So müssten auch alle interessierten Kooperationspartner miteinbezogen werden. «Wir sehen keinen Widerspruch in den Zielsetzungen der beiden Vorhaben», sagt Jeannerat.

Keinen Hehl um die unterschiedlichen Stossrichtungen macht hingegen Alexander Kobel: «Ein regional ausgerichtetes Versorgungssystem muss auch über ein Globalbudget finanziert werden», sagt der Projektleiter des Sozialraumvorhabens. Unterstützung erhält Kobel aus Heimkreisen. «Die Sozialraumorientierung ist kein Allerheilmittel, aber sie ist ein guter Ansatz», sagt Ueli Affolter von Social­bern. Deshalb ist für ihn klar, dass bei der künftigen Finanzierung Sozialraumbudgets einen Platz haben müssen.

Ambitionierter Zeitplan

Davon will Jugendamtsleiterin Weik nichts wissen: «Wir haben einen regierungsrätlichen Auftrag und halten an der eingeschlagenen Richtung fest.» Mitreden werden dabei allerdings auch die GEF und Socialbern, die beide im Projektteam vertreten sind. Offiziell sollen das Konzept und ein Schlussbericht Ende Jahr dem Regierungsrat vorgelegt werden.

Angesichts der Uneinigkeit hinter den Kulissen scheint dies ein ambitiöses Ziel zu sein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt