Kandergrund

Mitholz: Es dauert noch Jahre bis zur Räumung

KandergrundIm verschütteten Munitionslager Mitholz könnte es alle 300 Jahre zu einer kleineren Explosion kommen. Am Montag präsentierten die Verantwortlichen das Ergebnis einer umfassenden Risikoanalyse.

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Kurz nach 23 Uhr züngeln die ersten Flammen aus dem Berg. Es rattert und knallt im Stollen. Dann bebt die Erde. Auf Mitholz geht ein Hagel aus Geröll und Geschossen nieder. Neun Menschen lassen in der Nacht des 19. Dezember 1947 ihr Leben.

Die Explosion des Munitionsdepots Mitholz gehört zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte der Schweizer Armee. Lange galt das Ereignis als abgehandelt. In Berichten wie dem eingangs zusammengefassten. In der Armee. In Mitholz. Bis Ende Juni die Bundesverwaltung mit einem Zwischenbericht aufwartete und der Verteidigungsminister höchstpersönlich nach Mitholz reiste.

Die Kurzfassung des damals präsentierten Zwischenberichts: Von den 1947 verschütteten Granaten und Fliegerbomben geht eine grössere Gefahr für das Dorf aus, als die Armee jahrzehntelang angenommen und propagiert hatte.

Geschosse im Geröll

Mitholz, Montagabend, zurück in der Turnhalle. Guy Parmelin ist diesmal nicht hier. Dafür sitzen neun Menschen auf dem Podium und rund achtzig im Publikum. Der Berner Polizeidirektor spricht, der Gemeindepräsident auch und ein Sprengstoffexperte. Es geht um Bomben, brüchige Felsen und Notfallkonzepte. Relativ rasch wird klar: Die Bevölkerung hätte es lieber, es würde mehr über ­Lösungen gesprochen.

Die Verantwortlichen präsentieren die Ergebnisse einer umfassenden Risikoanalyse. Und bestätigen bereits Bekanntes: 1947 detonierte nur die Hälfte der gelagerten Munition. Tausende ­Minen und Fliegerbomben verblieben bis heute im Stollen. Bis zu 3500 Tonnen scharfe Munition liegen unter einer Berg­flanke, die als instabil gilt.

Der Bericht enthält weiter einen ­detaillierten Lageplan des Depots. Er zeigt eine Anlage, bestehend aus sechs Kammern, die nach der Katastrophe leer geräumt wurden. Die Gefahr liegt andernorts: im Bahnstollen, der die Kammern verbindet. Durch die Wucht der Explosionen wurde ein beträchtlicher Teil der gelagerten Munition aus den Kammern in den Stollen geschleudert. Dort liegt er bis heute.

So sah das Munitionslager im Berg von Mitholz vor der Explosion vom 19. Dezember 1947 aus. Bei der Detonation sind unter anderem grosse Teile des Bahnstollens eingestürzt, wo heute noch zahlreiche intakte Bomben und Munition vermutet werden. Grafik: brä / Quelle: Risk&Safety AG (klicken zum Vergrössern)

Die Fachleute spielten im ­Bericht zwei Katastrophenszenarien durch: Eine kleinere Explosion mit einer Tonne Sprengstoff und eine mit 10 Tonnen Sprengstoff. Ein kleineres Ereignis kann gemäss der Analyse alle 300 Jahre auftreten, ein grösseres alle 3000 Jahre. So oder so käme es in Mitholz zu Schäden, im schlimmsten Fall zu Toten.

Zeit, Zeit, Zeit

Der Tenor unter den Verantwortlichen lautete: Es braucht Zeit. Zeit, die Anlage richtig zu sichern, mehr Zeit, Notfallkonzepte auszuarbeiten, und ganz viel Zeit, den ganzen Sprengstoff letztlich unschädlich zu machen. Welche Massnahmen dafür infrage kommen, ist noch offen. Das klärt eine separate Expertengruppe ab, angeführt von Brigitte Rindlisbacher. Auch sie sitzt vorne und sagt, der Stollen werde nicht in zwei Jahren geräumt sein.

Der Berner Regierungsrat Philippe Müller (FDP) stellt derweil die Forderung in den Raum: «Bis November verlangen wir einen konkreten ­Zeitplan.» Vom Vertreter des Bundes heisst es, mit einem ­ersten Variantenentscheid sei voraussichtlich Mitte 2020 zu rechnen.

Klar ist eigentlich nur so viel: Auch nach der umfassenden Analyse sind für die Mitholzerinnen und Mitholzer keine Sofortmassnahmen geplant. Auf Dauer müsse das Risiko gesenkt werden. Vielen im Publikum geht das zu wenig weit. Ein Mann fordert: «Wir wollen keine Risikominderung, wir wollen eine Risiko­beseitigung.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.10.2018, 19:00 Uhr

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