Mit wenig Erfahrung auf den Präsidentenstuhl

Am Montag soll der Thuner Carlos Reinhard (FDP) zum Grossratspräsidenten gewählt werden. Der 43- Jährige ist erst seit zwei Jahren im Parlament. Dass ein Neuling das Präsidium übernimmt, sorgt für ­Argwohn.

Carlos Reinhard (FDP) soll heute zum Grossratspräsidenten gewählt werden. Der Thuner ist Geschäftsführer einer Grosswäscherei.

Carlos Reinhard (FDP) soll heute zum Grossratspräsidenten gewählt werden. Der Thuner ist Geschäftsführer einer Grosswäscherei.

(Bild: Marcel Bieri)

Sandra Rutschi

Man war skeptisch vor zwei Jahren, vor allem seitens der SP, der Grünen und der Grünliberalen. Damals schlug die FDP einen absoluten Neuling fürs zweite Vizepräsidium im Grossen Rat vor: den Thuner Carlos Reinhard, der gerade ins Kantonsparlament gewählt worden war. Der FDP fehlte es an Alternativen, also brachte sie den Neuzugang sogleich fürs Grossratspräsidium in Stellung – ein Amt, das Carlos Reinhard nun heute antreten soll.

2014 schaffte der Geschäftsführer einer Grosswäscherei den Sprung ins zweite Vizepräsidium knapp mit 71 von 141 Stimmen. Letztes Jahr war das Resultat fürs erste Vizepräsidium schon besser, und auch heute ist nicht damit zu rechnen, dass seine Wahl gefährdet sein könnte.

Er habe seine Arbeit gut gemacht und sich viel Zeit genommen, um sich in den Ratsbetrieb einzuarbeiten, attestieren ihm mehrere Politiker. «Er hat sich als Vizepräsident bewährt, agiert ruhig und überlegt. Zudem ist er ein offener Mensch», sagt Michael Aebersold (Bern), Fraktionspräsident der SP.

Eine gewisse Skepsis bleibt

Dennoch sind bei einigen Parteien noch immer Vorbehalte zu hören – nicht gegen Reinhard als Person, sondern gegen das Vorgehen der FDP. Nie zuvor war ein Neuling für das Amt aufgestellt worden, das normalerweise altgedienten Parlamentariern vorbehalten ist. «Wir haben gar keine andere Wahl, als ihn zu wählen», sagt Franziska Schöni (Bremgarten), Fraktionschefin der Grünliberalen.

Sie rechnet Reinhard sein überdurchschnittliches Engagement als Vize hoch an – geht aber dennoch davon aus, dass er den Rat weniger souverän führen wird als die erfahrenen Politiker in den letzten Jahren.

Da Reinhard direkt ins zweite Vizepräsidium gewählt wurde, musste er sich politisch von Anfang an zurücknehmen. Er hat seit seinem Eintritt in den Grossen Rat keinen Vorstoss eingereicht.

Kaum jemand im Grossen Rat weiss deshalb, wofür er politisch steht. «Zwar muss man sich als Grossratspräsident neutral verhalten», sagt Bettina Keller (Hinterkappelen), Fraktionschefin der Grünen. Dennoch habe ein altgedienter Grossrat als Präsident mehr Profil und sei gerade auch bei der Repräsentation des Kantons nach aussen sattelfester.

Fragt man Reinhard selber nach seinen politischen Schwerpunkten, nennt er das Parteiprogramm der FDP: sich für Unternehmen starkmachen, Regulierungen aufheben, Steuern ­senken.

In Stadionstreit involviert

Besser als in der Kantonalpolitik kennt man den 43-Jährigen in Thun. Von 1998 bis 2010 war er zuerst Vizepräsident, danach Präsident der städtischen FDP. In dieser Zeit musste die Partei Wahlniederlagen einstecken. «Es erging uns damals nicht anders als anderen FDP-Sektionen», sagt Reinhard. Von 2005 bis 2011 war er Stadtrat und kandidierte mehrmals erfolglos für die Stadtregierung.

In die Schlagzeilen kam er im Zusammenhang mit dem Thuner Stadionstreit. Als Präsident der Stadion-Genossenschaft war er in den Zwist mit dem FC Thun involviert, der Mühe hatte, die Stadionmiete zu bezahlen. Vor diesem Präsidium engagierte er sich im Vorstand des FC Thun, seine Firma war langjährige Sponsorin des Vereins. Heute sponsert er den SC Bern, dessen Gastrobetriebe mit Reinhards Grosswäscherei zusammenarbeiten.

«Alles andere als amtsmüde»

Reinhard übernahm 2014 die Firma in dritter Generation von seinen Eltern. Von Haus aus ist er gelernter Textilpfleger, 1991 trat er in das familieneigene Unternehmen ein, das heute 60 Mitarbeitende zählt. Reinhard lebt getrennt und hat eine Tochter und einen Sohn. Die Tochter absolviert nun auch eine Lehre als Textilpflegerin, sein Sohn geht noch zur Schule.

Dass er nun schneller als gedacht Grossratspräsident wird, sieht Reinhard positiv. Etliche alteingesessene Grossräte würden nur deshalb noch länger in der Politik ausharren, weil ihnen noch dieses Amt winke. «Ich bin aber alles andere als amtsmüde, und zudem zeigt sich darin die Aufbruchstimmung, die in unserer Partei herrscht», sagt er.

Angst davor, sich in einer Ratsdebatte zu verheddern oder bei einem Anlass einen Fauxpas zu begehen, hat er nicht. «Ich habe mich in den letzten zwei Jahren im Ratsbüro gut auf das Amt vorbereiten können», sagt er.

Auch für seinen Auftritt nach aussen hat er ein Konzept: Mit einem eigens kreierten Pin und einer Website unter dem Motto «Schneller als man denkt» will er mit einem Berner Klischee aufräumen. Zudem erzählt Reinhard künftig vor jeder Debatte eine Bärengeschichte, die es später auch als Büchlein geben soll. So soll sein Präsidium auch über das Amtsjahr hinaus in Erinnerung bleiben.

Berner Zeitung

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