Mit Teamgeist zu einer Strategie für den ganzen Kanton

Die neue Kantonsexekutive ist etwas jünger und tickt eher kooperativer als ihre Vorgängerin. Das ist eine gute Voraussetzung für eine Berner Zukunfts­strategie.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn im Juni die drei Neugewählten in die Regierung einziehen, wird sich deren Zusammensetzung spürbar verändern. Das Gremium ist neu mit drei statt zwei Frauen weiblicher. Und weil Newcomerin Evi Allemann (SP) «erst» 39-jährig ist, liegt das Durchschnittsalter nun bei etwas über 51 statt wie bisher über 56 Jahren.

Diese kleine Verjüngung äussert sich auch darin, dass nun eine Mehrheit von vier der sieben Regierungsmitglieder kleine Kinder oder solche im Schulalter hat. Fragen der Kinderbetreuung oder der Vereinbarkeit von Beruf und Familie kennen sie also nicht nur aus der Theorie.

Weniger Alphatiere

Der halbe Generationenwechsel in der Regierung könnte sich auch im Zusammenspiel der Mitglieder äussern. BDP-Präsident Enea Martinelli formuliert das so: «In der neuen Regierung gibt es mehr Potenzial für Teamarbeit, weil weniger Alphatiere vertreten sind.» Die abtretenden Regierungsleute Bernhard Pulver (Grüne), Barbara Egger (SP) und Hans-Jürg Käser (FDP) waren alle drei starke Figuren. Es ist also denkbar, dass die neue Re­gierungscrew teamorientierter kooperiert, auch wenn in ihr bald wieder neue Alphatiere auffallen werden.

«Die neue Exekutive hat nur noch halb so viele Regierungsjahre vorzuweisen wie die bisherige», hat Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) ausgerechnet. Er sieht diesen Verlust an Erfahrung aber nicht nur als Nachteil, sondern auch als Chance: für neue Möglichkeiten der Kooperation noch ohne eingefahrene Routine.

Strategiefreudige Crew

Dank diesem neuen Geist steigen für Enea Martinelli auch die Chancen, dass sich der neue Regierungsrat auf eine kantons­weite Zukunftsstrategie einigen kann. Im weitläufigen und viel­gestaltigen Bernbiet scheiterten Zukunftspläne immer wieder an Partei-, Partikular- und Regionalinteressen. Und weil der Regierungsrat den zersplitterten Kanton repräsentieren musste, wagte er sich bislang kaum an gesamtkantonale Ziele. Er besann sich aufs Verwalten statt aufs Gestalten. Die Mitglieder der neuen Regierung bekunden gegenüber ­dieser Zeitung grundsätzlich ihr Interesse an einer kantonsweiten Strategie. Ihre Ansichten, wie diese aussehen soll, gehen allerdings auseinander.

Die Wirtschaftsturbos

Die konkretesten Vorstellungen hat der unternehmerisch denkende Pierre Alain Schnegg (SVP): «Für eine Strategie braucht es ein klares Ziel, und das besteht für mich darin, dass der Kanton Bern in 25 bis 30 Jahren nicht mehr auf den nationalen ­Finanzausgleich angewiesen ist.» Das müsse in einem Kanton mit dem grössten Schweizer Indus­trieanteil, mit vielen Bildungsinstitutionen und dem stärksten Medizinstandort der Schweiz möglich sein, findet Schnegg.

«Ziemlich ambitioniert», kommentiert Christoph Neuhaus (SVP) die Zielsetzung seines Parteikollegen. Es gehöre zwar zu den Aufgaben der Regierung, ­Ambitionen zu formulieren, sagt Neuhaus, seine aber formuliert er zurückhaltender: Der Kanton Bern müsse wirtschaftlich gestärkt werden, was allerdings nicht vereinbar sei mit der linken Ausgabefreudigkeit. Zentral ist für Neuhaus: «Wir müssen in der Regierung am selben Strick ziehen – und zwar am selben Ende.»

Neuling Philippe Müller (FDP) hält die Formulierung einer Zukunftsstrategie für eine zentrale Aufgabe der Kantonsregierung. Er würde präzisierend von einer Wachstumsstrategie reden. Müller rechnet vor, dass der Kanton Bern nur 87 Prozent der Wirtschaftskraft aller Kantone aufbringe, während die Berner Steuerbelastung 20 Prozent über dem nationalen Schnitt liege. «Beide Lücken muss der Kanton Bern möglichst schliessen», findet Müller. Er ist «zuversichtlich, ja optimistisch», dass der neue Regierungsrat sich auf Wege zu diesem Ziel einigen könne.

Von den bürgerlichen Regierungsmitgliedern äussert sich ­Finanzdirektorin Beatrice Simon (BDP) am zurückhaltendsten über neue Strategieübungen. «Die bisherige Kantonsregierung funktionierte in dieser Hinsicht schon gut, immerhin hat sie etwa das letzte Sparpaket über die Parteigrenzen hinweg einstimmig gutgeheissen», sagt sie. Man müsse einfach schauen, dass die neue Regierung nicht schlechter funktioniere, findet Beatrice Simon.

Bitte keine Machtkämpfe

Die drei Mitglieder des rot-grünen Lagers dürften die ehrgeizigen Wirtschaftsziele der Kollegen Schnegg und Müller nicht vorbehaltlos unterstützen. Schon nur deshalb, weil die bürgerlichen Ziele auch Sparziele sind. Die Rot-Grünen legen ihren Strategiefokus naturgemäss anders.

Christoph Ammann (SP) betont aus seiner Perspektive als Volkswirtschaftsdirektor, dass sich der Kanton Bern nicht in einer Konkurrenz der Parteien verlieren dürfe, sondern erkennen müsse, dass er sich in einer nationalen Konkurrenz der Wirtschaftsstandorte befinde, in der er nicht weiter zurückfallen dürfe. Ammann hofft in der Regierung «auf eine neue Offenheit» und eine «geschlossene Haltung, unabhängig von Mehrheitsverhältnissen». Wie man Kompromisse zwischen den Interessen der Wirtschaft und seiner linken Partei herstellt, darüber kann Ammann in der Regierung kenntnisreich referieren.

Christine Häsler (Grüne) will in der Regierung «gemeinsam vorangehen statt Machtspiele austragen». Zentral ist für sie, Stadt und Land für eine gemeinsame Strategie zu gewinnen. Gern verweist sie darauf, dass dabei ihrem SP-Kollegen Ammann und ihr eine wichtige Rolle zukommen, weil sie als Berner Oberländer eine periphere Region vertreten.

«Der personelle Wechsel in der Regierung wird dem Kanton guttun», ist Evi Allemann (SP) überzeugt. In der SP gehört sie zur gemässigten und kompromissfähigen Realo-Fraktion. Wird sie sich also mit ihren bürgerlichen Kollegen auf kantonale Entwicklungsziele einigen können? «Alle in der Regierung müssen ihre Scheuklappen ablegen», sagt Allemann.

Jetzt müssen die sieben Neuen nur noch zeigen, dass sie solche Vorschusslorbeeren verdient ­haben. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.03.2018, 19:06 Uhr

Kommentare

Blogs

Outdoor Meine Bildungslücke, unser Wanderziel

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Explosive Abrüstung: An der Grenze zwischen Süd- und Nordkorea werden die Bewachungsposten abgebaut. (15. November 2018)
(Bild: Jung Yeon-je/Getty Images) Mehr...