Bauinventar: Das Ringen geht weiter

Vor allem erhaltenswerte Bauern- und Wohnhäuser sollen aus dem Bauinventar der Denkmal­pflege des Kantons Bern gekippt werden. In den nächsten fünf Jahren werden mindestens 11 000 Objekte gestrichen. Die SVP möchte noch weiter gehen.

Im Zentrum von Lyss?sind heute diverse Gebäude als erhaltenswert eingestuft. Bei einer Reduktion der Inventarobjekte auf 7 Prozent würde jenes mit dem grünen Kreuz nicht mehr aufgeführt sein. Bei einer Kürzung auf 6 Prozent wären zusätzlich die beiden Gebäude mit den roten Kreuzen nicht mehr im Inventar verzeichnet.

Im Zentrum von Lyss?sind heute diverse Gebäude als erhaltenswert eingestuft. Bei einer Reduktion der Inventarobjekte auf 7 Prozent würde jenes mit dem grünen Kreuz nicht mehr aufgeführt sein. Bei einer Kürzung auf 6 Prozent wären zusätzlich die beiden Gebäude mit den roten Kreuzen nicht mehr im Inventar verzeichnet. Bild: zvg

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Die kantonale Denkmalpflege muss ihr Bauinventar überarbeiten und dabei mehrere Tausend Objekte aus dem Verzeichnis streichen. Zumindest bis Juni bleibt jedoch die Frage offen, wie viele Gebäude am Schluss noch im Inventar drin sein sollen. Dann entscheidet der Grosse Rat in der zweiten Lesung über die Baugesetzrevision.

Heute sind rund 10 Prozent der Gebäude im Kanton Bern als schützens- oder erhaltenswert eingestuft. Im Rahmen der Kulturpflegestrategie gab das Parlament vor einem Jahr Erziehungs- und Kulturdirektor Bernhard Pulver (Grüne) den Auftrag, diese Anzahl auf 6 Prozent zu reduzieren. Pulver wehrte sich erfolglos dagegen und betonte, dies sei nicht machbar – 7 Prozent hingegen wären realistisch. Im Januar nun sprach sich der Grosse Rat im Rahmen der Baugesetzrevision für diese 7 Prozent aus. Allerdings wird dieses Gesetz erst in der zweiten Lesung im Juni definitiv beschlossen.

Nach Baugattungen streichen

Gestern nun präsentierten Pulver und Denkmalpfleger Michael Gerber, wie sie bei der Überarbeitung vorgehen wollen. Sie fassen dabei primär eine Senkung auf 7 Prozent ins Auge, zeigten aber auf, was eine Reduktion auf 6 Prozent bedeuten würde. Zurzeit sind 39 000 Gebäude im Inventar verzeichnet, davon stehen 14 000 unter der strengeren Schutzkategorie «schützenswert». «Hier haben wir kaum Handlungsspielraum», sagt Pulver. Wenn ein Haus als «schützenswert» eingestuft worden sei, werde es höchstens auf «erhaltenswert» zurückgestuft, aber nicht ganz aus dem Inventar gestrichen werden können. Also will sich die Denkmalpflege auf die 25 000 als «erhaltenswert» eingestuften Gebäude konzentrieren. Bei einer Reduktion auf 7 Prozent würden von diesen noch 14 000 im Inventar verbleiben, bei 6 Prozent noch 10 000.

Beim Überprüfen will die Denkmalpflege nicht nach Gemeinde, sondern nach Baugattungen vorgehen. Das soll einen Vergleich der einzelnen Objekte im gesamten Kanton ermöglichen. Gekürzt wird nicht linear, sondern dort, wo Handlungsspielraum besteht. So sind zum Beispiel laut Pulver nur wenige Käsereien oder Kirchen als erhaltenswert eingestuft, dafür aber viele Bauern- und Wohnhäuser, bei denen auch entsprechend stärker gestrichen werden könne.

Vier zusätzliche Stellen

Bis 2020 werden die erhaltenswerten Objekte unter die Lupe genommen, 2021 und 2022 die schützenswerten. «Wir können die Arbeiten bis 2020 nicht aus eigenen Ressourcen stemmen», sagte Michael Gerber. Zusätz­liche Räumlichkeiten mussten gemietet und vier befristete Projektstellen geschaffen werden. Bis 2020 rechnet die Denkmalpflege mit Projektkosten von jährlich 500 000 Franken. Diese sind in der Finanzplanung der Erziehungsdirektion budgetiert.

Vom Projekt nicht betroffen ist die Stadt Bern, die als Standort des Unesco-Weltkulturerbes Berner Altstadt über eine eigene Denkmalpflege verfügt. Laut Pulver hat die Stadt in den letzten Jahren bereits viele Kürzungen im Bauinventar vorgenommen.

Erneuter Antrag auf 6 Prozent

Auch wenn Pulver gestern betonte, dass etliche Eigentümer und Gemeinden wohl nicht glücklich sein werden, wenn Gebäude aus dem Inventar gestrichen werden, ist eine noch stärkere Kürzung nicht ganz vom Tisch. Grossrat Samuel Krähenbühl (SVP, Unterlangenegg) will sich an der Junisession mit einem Antrag für eine Kürzung auf 6 Prozent starkmachen. Dies hatte er bereits in der ersten Lesung getan, aber keine Mehrheit erhalten. Er findet es stossend, dass Pulver «nach über einem Jahr Stillstand» ausgerechnet jetzt an die Öffentlichkeit trete und für die 7 Prozent weible, wo noch nichts entschieden sei. Pulver widerspricht: Letztes Jahr sei vieles aufgegleist worden, und der Zeitpunkt der Information sei jetzt gekommen, weil es viele Fragen aus Gemeinden und der Bevölkerung zu diesem Thema gebe.

Krähenbühl hat seine Partei im Rücken und geht davon aus, dass die EDU sowie zumindest Teile der anderen bürgerlichen Parteien mithalten werden. Aus Sicht der SVP baut eine stärkere Kürzung Bürokratie ab und gibt den Eigentümern mehr Freiheit beim Umbauen und Nutzen der Gebäude. Von FDP und BDP dürften aber nur vereinzelte Grossräte mithelfen, die 7 Prozent noch zu verschärfen. Im Sinne eines Kompromisses mit der Ratslinken und der Regierung habe man sich als Fraktion in der ersten Lesung für 7 Prozent ausgesprochen und werde wohl dabei bleiben, ­sagen die Fraktionspräsidenten Adrian Haas (FDP, Bern) und Anita Luginbühl (BDP, Krat­tigen). (Berner Zeitung)

Erstellt: 25.02.2016, 20:51 Uhr

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