Männer in die Kitas

Kitas – ein typischer Frauenberuf, wenig Lohn und der Pädophilieverdacht: Der Beruf des Betreuers steht bei vielen Männern nicht hoch im Kurs. Männer- und Fachverbände wollen dies ändern.

Setzten sich für Männer in Kitas ein: René Kissling, Beat Zobrist, Andreas Borter (v.l.).

Setzten sich für Männer in Kitas ein: René Kissling, Beat Zobrist, Andreas Borter (v.l.).

(Bild: Andreas Blatter)

Nur gerade fünf Prozent der Betreuenden in Schweizer Kindertagesstätten sind männlich. Zu wenig, findet der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen. Er hat deshalb 2015 das Projekt «Mehr Männer in die Kinderbetreuung» aufgegleist. Über zwanzig Teilprojekte sind bis heute daraus hervorgegangen.

Im Kanton Bern haben Berufsvertreter und Fachstellen das Projekt «Quereinsteiger in die Betreuungsarbeit» ins Leben gerufen. Ziel sei es, für mehr männliche Präsenz in der Betreuung zu sorgen, sagt Andreas Borter vom Schweizerischen Institut für Männer- und Geschlechterfragen. Das Programm unterstützt Männer, die eine zweite Ausbildung im Erziehungsbereich machen möchten. Sie erhalten einen Jobcoach, der beispielsweise abklärt, was dafür nötig ist, ein Fähigkeitszeugnis zu erhalten.

Fehlende Vorbilder

Kinder würden von Männern als Betreuer profitieren, findet Beat Zobrist von der Organisation der Arbeitswelt Soziales Kanton Bern. «Mädchen und Jungen fehlt es oft an männlichen Vorbildern.» Viele Kinder würden ohne Vater aufwachsen und in der Schule fast ausschliesslich von Frauen unterrichtet – vor allem auf den unteren Stufen. «Kinder sollten deshalb die Möglichkeiten haben, mit männlichen Bezugspersonen Zeit zu verbringen.» Dies auch, weil Männer anders mit Kindern umgehen.

Das bestätigt Dominik Anderes. Der 25-Jährige lässt sich vom Logistiker zum Fachmann Betreuung ausbilden. «Wir Männer lassen die Kinder mehr machen. Wir gehen mehr raus in den Dreck.» Das komme vor allem bei Knaben gut an. «Manche Themen lassen sich zudem besser von Mann zu Mann besprechen.»

Nichtsdestotrotz verursachen Männer in Kindertagesstätten bei einigen Eltern immer noch ein ungutes Gefühl. «Einige Mütter wollen nicht, dass ihre Töchter allein mit Männern sind», sagt Tagi-Leiterin Brigitte Nafzger.

Fälle von pädophilen Kita-Mitarbeitern bleiben den Menschen lange in Erinnerung. Als Mann werde man deshalb unter Generalverdacht gestellt, kritisiert Timon Andeer. Der ehemalige Landschaftsgärtner ist heute Sozialpädagoge.

Typischer Frauenberuf

Schulabgänger für den Beruf zu begeistern, sei schwierig, sagt die Leiterin der kantonalen Fachstelle für die Gleichstellung von Frauen und Männern, Barbara Ruf. «Wenn sich Schüler für eine Lehre entscheiden, befinden sie sich mitten in der Pubertät.» In dieser Zeit sei die Chance gering, dass sich Jugendliche für einen Beruf entscheiden würden, der für ihr Geschlecht untypisch sei. Zudem müssten Schulabgänger vor einer Lehre als Betreuer ein Praktikum absolvieren. «Das wollen wir ändern», sagt Zobrist.

Im aktuellen Projekt gehe es aber um den Quereinstieg. Denn auch das sei ein Bedürfnis, sagt Sabine Tuschling vom Mittelschul- und Berufsbildungsamt. Gleichzeitig aber auch mit Problemen verbunden. «Wir assoziieren einen Berufsumstieg oft mit mehr Lohn und mehr Prestige», führt Borter aus. Mit einem Wechsel in die Betreuung müsse jedoch meist ein tieferer Lohn in Kauf genommen werden.

Besonders schwierig sei der eigentliche Berufsumstieg, welcher mit einem tiefen Lehrlingslohn verbunden sei, erklärt Borter. «Viele Interessierte wollen oder können sich das nicht leisten.» So wie Anderes, für den die zweite Ausbildung nur möglich war, weil er noch bei seinen Eltern lebt. Die Rahmenbedingungen für einen Berufsumstieg müssten sich deshalb verbessern, sagt Borter. Er will dazu die Politik in die Pflicht nehmen. Beispielsweise müsse über Stipendien während einer zweiten Lehre nachgedacht werden – konkrete politische Pläne verfolgt der Verband im Moment nicht.

Berner Zeitung

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