Bern

«Lieber Wasser als geschmackloses Bier»

BernBerner Bier im Expertencheck: Der Bieler Bieraktivist – Laurent Mousson spricht im Interview über Einheitspfützen, mutlose Beizer und Bier als Essensbegleiter. Und zwei Berner Bierlokale müssen harte Kritik einstecken.

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Was trinken wir hier im Erzbierschof im Liebefeld?
Laurent Mousson: (Lacht) Bier! (Die Kellnerin schlägt ein American Pale Ale von Kitchen Brew vor.) Ein gutes Bier aus St-Louis in der Nähe von Basel.

Sie haben sehr viele Biere getrunken. Wie kamen Sie auf den Geschmack?
1990, als ich in Bristol einen Sprachaufenthalt gemacht habe und dort ein lokales Pale Ale trank. Für mich ging eine neue Welt auf. Dann bin ich zum Bieraktivisten geworden.

Wofür kämpft ein Bieraktivist?
Für die Rechte des Konsumenten. Wir kämpfen gegen den Prohibitionismus der Staaten, gegen Strafsteuern für den Biergenuss. Und wir bekämpfen die Lagerbier-Einheitspfützen der Industrie.

Was kann man gegen die Biereinfalt unternehmen?
Lobbying. Mit Menschen sprechen, Evangelisierung betreiben (lacht).

Sind Sie ein Missionar?
Ich bin eher ein Entdecker. Meinen Tropenhelm trage ich seit mehr als 15 Jahren als Zeichen: Geht über das Bekannte hinaus!

Ein Kämpfer für das Bier.
Ich bin eine freie Stimme, ich habe keine finanziellen Interessen in der Industrie. Ich kann sagen, was ich denke. (Die Kellnerin bringt das Bier). Zum Wohl!

Erzählen Sie von diesem Bier, das wir hier gerade trinken.
Es ist ein American Pale Ale. Ein Pale Ale ist ein obergäriges Bier im englischen Stil. Ein bisschen wie Altbier aus Norddeutschland. Dieses hier ist eine amerikanische Interpretation des englischen Stils.

Bestellen Sie jemals einfach eine normale Stange?
Nein.

Aber Sie sind Biertrinker.
Als Bieraktivist kommt natürlich die Frage: Was haben Sie für ein Bier? Damit die Frage mal auf den Tisch kommt (haut auf den Tisch). Falls diese Frage häufiger gestellt wird, werden sich mehr Beizer Gedanken über ihr Bierangebot machen.

Wie ist das Angebot in Bern?
Die Situation ist nicht schlecht. Die meisten Bars, die bei Feldschlösschen unter Vertrag sind, haben Schneider Weisse in der Flasche im Angebot. Und jene, die einen Heineken-Vertrag haben, führen oftmals ein paar Felsenau-Biere, die klar höher einzustufen sind als die Massenpfütze.

Und falls es kein Bier gibt, das Sie mögen?
Dann trinke ich Mineralwasser. Lieber Wasser als geschmackloses Bier.

Wann gibt es in normalen Restaurants eine interessante Bierauswahl?
Das kommt nur langsam. Es gibt noch immer exklusive Lieferverträge mit grossen Brauereien. Die Wirte müssen ihre Freiheit begreifen, gute Biere zu verkaufen.

Gibt es denn gar kein gutes Lagerbier?
Lagerbier ist gar nicht schlecht. Aber wie es von den grossen Brauereien gemacht wird, ist unhaltbar. Das High-Gravity-Brauen ist Tatsache: Grossbrauereien stellen Konzentrate her, die sie dann mit Wasser verdünnen.

Das ist doch ein Gerücht.
Heineken Schweiz hat das vor den Kameras des Westschweizer Fernsehens zugegeben. Ich hatte dem Journalisten die bösen Fragen gegeben. Zuerst brach Heineken-Schweiz-Chef Boudewijn van Rompu das Interview ab. Nach einigem Hin und Her gab er vor der Kamera zu, dass im High-Gravity-Verfahren gebraut werde. Das Verdünnen tue der Bierqualität aber keinen Abbruch, sagte er.

Und, stimmt das?
Quatsch. Das ist, wie wenn Sie einen Teebeutel in einer halben Tasse Wasser ziehen lassen und sie dann auffüllen. Das High-Gravity-Verfahren erlaubt es den Brauern, verschiedene Produkte – ein Starkbier, ein Lager, ein leichtes Bier – aus demselben Sud herzustellen. Es ist alles dasselbe, einfach mehr oder weniger wässerig. Dass Massenbiere alle nach Wasser schmecken, ist kein Zufall.

Macht das Feldschlösschen auch?
Die Firma hat es nie zugegeben. Aber es ist gut möglich.

Wie steht es um das Lagerbier bei den lokalen Produzenten?
Die Regionalbrauereien leisten meistens gute Arbeit. Egger braut gut, ist aber nicht so dynamisch wie Felsenau. Vor 15 Jahren war das Felsenau-Bier noch nicht gut, es enthielt Diacetyl, ein Nebenprodukt im Brauprozess, das nach ranziger Butter riecht. Heute ist die Qualität gut. Es gibt viele gute Lagerbiere aus der Region.

Viele Stadtberner verziehen das Gesicht, wenn sie ein Oberländer Rugenbräu sehen. Zu Recht?
Viele Lagerbiertrinker haben keine grosse Ahnung. Wenn sie ihr Lieblingsbier in einer Blinddegustation erkennen müssten, hätten sie keine Chance.

Dann geht es also mehr um lokalen Patriotismus.
Ja. Bier ist ein identitätsstiftendes Produkt.

Was halten Sie von den Bieren des Alten Tramdepots?
Das Tramdepot gehörte zu den Pionieren. Doch wie in vielen Braupubs ist die Lagerkapazität knapp. Sobald die Nachfrage steigt, stimmt die Qualität nicht mehr, weil das Bier zu jung verkauft wird. Das Bier wirkt dann wie eine unreife Frucht und hat eine Diacetylnote. Auch das Barbière verkauft wegen zu grossen Erfolgs unreifes Bier.

Ein harter Vorwurf.
Das hab ich aus einer guten Quelle, von einem renommierten Bier-Sommelier. Viele Leute, die nicht oft Spezialbiere trinken, merken die Braufehler nicht. Aber man kann sie schmecken. Das Bier und seine Bitterkeit müssen sauber im hinteren Gaumen wirken, ohne dass sich der Mund zusammenzieht.

Sind die neuen Bierspezialitätenbars mehr als nur ein Hype?
Teilweise. Aber von der hohen Nachfrage wird auch nach dem Hipster-Bier-Hype etwas bleiben. Sobald die Menschen etwas Besseres als die Einheitspfütze entdeckt haben, gibts kein Zurück mehr.

Es gibt heute so viele Brauereien wie fast noch nie in der Schweiz. Wie sehen Sie die Entwicklung?
Sie ist gut, aber die Zahlen muss man relativieren. Die Liste der Eidgenössischen Zollverwaltung führt alle auf, die Biersteuer bezahlen. Von den über 500 Schweizer Brauereien gibt es vielleicht 150, die mit dem Bier etwas verdienen. Die Dichte ist dennoch sehr hoch. Die Voraussetzungen sind in der Schweiz gut, die Steuern sind eher tief.

Empfehlen Sie Bier zum Essen?
Ja, es eignet sich sogar besser als Wein. Von der Alkoholschwere und der Geschmacksintensität her gesehen ist die Spannweite beim Bier viel grösser als beim Wein. Die Frische des Biers hilft bei scharfem Essen, das Bittere verträgt sich gut mit dem Fett in den Speisen. Besonders mit Käse ist Bier wunderbar. Dunkle Biere sind zu Blauschimmelkäse hervorragend.

Bier zum Essen – dafür brauchts ein Wissen, das kaum einer hat.
In einem Spezialitätenladen wie dem Erzbierschof oder dem Bier-Bienne können Sie sich beraten lassen. Die wissen, was sie tun. Meine Empfehlung: Wenn Sie ein Essen mit Bier planen, nehmen Sie zwei verschiedene Biere, damit Sie vergleichen und daraus lernen können.

Trinken Sie täglich?
Nein. Höchstens dreimal in der Woche. Und eher wenig. In Québec gibt es den Slogan «Buvez moins, buvez mieux».

Ein Trend?
Der Schweizer Brauereiverband kommt jährlich mit den Zahlen: «Wieder wurde weniger Bier verkauft, oder der Ausstoss wurde knapp gehalten.» Aber die Volumenfrage ist nicht entscheidend. Immer mehr Leute entdecken das Potenzial von Bier. Das Volumen nimmt etwas ab, aber der Gesamtwert des Marktes wächst tendenziell.

Geniessen statt saufen.
Wer sich darum kümmert, was in seinem Glas ist, hat weniger Probleme, seine Konsumuntergrenze zu halten.

Noch eine letzte Frage zur Berner Bierszene: Wer braut das beste Bier in Bern?
(lacht) Es gibt so viele verschiedene Arten, wie soll man da ein «Bestes» erküren können? Zu den kreativen, progressiven gehört 523 in Köniz. Eine ganz kleine Brauerei, die aber hervorragende Produkte macht.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 05.08.2015, 12:09 Uhr

Reaktion der Bierlokale

Die Kritik von Laurent Mousson ist hart. Er sagt, dass zwei Berner Bierlokale zu junges Bier verkauften (siehe Interview). Die Chefs der kritisierten Lokale Altes Tramdepot und Barbière nehmen Stellung.

Thomas Baumann und Braumeister Christian Stoiber vom Alten Tramdepot sagen: «Wir denken sehr wohl, dass unsere Gäste in der Lage sind, zu beurteilen, ob ein Bier gut ist oder nicht. Die konstant gute Bierqualität trägt zu unserem Erfolg bei. Unser Lagerkeller wurde bereits zweimal erweitert. Er ist heute genügend gross, sodass unsere Biere je nach Sorte mindestens zwei bis zehn Wochen gelagert werden können. Eine einzige Ausnahme gab es während der Fussball-WM 2014, als wir für kurze Zeit effektiv zu wenig Lagerkapazität hatten. Unsere Biere werden von unserem Brauteam auf Geschmacksfehler verkostet, bevor sie in den Ausschank kommen.»

Auch Christoph Stotzer und Marcel Graf vom Barbière erwidern Moussons Kritik: «Moussons Aussage ist absolut haltlos, zumal er sich offensichtlich nicht einmal die Mühe genommen hat, dies im Lokal eigenhändig zu überprüfen. Je nach Bierstil werden unsere Biere zwischen fünf Wochen und über einem Jahr gelagert. Eine Ausnahme gab es bis heute, und zwar kurz nach der Eröffnung zwischen dem 24. und 28.März 2014. Damals sind zwei Fässer unseres Pale Ale in den Verkauf gelangt, welche die Trinkreife noch nicht ganz erreicht hatten. Es gibt für uns keinen Grund, junges Bier auszuschenken, da wir allfällige Engpässe mit zugekauften Bieren anderer Schweizer Kleinbrauereien überbrücken können. Die von Herrn Mousson gemachten Äusserungen stehen in Widerspruch zu den Bewertungen unserer Biere durch den renommierten Bierexperten Philippe Corbat.»

Zur Person

Laurent MoussonDer 45-jährige Bieraktivist Laurent Mousson war im Vorstand der Buveurs d’Orges, später Delegierter bei der European Beer Consumers Organisation und von 2004 bis 2011 deren Vizepräsident. Der Bieler war Jurymitglied, unter anderem beim Beer World Cup 2010, 2012 sowie 2014 und hat diverse Fachartikel verfasst. Mousson arbeitet bei einer NGO in Bern als Dokumentarist.

Serie: Bier in Bern

Wie viele Brauereien gibt es im Kanton Bern? Welche Biere sind in Stadtberner Restaurants erhältlich? Was kostet eine Stange? Wann wird am meisten Bier getrunken? In einer Serie beleuchtet die Berner Zeitung das Thema «Bier in Bern».

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