Lehrer dürfen im Team unterrichten

Die Berner Er­ziehungsdirektion will es den Lehrerinnen und Lehrern ermöglichen, dass sie im Team unterrichten dürfen. Der Kanton nimmt eine Forderung von über 800 Lehrpersonen auf. Heilpädagogen verfolgen das Projekt aber aufmerksam.

Zwei Lehrpersonen, eine Klasse: Das soll vom neuen Schuljahr an möglich sein.

Zwei Lehrpersonen, eine Klasse: Das soll vom neuen Schuljahr an möglich sein.

(Bild: Stefan Anderegg)

Vom neuen Schuljahr an soll in Klassenzimmern im Kanton Bern eine neue Unterrichtsform möglich sein: das Co-Teaching. Zwei Lehrerinnen oder Lehrer, die sonst Regelunterricht er­teilen, betreuen dabei die Klasse gemeinsam. Am Freitag hat der kantonale Erziehungsdirektor Bernhard Pulver (Grüne) das neue Instrument präsentiert.

Der Kanton nehme damit eine Forderung der Basis auf, sagte Pulver. «Wir wollen den Schulleitungen noch mehr Flexibilität bei der Integration ermöglichen.» Künftig sollen sie Lektionen, die bisher für die individuelle Förderung von verhaltensauffälligen oder lernschwachen Schülern bestimmt waren, auch für ein Co-Teaching einsetzen dürfen.

Über 800 Lehrerinnen und Lehrer hatten die Erziehungs­direktion letztes Jahr mit einer Petition aufgefordert, gemeinsamen Unterricht von Regellehrpersonen möglich zu machen (wir berichteten). Eine einzelne Lehrperson sei mit der Integration von schwierigen Schülern oft überfordert, argumentierte die Gruppe aus Ostermundigen.

Bisher nur Ausnahmen

Kommt ein Lehrer heute an seine Grenzen, muss er eine Heil­pädagogin oder einen Heilpädagogen zur Unterstützung bei­ziehen. Teamteaching heisst dieses Modell. Es ist nur bei gewissen Fächern oder in Ausnahmefällen möglich, dass Lehrer, die Regelklassen unterrichten, zusammenspannen. Zum Beispiel, wenn sich keine Fachperson findet, weil es im Kanton zu wenige ausgebildete Heilpädagogen gibt.

Hier scheint die Crux des neuen Co-Teaching zu liegen: Dafür ist keine heilpädagogische Ausbildung nötig. «Ich kann mir vorstellen, dass darum nicht alle Heilpädagoginnen und Heilpädagogen von der Idee des Co-Teaching begeistert sein werden», räumte Pulver ein. Aus Sicht von Schülern, die besondere Förderung nötig hätten, sei die Ein­führung des Co-Teaching «eher kritisch» zu beurteilen. «Auf das Fachwissen von Heilpädagogen kann und soll keinesfalls ver­zichtet werden», betonte Pulver.

Bei der Pädagogischen Hochschule Bern verfolgt man das Projekt aufmerksam. «Wir haben grundsätzlich Verständnis für diese rasch wirksame Massnahme», sagt Michael Gerber, Kommunikationsbeauftragter. Mittel- bis langfristig müsse aber das Hauptziel bleiben, mehr Heilpädagoginnen und Heilpädagogen auszubilden. «Es braucht diese Fachleute, und die Schulen sollen auf sie zählen können.» Man sei auf dem richtigen Weg, indem die Ausbildung attraktiver und leichter zugänglich gemacht werde.

Unter Auflagen

Bei der Erziehungsdirektion versichert man, dass die neue Möglichkeit als Ergänzung, nicht als Konkurrenz zu verstehen sei. «Ich bin sicher, dass sich Lehrpersonen fachliche Hilfe von Heilpädagogen holen, wenn sie allein nicht mehr weiterkommen», betonte Erwin Sommer, Vorsteher des Amtes für Kindergarten, Volksschule und Beratung.

Das neue Instrument sei zudem an Auflagen gebunden. «Das Co-Teaching darf nur eingesetzt werden, wenn der individuelle Anspruch von Schülerinnen und Schülern auf besondere Unterstützungsmassnahmen gewährleistet ist.» Heisst: Die Mittel für die besonderen Massnahmen dürfen von einer Schule nicht einfach für Co-Teaching ver­wendet werden, wenn es zum Beispiel einen Schüler gibt, der Logopädie benötigt.

Während einer Konsultationsfrist haben nun die betroffenen Kreise Zeit, sich zum Vorschlag der Erziehungsdirektion zu ­äussern.

Berner Zeitung

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