Kommentar: Eine Frage des Vertrauens

Das Ensi gibt grünes Licht für das AKW-Mühleberg. Über Sicherheit lässt sich immer streiten. Doch die Aufsichtsbehörde agiert transparent - und hat sich damit Vertrauen erarbeitet. Ein Kommentar von BZ-Redaktor Tobias Habegger.

Tobias Habegger@TobiasHabegger

Die Frage wird uns noch bis zum Berner Atomausstieg im Jahr 2019 beschäftigen: Wie sicher ist das AKW Mühleberg? Die Antwort darauf lässt sich weder mathematisch belegen noch kriminaltechnisch beweisen. Zwar kann man die Wahrscheinlichkeiten einzelner Ereignisse, wie etwa das Risiko eines Erdbebens, beziffern. Doch die Gesamtanalyse über Schäden und deren Auswirkung besteht aus Prognosen, Abwägungen und Margen. Das macht die Debatte emotionsgeladen, und sie ist von Misstrauen geprägt.

Einem Normalbürger ohne Hochschulabschluss in Atomphysik bleibt derzeit kaum eine andere Möglichkeit, als der Einschätzung der Nuklearsicherheitsbehörde Ensi zu vertrauen. Denn das Berner Stimmvolk hat diesen Weg im Mai 2014 bewusst gewählt. Das klare Nein zur Initiative «Mühleberg vom Netz» war ein Votum des Vertrauens. Offenbar glaubt das Stimmvolk der Einschätzung der Aufsichtsbehörde. Sonst hätte es Mühleberg den Stecker gezogen. Die Möglichkeit dazu war da.

Das Ensi hat sich dieses Vertrauen erarbeitet: Die Aufsichtsbehörde agiert transparent. Die Öffentlichkeit wurde breit über Zwischenschritte und Massnahmen informiert. Berichte (auch kritische) wurden im Internet publiziert. Dadurch stellt sich das Ensi dem Misstrauen entgegen, das aus Teilen der Bevölkerung gesät wird.

Die Ensi-Vorsitzenden haben sich die Vorschläge der BKW angehört und liessen sich auch mal von alternativen Lösungsansätzen überzeugen. Die Ensi-Vorsitzenden sind imstande, über ihren Schatten zu springen. Sie haben früher gemachte Aussagen der Aktualität angepasst. Für hartnäckige Kritiker bietet dies zwar Angriffsfläche. Doch grossmehrheitlich schafft man sich so Glaubwürdigkeit.

Das Wichtigste: Wenn es sein muss, zeigt das Ensi die Zähne. Vor nicht allzu langer Zeit wollte die BKW ihr Atomkraftwerk bis 2024 oder noch länger am Netz lassen. Doch das Ensi hat interveniert und mehrere Hundert Millionen Franken teure Nachrüstungsmassnahmen verfügt. Erst dieser Schritt hat dazu geführt, dass die BKW im Jahr 2019 Mühleberg quasi freiwillig vom Netz nimmt. Diesem Ausstiegsdatum hätten wohl viele Atomkritiker vor wenigen Jahren noch freudestrahlend zugestimmt.

Mail: tobias.habegger@bernerzeitung.ch Twitter: @TobiasHabegger

Berner Zeitung

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