Kantonale IT-Firma steht am Scheideweg

Der Kanton Bern prüft bei seiner Informatikfirma den Verkauf oder eine wieder stärkere Anbindung. Es geht um 400 Jobs, heikle Daten wie Steuerdossiers und angeblich unfairen Wettbewerb. Bedag-­Präsident Gregor Stücheli erläutert die Zukunftsszenarien und die Gründe für seinen Abgang.

Er sieht seine Zukunft woanders: Bedag-Präsident Gregor Stücheli widmet sich wieder ganz seinen eigenen IT-Firmen.

Er sieht seine Zukunft woanders: Bedag-Präsident Gregor Stücheli widmet sich wieder ganz seinen eigenen IT-Firmen. Bild: Beat Mathys

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Herr Stücheli, nach bloss vier Jahren bei der Bedag geben Sie das Verwaltungsratspräsidium ab. Sehen Sie das Unternehmen wegen der zur Debatte stehenden Privatisierung gefährdet?
Gregor Stücheli: Nein, ich sehe für die Bedag eine sehr gute Zukunft. Das Potenzial für die weitere Digitalisierung und Automatisierung ist gerade bei Behörden riesig. Die Bedag ist in einer guten Ausgangslage.

Warum treten Sie denn zurück?
In meiner eigenen IT-Unternehmung Inventx läuft im Moment so viel, dass ich mehr Zeit dafür einsetzen möchte. Die Zahl der Kunden ist in wenigen Jahren von 4 auf 35 Banken gestiegen, hinzu kommt neu der Versicherer Swiss Life. Andererseits habe ich meine Ziele bei der Bedag, die ich mir vorgenommen hatte, zu einem grossen Teil umgesetzt. Sie ist gut positioniert, und wir haben für die neue Eigentümerstrategie des Kantons vier Szenarien ausgearbeitet und zuhanden des Regierungsrates bewertet.

Wie sehen die Szenarien aus?
Erstens könnte die Bedag wieder in die Verwaltung integriert werden. Es wäre also zum Beispiel ein Amt, das sich um Informatiksysteme und die nötigen Rechenzentren des Kantons kümmert. Zweitens, am anderen Ende der Möglichkeiten, steht die volle Marktexpansion. Die Bedag würde privatisiert, und der Kanton würde all seine IT-Bedürfnisse öffentlich ausschreiben. Und dann sehen wir zwei weitere Varianten: eine Fusion der Bedag mit einer anderen Firma oder eine Limite für den Umsatzanteil mit Dritten von zwanzig Prozent.

Also kein «Weiter wie bisher». Welche Variante empfehlen Sie?
Es ist nicht an uns, dem Eigentümer vorzuschreiben, was er tun soll. Der Regierungsrat hat aber mit der Stellungnahme des Verwaltungsrates eine gute zusätzliche Entscheidungsgrundlage. Die Finanzdirektion wird einen Antrag für die neue Eigentümerstrategie stellen. Alle Entscheidgrundlagen und auch unser Bericht werden noch von drei unabhängigen Gutachtern des Regierungsrates geprüft. Im Frühling dürfte der Regierungsrat dann befinden und auch dem Grossen Rat darüber berichten.

Der Gewerbeverband Berner KMU und der grünliberale Grossrat Michael Köpfli werfen der Bedag unfaire Konkurrenz für private Anbieter vor. Was spricht gegen die Privatisierung?
Die drei Gutachter werden sich auch zur Frage äussern, ob die Bedag private Anbieter in wettbewerbsrechtlich unzulässiger Art und Weise konkurrenziert. Wir sind der Meinung: Nein, denn gegen die Privatisierung spricht unter anderem, dass eine staatliche Organisation wie ein Kanton die Hoheit über die ihr von den Bürgern anvertrauten sensiblen Daten innehaben muss. Das ist nur mit einem eigenen Unternehmen mit einem eigenen Rechenzentrum sichergestellt. Angesichts der Globalisierung und der steigenden Cyberkriminalität ist die Frage der Sicherheit und der hohen Verfügbarkeit der Bürgerdaten zum Beispiel im Bereich der Steuerveranlagung das zentrale Argument. Ich bin überzeugt, dass die Gutachter diese Position bestätigen werden.

Aber der Kanton Bern hat den Auftrag für IT-Anwendungen kürzlich auch für 2018 und 2019 an die Bedag vergeben, ohne dies öffentlich auszuschreiben.
Ich verstehe die Kantonsverwaltung, dass sie keinen Wechsel will, bevor 2019 die neue Bedag-Eigentümerstrategie definitiv beschlossen sein soll. Es geht um viele Applikationen, welche die Bedag entwickelt hat. Ich sehe niemand anders, der den Auftrag so kurzfristig übernehmen könnte. Zudem ist dieses Vorgehen rechtlich korrekt.

Mit Adrian Bieri wird der Generalsekretär der Berner Finanzdirektion neuer Bedag-Präsident. Ist das ein Zeichen dafür, dass die Bedag in die Verwaltung zurückgeholt werden soll?
Es ist nach heutigen Kenntnisstand undenkbar, dass die Bedag zurück in die Verwaltung inte­griert wird. Nein, Adrian Bieri kennt die Bedag sehr gut und auch die Bedürfnisse der Verwaltung des Kantons Bern als Hauptkunden. Er kann der Bedag wertvolle Hinweise geben, wohin sie sich mit weiterenzweckmässigen Digitalisierungen und Automatisierungen sowie der weiteren Steigerung der Bürgerfreundlichkeit bei der Interaktion mit der Verwaltung via Internet entwickeln soll.

Was spricht dafür, dass der Kanton Besitzer der Bedag bleibt?
Ich habe bereits auf das Erfordernis der Hoheit über die kantonalen sensiblen Daten hingewiesen. Die Bedag ist ein sehr zuverlässiges, auf Stabilität und Sicherheit ausgerichtetes Unternehmen mit Sitz in Bern mit einem hochsicheren Rechenzentrum, in dem die Daten geschützt sind. Zudem ist sie mit ihrem Know-how in der Lage, Dienstleistungen auch für die Verwaltungen anderer Kantone anzubieten und damit finanzielle Synergieeffekte zu erzielen, die dem Eigentümer bei der Preisgestaltung zugutekommen. Die Bedag ist sehr fit und wäre in der Lage, noch viel mehr für andere Kantone zu machen.

Der Umsatzanteil der Bedag mit anderen Kantonen beträgt etwa ein Drittel. Das Potenzial ist aber doch beschränkt, jeder Kanton will eine Extrawurst für sich?
Mit einer Standardisierung der Informatikanwendungen lassen sich Kosten einsparen. Es ist ein – wenn auch langsamer – Trend festzustellen, dass Kantone in einer Community vermehrt gemeinsame Software- oder Rechenzentrumsdienstleistungen suchen, nicht zuletzt aus Kostengründen, aber auch, weil so die Professionalität beim Bezug von Informatikdienstleistungen gesteigert werden kann.

Ist ein staatsnahes IT-Unternehmen auch innovativ genug?
Zusammen mit ihren Kunden verbessert sich die Bedag laufend, die Verwaltungsprozesse werden gezielt optimiert und digitalisiert, was den Bürgerinnen und Bürgern zugutekommt. Sicherlich kann sich die Bedag bei der Innovation weiter verbessern. Daran habe ich gearbeitet und einiges umgesetzt: Der Verwaltungsrat ist stark erneuert. Wir werden dem Regierungsrat demnächst ein weiteres Mitglied vorschlagen, das eine Spitzenkraft für Digitalisierung und Security ist. Und wir haben mit Felix Akeret einen neuen Chef, der über zwanzig Jahre für Firmen wie Siemens, T-Systems und Ruag tätig war und als hoch innovativ gilt. Auch die Bedag-Mitarbeitenden sind offen für Neues.

Werden Sie künftig mit ihrer ­Firma Inventx die Bedag konkurrenzieren?
Nein, überhaupt nicht. Die Inventx AG ist spezialisiert auf Banken und Finanzdienstleister, ein Geschäftsfeld, in dem die Bedag nicht tätig ist. Auch dort ist der Bedarf an Digitalisierung riesig. Der Trend geht dahin, sensible Daten in Schweizer Rechenzentren zu sichern, aber für die Nutzung Rechnungsleistung aus der Internetcloud von Microsoft oder IBM zu beziehen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 10.02.2018, 15:09 Uhr

Zur Person

Der St. Galler IT-Unternehmer Gregor Stücheli ist seit 2014 Verwaltungsrat und seit 2015 VR-Präsident der Bedag. Er hatte an der Hochschule St. Gallen studiert und war Chef der Informatik- und Netzwerkdienstleisterin T-Systems Schweiz mit Sitz in Zollikofen. Er ist zudem Verwaltungsratspräsident und Mitinhaber der IT-Firmen Esentica, Inventx, Proventx sowie der ASC Automotive Solution Center. Der 54-Jährige wohnt in Wil, ist verheiratet und hat drei Kinder. jw

Politischer Druck

Die Debatte über den Verkauf der Bedag geht auf einen parlamentarischen Vorstoss der Grossräte Michael Köpfli (GLP) und Patric Bhend (SP) von 2016 zurück. Nur ein Verkauf lasse dem Unternehmen auf dem Markt grösstmögliche Entwicklungsmöglichkeiten und verhelfe dem Kanton gleichzeitig zu mehr Unabhängigkeit beim Bezug von IT-Diensten, argumentierten sie. Der Regierungsrat nahm den Vorstoss entgegen und leitete eine Analyse ein, um die Eigentümerstrategie des Kantons bei der Bedag zu überprüfen. Kürzlich hat der Grün­liberale Köpfli einen weiteren Vorstoss eingereicht wegen der Vergabe von IT-Aufträgen des Kantons an die Bedag für total 88 Millionen Franken ohne ­öffentliche Ausschreibung. jw

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