Ein Zufluchtsort für Mädchen in Not

Neben Frauenhäusern soll es im Kanton Bern künftig auch ein Mädchenhaus geben. Dort sollen Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren in Not Schutz finden.

(Symbolbild)

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(Bild: iStock)

Chantal Desbiolles

Das Frauenhaus ist für viele die letzte Zuflucht. Frauen und Kinder, die von Gewalt betroffen sind, finden hier Sicherheit und Betreuung. Im Kanton Bern sind es drei geheime Adressen, an denen sie unterkommen können. Gewähr dafür gibt es allerdings nicht, denn die Plätze sind rar.

Zum Beispiel im Oberland: 42 Frauen und 49 Kinder nutzten den sicheren Ort in dieser Region. Alarmierend ist, dass gleichzeitig für 44 Frauen andere Lösungen gesucht werden mussten, weil für sie kein Platz mehr war. Das spiegelt sich in der Auslastung, die mit 93 Prozent deutlich höher als in den letzten Jahren lag. In derselben Grössenordnung bewegt sich die Ein­richtung in Bern. Und in Biel liegt der Schnitt seit langem über 80 Prozent. Darunter leidet die Funktion der Frauenhäuser als Schutz- und Notunterkünfte: Frauen notfallmässig aufzunehmen, ist schwierig bis unmöglich geworden.

Andere Bedürfnisse

Immer häufiger und während längerer Zeit belegten sehr junge Frauen die Zimmer in den Frauenhäusern. Doch diese Einrichtungen sind auf Erwachsene ausgerichtet, die ihr Leben selbstständig führen. Entlastung könnte ein Mädchenhaus – wo eine Rundumbetreuung auch nachts garantiert ist – schaffen. So steht es im Bericht des Regierungsrats, der den Bedarf für eine solche Notunterkunft für Mädchen und junge Frauen zwischen 14 und 20 Jahren hat abklären lassen. Den Auftrag dazu hat ihm das Kantonsparlament vor drei Jahren auf Anstoss von Béatrice Stucki (SP, Bern) hin gegeben.

Die Analyse hat ergeben, dass rein rechnerisch vier bis fünf solcher Plätze benötigt werden, teilte die Regierung am Donnerstag mit. Ein Pilotversuch stützt diese Erkenntnis: Während acht Monaten betrieb der Verein «MädchenHouse des Filles Biel/Bienne» ein privat finanziertes Mädchenhaus mit drei Plätzen und einer 24-Stunden-Betreuung für Frauen zwischen 18 und 20 Jahren.

«Ein unabhängiges Mädchenhaus hätte zur weiterenZersplitterungder heute schon recht komplexen kantonalen Opferhilfelandschaftgeführt.»Aus dem Berichtdes Regierungsrats

Nachdem sie vier Varianten geprüft hat, schlägt die Regierung vor, ein Mädchenhaus mit sieben bis zehn Plätzen auf die Beine zu stellen – und dafür die Angebote in der stationären Opferhilfe zu überprüfen. Ein unabhängiges Mädchenhaus hätte ein viertes Schutzhaus mit einem weiteren Leistungsvertrag und Partner bedeutet (jährliche Kosten pro Platz: rund 114000 Franken). «Diese Variante hätte zur weiteren Zersplitterung der heute schon recht komplexen kantonalen Opferhilfelandschaft geführt», heisst es im Bericht.

Ein interkantonales Mädchenhaus scheitert am Interesse der anderen Kantone; diese könnten sich aber umgekehrt vorstellen, Berner Plätze einzukaufen. Im schweizweit ersten Mädchenhaus in Zürich könnte der Kanton Bern sich zwar Plätze sichern (Kostenpunkt: 200 000 Franken pro Jahr und Platz). Doch die Zweisprachigkeit wäre dort nicht gegeben, argumentiert die Re­gierung.

Finanzierung gesichert

Das neue Mädchenhaus wird also «in optimierten Strukturen» unter dem institutionellen Dach der Frauenhäuser entstehen. Mit Kosten pro Platz und Jahr von 150 000 bis 175 000 Franken rechnet der Kanton. Im Voranschlag 2020 beziehungsweise im Aufgaben- und Finanzplan 2021 bis 2023 des Kantons hat der Regierungsrat 900 000 Franken für ein Mädchenhaus eingestellt. Der Grosse Rat nimmt diese Pläne nur noch zur Kenntnis.

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