Kandidatur als Plattform

Ihre Chancen, gewählt zu werden, sind rein rechnerisch gering. Eine gute Plattform für ihre Politik ist die Kandidatur von Jorgo Ananiadis, Jürg Grossen, Denis Simonet und Marianne Streiff-Feller aber sehr wohl.

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Wie auch immer die Wahlen ausgehen werden: Ab Oktober wird sie «Die Schöpfung» von Joseph Haydn einüben und im Januar im Berner Casino zur Aufführung bringen. Marianne Streiff ist zu lange in der Politik, als dass sie sich ihr Hobby als Chorsängerin nehmen lassen würde. Auch dann nicht, wenn sie wie jüngst am 14. Juni mit dem Volks-Nein zur Erbschaftssteuerinitiative und dem Ja zur Präimplantationsdiagnostik gleich zweimal auf der Verliererseite stand. Seit fast einem Vierteljahrhundert macht die ehemalige Lehrerin nun Politik.

Angefangen hat sie 1991 im Gemeindeparlament von Köniz, von 2004 bis 2010 stand sie im Gemeinderat dem Sicherheitsdepartement vor. Nach zwei Jahren im Grossen Rat rutschte sie in den Nationalrat nach – als stets verlässliche Vertreterin der Evangelischen Volkspartei (EVP). Inzwischen ist sie von Köniz in eine Attikawohnung nach Urtenen-Schönbühl gezügelt und hat das Parteipräsidium übernommen. Geblieben sind ihre Hauptanliegen: «Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Menschenwürde.»

Jetzt möchte die 58-Jährige in den Ständerat wechseln. Mit dem Anliegen aus bernischer Optik: «Ich möchte im Rahmen der Diskussionen um den neuen Finanzausgleich Verständnis wecken für die Besonderheiten dieses Kantons.» Dass sie es bei einem konstant tiefen Wähleranteil der EVP von rund 2 Prozent beim Sprung ins Stöckli schwer haben wird, ist ihr bewusst. An zwischenmenschlichen Sympathien fehlt es ihr nicht: Evi Allemann, die als SP-Nationalrätin gar nicht im gleichen Boot rudert, schätzt Marianne Streiff «als verlässlichen Menschen und als Politikerin mit einem offenen Ohr für soziale und ökologische Anliegen». Leider, so Allemann, sei sie «in gesellschaftspolitischen Fragen sehr konservativ eingestellt, was gewisse Allianzen verhindert».

Der Senkrechtstarter

Diametral anders präsentiert sich die Ausgangslage für einen weiteren Mitbewerber im bernischen Ständeratskarussell: für Jürg Grossen aus dem Berner Oberland. Der Kandidat der Grünliberalen hat sich einer gesellschaftspolitisch liberalen Grundhaltung verschrieben. «Ich habe lieber Anreize als Gesetze», ist eines seiner politischen Statements. Und im Gegensatz zu Streiff gehörte er nie zum Heer der Staatsbediensteten, welche zur Ochsentour durch die politischen Instanzen angetreten sind. «Das Unternehmertum ist mein Herzblut», erklärt der Co-Inhaber und Geschäftsführer einer Firma mit dreissig Mitarbeitern für Elektroplanung und -beratung in Frutigen. Die Optik der KMU möchte er denn auch in den Ständerat einbringen.

Gelingt ihm der Sprung ins Stöckli, wäre das bereits sein zweites Gesellenstück: Vor vier Jahren wurde er völlig überraschend als politischer Senkrechtstarter, der zuvor einzig in einer kommunalen Kommission mitgemacht hatte, in den Nationalrat gewählt. Inhaltlich hat sich der 46-jährige Vater von drei Kindern seither aus naheliegenden Gründen auf die Energiepolitik konzentriert, er plädiert für einen kontrollierten Ausstieg aus der Atomenergie und möchte Bern mit seiner Wasserkraft im Ständerat als Clean-Tech-Kanton positionieren.

Ein Engagement, das ihm von politischen Widersachern wie SVP-Fraktionspräsident Adrian Amstutz schlicht nicht abgenommen wird. «Er betreibt eine nicht kohärente Politik und einen Slalomkurs», so dessen harte Kritik, «um möglichst vielen Wählerinnen und Wählern zu gefallen.» Jürg Grossen nimmt derartige Angriffe sportlich wie einst als Juniorentrainer beim FC Frutigen und heute als Mitspieler im FC Nationalrat.

Die Piraten

Bleiben die beiden Kandidaten der Piratenpartei, die in der Vorwahlzeit um Aufmerksamkeit buhlen. Da wäre Denis Simonet aus Ipsach, 30, Gründungspräsident der Piratenpartei und heute deren Pressesprecher. Und Jorgo Ananiadis aus Ostermundigen, 46, der die rund 150 Mitglieder der Berner Kantonalpartei präsidiert. Rekrutiert wurden diese vorwiegend auf Chatforen, und entsprechend monothematisch ist ihr Parteiprogramm. Der «Kampf für Freiheit und Privatsphäre» meint vor allem den freien Datenverkehr und hat in erster Linie eine schärfere Internetüberwachung im Visier. «Das Thema Überwachung muss man angehen», ist Informatiker Simonet überzeugt, er erwähnt die Hooligan-Datenbank und konkret das Bundesgesetz zur Überwachung des Post- und Fernmeldeverkehrs (Büpf). Im Ständerat würde er sich für die Freiheit des Individuums einsetzen und für den Föderalismus. Simonet sagt: «Wir sollten nicht abweichen von der geschichtlich tradierten individuellen Freiheit.»

Auch Jorgo Ananiadis, der eigentlich Georg Max heisst und dessen Vater Grieche ist, setzt auf die Losung Freiheit – verbunden allerdings mit einer Portion Humor: «Für mehr Freiheit, für bessere Bilder, für schönere Berge, für mehr Pointen.» In gewissen Kreisen besser bekannt ist der Piraten-Kandidat als Hobby-Discjockey und Vorstandsmitglied des Vereins Nachtleben Bern. Aber vor drei Jahren wurde ihm bei einem Hausbrand seine ganze Schallplattensammlung mit mehreren Tausend Vinylplatten vernichtet – seither ist es ruhiger geworden um DJ Jorgo.

Der Elektroingenieur HTL und Vater einer Tochter ist selbstständiger Berater und Projektleiter im Bereich Telecom und Informatik. «Schlüsselthema» der Piraten sei tatsächlich das neue Überwachungsgesetz, sagt Ananiadis, «das würde ich gerne kippen».

Am 23. September hat er Gelegenheit, sich vor Publikum zum Thema «Die Schweiz auf dem Weg zum Überwachungsstaat» zu äussern. Ein mit Nationalrätin Doris Fiala (FDP) und Nationalrat Gerhard Pfister (CVP) prominent besetztes Podium im Käfigturm bietet dem doch chancenlosen Piraten immerhin eine höchst willkommene Plattform.

Berner Zeitung

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