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Junkies sollen kein Dormicum mehr kriegen

Eine Handvoll Berner Ärzte gibt rasch abhängig machende Medikamente wie Dormicum in grossen Mengen an Drogenabhängige ab. Dies ruft nun Grossräte auf den Plan.

Adrian Zurbriggen
Dormicum: Debatte um süchtig machende Pillen.
Dormicum: Debatte um süchtig machende Pillen.

Die Arztpraxis als Selbstbedienungsladen für Drogensüchtige: Vor Monatsfrist berichtete diese Zeitung über mehrere Psychiater im Kanton Bern, welche die Drogenszene mit rasch abhängig machenden Medikamenten versorgen – vorab mit dem Schlafmittel Dormicum aus der Gruppe der Benzodiazepine, aber auch mit Amphetaminen wie Ritalin (siehe Kasten). Diese Medikamente sind allesamt dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Nun werden kantonale Politiker aktiv: Zum gestrigen Sessionsauftakt des Grossen Rats haben Barbara Mühlheim (GLP, Bern), Enea Martinelli (BDP, Matten) und Anna Linder (Grüne, Bern) unter dem Titel «Genug ist genug!» eine dringliche Motion eingereicht.

Die zentrale Forderung: Der Kanton soll Richtlinien erlassen zur Verschreibung von dem Betäubungsmittelgesetz unterstellten Medikamenten an Süchtige. Zwar müssen solche Verschreibungen vom Kantonsarztamt bewilligt werden. Doch weil die therapeutische Freiheit der Ärzte in der Schweiz sehr weit geht, kann der Kantonsarzt einem Arzt auch bei hohen Dosierungen die Bewilligung kaum verwehren.

Wie Kantonsarzt Thomas Schochat sagt, existiert bereits eine Richtlinie, die auf die Empfehlungen der schweizerischen Gesellschaft für Suchtmedizin verweist. Doch wirklich handfest sei das nicht, gibt Schochat zu: «Da es sich nur um Empfehlungen handelt, ist der Grad der Verbindlichkeit relativ gering.»

Kommt faktisches Verbot?

Barbara Mühlheim, als Leiterin der Kontrollierten Drogenabgabestelle Bern vertraut mit der Materie, geht dies zu wenig weit. Vor allem im Bezug auf Dormicum – das heftigst einfährt, günstig zu haben ist und verheerend rasch abhängig macht – will sie griffigere Vorschriften.

Mühlheim fordert, dass der Kanton keine Bewilligungen mehr zur Verschreibung von Dormicum an Süchtige erteilt: «Es gibt keine medizinische Studie, die belegt, dass eine Abgabe an Drogenabhängige Sinn macht.» Weder könnten Süchtige damit adäquat behandelt werden, noch erreiche man eine psychische und soziale Stabilisierung.

Wenn es politisch erwünscht sei, könne man die Richtlinie in diese Richtung verschärfen, sagt Schochat: So, dass in der Substitutionsbehandlung nur noch Benzodiazepine mit einem relativ langsamen Wirkungseintritt und einer mittellangen bis langen Halbwertszeit bewilligt werden. Diese würden nicht «einfahren» und könnten deshalb kaum für «Flashes» missbraucht werden. Dormicum mit seiner kurzen Halbwertszeit wäre so ausgeschlossen.

Neben strengeren Richtlinien fordert die Motion unter anderem ein griffiges Kontrollsystem, damit grosszügige Dormicum-Rezepte in keinem Fall mehr dem Radar des Kantonsarztes entgehen. Zudem soll der Kanton ein niederschwelliges, unbürokratisches Meldesystem schaffen, wo Apotheken, Spitäler und Ärzte Verdachtsfälle deponieren können.

Kommt Praxisbewilligung?

Darüber hinaus hat gestern Montag auch Daniel Steiner-Brütsch (EVP, Langenthal) auf die Berichterstattung über die Dormicum-Ärzte reagiert: Zuhanden der Fragestunde von kommendem Dienstag will er vom Regierungsrat etwa wissen, ob die Einführung einer Praxisbewilligung ein probates Mittel zur besseren Kontrolle sein könnte. Im Kanton Bern brauchen selbstständige Ärzte bloss eine Berufsausübungsbewilligung.

In dieser Zeitung hatte Kantonsarzt Schochat bereits im Dezember gesagt, dass eine Praxisbewilligung helfen würde: Mit diesem Mittel in der Hand könnte sein Amt bei Meldungen über zweifelhafte Praktiken Kontrollen vor Ort machen.

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