Jean-Pierre Graber, Familienpolitiker

Der Fall des selbst ernannten Ständeratskandidaten Rudolf Joder ist nur eines von zwei Personalproblemen der Berner SVP. Das andere, weit amüsantere, sitzt in La Neuveville und heisst Jean-Pierre Graber.

«Die SVP muss auch Verständnis haben für mich»: Alt-Nationalrat Jean-Pierre Graber, hier auf einem Bild vom letzten Sommer, gibt seinen Ersatzplatz nicht her.

«Die SVP muss auch Verständnis haben für mich»: Alt-Nationalrat Jean-Pierre Graber, hier auf einem Bild vom letzten Sommer, gibt seinen Ersatzplatz nicht her.

(Bild: Beat Mathys)

Er ist 68 Jahre alt und sass ab 2007 während vier Jahren als Jura-Vertreter für die Berner SVP im Nationalrat. 2011 wurde Jean-Pierre Graber nicht mehr gewählt und landete auf dem ersten Ersatzplatz – mit einer Stimme Vorsprung auf SVP-Präsident Werner Salzmann.

Dort, gewissermassen direkt vor der Flügeltür in den Nationalratssaal, sitzt er nun seit zweieinhalb Jahren. Und dort bleibt er. Parteiräson hin oder her. Schon seit Frühling 2012 versuchen verschiedene Politgrössen, Graber zum Verzicht zu bewegen, damit der 52-jährige Salzmann in den Nationalrat nachrücken könnte. Aus nachvollziehbaren Gründen: Die Berner SVP, die jahrzehntelang einen Bundesrat stellte und die Bundespolitik mitbestimmt, möchte, dass ihr Präsident im eidgenössischen Parlament sitzt.

«Ich verzichte nicht»

Aber Graber sagt mit geradezu entwaffnender Offenheit: «Nein. Ich verzichte nicht. Ich fand meine Abwahl unfair. Klar, das war Demokratie. Aber ich habe das Gefühl, gute Arbeit geleistet zu haben.» Er sei fit, jogge noch locker 15 Kilometer. «Ich gehöre noch nicht ins Altersheim.»

Nach dem Fotofinish von 2011 verzichtete Werner Salzmann darauf , wegen der einen Stimme Differenz eine Wahlbeschwerde einzureichen. Im Gegenzug liess ihn Graber per Mail wissen, dass er bis 2013 sicher nicht von seiner Poleposition weichen werde. Aber gegen Ende der Legislatur sei er dazu durchaus bereit und lasse mit sich reden.

Mit ihm geredet hat bei einem schönen Nachtessen im Frutiger Tropenhaus Hansruedi Wandfluh. Der Unternehmer, dessen Firma auch in China tätig ist, wäre auch ohne Nationalratssitz gut ausgelastet. Beim Dessert gab Wandfluh seinem Ex-Nationalratskollegen Graber zu verstehen, dass er gerne zurücktreten würde, um Werner Salzmann nachrücken zu lassen. Dafür müsse aber auch er, Graber, auf seinen Ersatzplatz verzichten.

«Neue Ausgangslage»

«Das versteht doch jeder, dass ich dazu nicht Ja sagen konnte», erinnert sich Jean-Pierre Graber. «Das war eine neue Ausgangslage. Er wollte zurücktreten. Aber nur für Salzmann, nicht für mich. Und ich? Ich stehe mit leeren Händen da.» In der Politik, erklärt der in Fahrt geratene Politiker ohne Umschweife, müsse jeder für sich schauen, da werde keinem etwas geschenkt. Er habe durchaus Verständnis für die Partei, fügt er noch hinzu, «aber die Partei muss auch Verständnis haben für mich».

Er sei nicht stur. Im Gegenteil. Er habe der Partei schon zu einem frühen Zeitpunkt vorgeschlagen, dass er bei einer Vakanz in den Nationalrat zurückkehre und sich dann nach der Frühlingssession von 2015 zugunsten von Salzmann zurückziehe. Graber hielt das für einen gut durchdachten Vorschlag: «Dann hätte Salzmann auf seine Wahlplakate, die so im Mai gedruckt werden, schreiben können, er sei bisheriger Nationalrat.» Aber offenbar überzeugte das Angebot keinen der Nationalräte, die zu seinen Gunsten hätten Platz machen können. Und auch Werner Salzmann scheint Kuhhändel trotz seiner landwirtschaftlichen Herkunft nicht zu mögen, wie SVP-Sekretärin Aliki Panayides betont: «Er will nur nachrutschen, wenn es sauber läuft.»

Joder hoffte vergeblich

Inzwischen rücken die eidgenössischen Wahlen 2015 näher, und das macht einen anderen Politiker nervös, der sich im fortgeschrittenen Alter nur ungern vom Bundeshaus verabschiedet. Hätte Graber den direkten Weg für Salzmann frei gemacht, wäre das Rennen um die Ständeratskandidatur für den Belper Nationalrat Rudolf Joder zumindest in dessen eigener Einschätzung noch etwas offener gewesen. Letzten Freitag aber realisierte Joder, dass sich die SVP anschickte, das Seniorenkartell endgültig zu sprengen. Ein Fraktionskollege hatte ihm eröffnet, dass alle Berner SVP-Nationalräte eine Ständeratskandidatur von Werner Salzmann unterstützen.

Nicht ohne meine Tochter

Inzwischen hat sich Hansruedi Wandfluh «darauf eingestellt, die laufende Legislatur fertig zu machen», wie er erklärt. So wie die Dinge nun liegen, wird auch Jean-Pierre Graber im Herbst 2015 trotz seiner Hartnäckigkeit mit leeren Händen dastehen. Er macht sich auch gar keine Illusionen: In der deutschen Schweiz wolle man im Unterschied zu Italien keine Pensionäre in der Politik. Natürlich habe er keine Chance, noch einmal auf die Nationalratsliste zu kommen. Und gewählt werde im Jura natürlich Manfred Bühler, das sei für ihn sonnenklar. Dieser habe sich im Regierungsratswahlkampf die nötige Bekanntheit erworben.

Diese Erkenntnis erstaunt, weil Jean-Pierre Graber damit freimütig zugibt, dass auch sein letzter Trumpf kaum stechen wird. Es gibt nämlich «eine grosse Ausnahme», wie er feierlich erklärt, eine Bedingung, unter der er sich sofort zurückziehen würde: «Ich spiele da mit offenen Karten: Wenn meine Tochter kumuliert auf die Nationalratsliste kommt, mache ich Platz für Salzmann.»

«Ein good Deal»

Dass die Berner SVP das alte Jura-Privileg wieder aktiviert und einen Namen auf der Wahlliste doppelt aufführt, ist allerdings ziemlich unwahrscheinlich, wie Parteisekretärin Panayides erklärt. «Der Entscheid liegt ohnehin bei der Delegiertenversammlung.»

Der fürsorgliche Vater vom Bielersee kann kaum darauf hoffen, dass die Delegierten mehr als eine Linie auf der Nationalratsliste für seine Tochter reservieren. Anne-Caroline Graber sitzt seit 2012 im Grossen Rat und erlangte als damalige Freundin von Abzocker-Schreck Thomas Minder kurzzeitig nationale Bekanntheit. «Sie wurde glänzend gewählt und hat eine gute Ausbildung», erklärt ihr Vater. «Es ist doch völlig legitim, dass ich wenigstens etwas für meine Tochter tun will.»

Dass das jeder verstehen könne, wie er findet, dürfte etwas übertrieben sein. Aber einen Mangel an Transparenz kann diesem Politiker niemand vorwerfen. Und eine Frohnatur ist er auch: «Nein, das ist doch keine Erpressung – das ist ein good Deal.»

Berner Zeitung

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