Inselspital verliert vor Gericht

Bern

Laut dem Regionalgericht Bern-Mittelland hat das Inselspital der Oberärztin Natalie Urwyler 2014 zu Unrecht gekündigt.

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Jürg Steiner@Guegi

Der Entscheid, den Gerichtspräsidentin Andrea Gysi fällte, hat es in sich: «Die Kündigung vom 17. Juni 2014 wird aufgehoben.» Gemeint ist die Entlassung von Natalie Urwyler, die damals an der Klinik für Anästhesiologie und Schmerztherapie (KAS) als Oberärztin arbeitete – und mit einer Klage wegen Verletzung des Gleichstellungsgesetzes gegen ihre Kündigung vorging.Urwylers Fall, im November 2014 von dieser Zeitung publik gemacht, löste landesweite Aufmerksamkeit aus, weil die Ärztin sich mit Vehemenz für ein Thema engagierte, das in der Spitzenmedizin und -wissenschaft gerne kleingeredet wird: die Diskriminierung von Frauen. Urwyler war neben ihrer Tätigkeit im Spital auch erfolgreiche Wissenschaftlerin. 2014 habilitierte sie als erst zweite Frau in der Geschichte der Universität für das Fach Anästhesiologie als Privatdozentin.

Hartnäckige Kritikerin

Klinikintern machte sich die ehrgeizige Ärztin einen Namen als hartnäckige Kritikerin von Mängeln bezüglich Arbeitsklima, Patientensicherheit und Gleichstellung. Beispielsweise kritisierte sie wiederholt den tiefen Frauenanteil in Führungspositionen. Heftig beanstandete Urwyler den systematisch missachteten Mutterschutz. Sie dokumentierte akribisch mehrere Fälle von KAS-Mitarbeiterinnen, die Fehlgeburten erlitten, weil sie die im Arbeitsgesetz vorgeschriebenen Ruhezeiten nicht einhalten konnten. Zu den Betroffenen gehörte auch Urwyler selber.

Ihre Kritik trug sie insel- und universitätsintern verschiedenen Vorgesetzten, Personal- und Gleichstellungsbeauftragten vor. Der Gang auf dem Dienstweg blieb aus Urwylers Sicht wirkungslos – ausser, dass sie selber unter Druck geriet.

Insel: «Kein Kommentar»

Urwylers Differenzen mit Klinikleiter und Chefarzt Frank Stüber eskalierten. Im Juni 2014 sprach das Inselspital Urwyler die Kündigung aus. Offizielle Begründung: Das Arbeitsverhältnis sei «aufgrund zahlreicher Vorfälle über längere Zeit sehr belastet worden». Die entlassene Oberärztin reagierte mit einer reich dokumentierten Klage, in der sie ihre massiven Vorwürfe auflistete. Die beklagte Inselspital-Stiftung stellte sich stets kompromisslos hinter Klinikdirektor Stüber. Als diese Zeitung im ­November 2014 aus der Klage zitierte, liess die damalige Leitung der Klinik für viszerale Chirurgie und Medizin in der Abteilung ein Flugblatt aufhängen, in dem der Artikel als «verleumderisch» und «diffamatorisch» abqualifiziert wurde.

Drei Jahre später gibt das Regionalgericht Natalie Urwyler in einem Punkt, der das Gleichstellungsgesetz betrifft, recht. Die Kündigung wird aufgehoben. Welche Überlegungen das Gericht zu diesem Schluss führten, weiss man erst, wenn eine der beiden Parteien die schriftliche Begründung verlangt. So lange will das Inselspital den Entscheid nicht kommentieren, wie die Leiterin der Kommunikationsabteilung, Franziska Ingold, festhält. Natalie Urwyler will heute vor die Medien treten.

Berner Zeitung

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