Industriewüste weicht schickem BFH-Campus

Das Siegerprojekt für den Berner Campus der Fachhochschule steht fest. Der erste Eindruck: Auf dem Industriedreieck im Weyermannshaus wird es grün und futuristisch.

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Benjamin Bitoun

Das Industrieareal Weyermannshaus-Ost ist ein Berner Unort. Verwahrloste Fabrikhallen und Deponien, eingequetscht zwischen Bahngleisen und Autobahn: Fast alles an dem 38'000 Quadratmeter grossen Areal stinkt nach Vergänglichem und Vergangenem – doch nicht mehr lange. Denn schon bald wird hier der neue Campus der Berner Fachhochschule (BFH) stehen.

Am Montag wurde das Siegerprojekt des vom Kanton ausgeschriebenen Architekturwettbewerbs präsentiert. Es verspricht: Die Narbe am nördlichen Siedlungsrand Berns wird sich nicht nur in eine grosszügige Grünfläche samt offenem Stadtbach und hochmodernen Schulgebäuden verwandeln. Gleichzeitig wird ein zweigeteiltes Quartier vernetzt und aufgewertet werden.

Sieger aus Stuttgart

Gebaut wird der neue Campus Bern-Weyermannshaus von einem Planungsteam unter der Leitung des Büros Wulf Architekten aus Stuttgart. Mit ihrem Projekt «Dreierlei» haben sie sich gegen 35 Mitbewerber durchgesetzt – einstimmig, wie Jurypräsident und Kantonsbaumeister Angelo Cioppi sagt.

Einer der Gründe dafür: die innovative Gliederung der Gebäude. «Die als separater Kubus in Erscheinung tretenden oberen Gebäudeteile bringen die Eigenständigkeit der Departemente Gesundheit, Soziale Arbeit, Wirtschaft und der performativen Künste optimal zum Ausdruck», so Cioppi. Auf einem gemeinsamen Betonsockel errichtet und durch eine Art Boulevard miteinander verbunden, seien die Gebäude aber dennoch Teil eines einzigen Campus.

Auffällig am Entwurf der Architekten: Durch die Aufnahme der Schräge des Baugrunds steht der mittlere Kubus verdreht in der Häuserlandschaft. «Dies soll die Eigenständigkeit der Hochschule für Musik und Theater zum Ausdruck bringen», sagt Architekt Tobias Wulf. Der Büroinhaber und Architekturprofessor hat sich in Deutschland im Hochschulbau einen Namen gemacht. Für den Bau des BFH-Campus hat er sich unter anderem mit dem Basler Architekturbüro Studio Pez zusammengetan. Für die Holzarbeiten arbeitet Wulf mit der Berner Firma Holzprojekt GmbH zusammen.

Hohe Anforderungen

Die Architekten erwartet ein anspruchsvolles Projekt. Zu berücksichtigen gilt es einerseits die zahlreichen Anforderungen von Stadt und Kanton. Verlangt wurden höchstmögliche Energieeffizienz und der Einsatz erneuerbarer Energien zur Deckung des eigenen Energiebedarfs. Als grosser Waldbesitzer fordere der Kanton zudem den Einsatz von Holz, sagt Cioppi.

Andererseits entsteht der Campus in einem durch Lärm stark belasteten Gebiet: Im Westen befindet sich das Autobahnviadukt der A12 Bern–Fribourg. Im Süden grenzt das Areal an die Gleise der Eisenbahnlinien Bern–Fribourg und Bern–Kerzers. Heisst: Die Gebäude müssen auch in puncto Akustik höchsten Anforderungen gerecht werden. «Anspruchsvoll, aber machbar», so das Fazit von Architekt Tobias Wulf. «Die besonderen Anforderungen und die Eigenheiten des Areals ermöglichen es uns, der BFH mit dem Campus ein eigenes Gesicht zu verleihen.»

Darauf freut sich auch der Rektor der Berner Fachhochschule, Herbert Binggeli. «Ein Gesicht ist genau das, was der BFH heute in Bern fehlt.» Alle wüssten, wo in Bern die Uni sei, so Binggeli. Bei der BFH sei dies hingegen anders. «Im schweizweiten Wettbewerb unter den insgesamt sieben Fachhochschulen ist diese fehlende Visitenkarte fatal.» Der Rektor hofft, durch den modernen und gut erschlossenen Campus Studierende und Dozierende aus der ganzen Schweiz anzuziehen.

Anschluss an Europaplatz

Nur: Gerade in Sachen Erschliessung bleibt noch viel zu tun. Noch ist das Gebiet Weyermannshaus-Ost, wo der neue Campus entsteht, von den ÖV-Haltestellen am Europaplatz durch die Bahngleise getrennt. Eine Unterführung soll hier Abhilfe schaffen und gleichzeitig die Stadtteile südlich und nördlich der Bahngleise für den Fuss- und Veloverkehr miteinander verbinden. Die heutige Strassenverbindung Steigerhubelstrasse unter den Bahngleisen wird hingegen aufgehoben. Als Ersatz für die Verbindung werden die SBB bis 2025 eine Passerelle für den Fuss- und Veloverkehr bauen.

Gemäss Kanton belaufen sich die Gesamtkosten für den Bau auf rund 364 Millionen Franken. Falls der Grosse Rat 2021 den Ausführungskredit spricht, fahren im Sommer 2022 die Bagger auf. Im Herbst 2026 soll auf dem ehemaligen Industriearal der Unterricht beginnen.


Im Rahmen einer öffentlichen Ausstellung können vom 29. Januar bis zum 8. Februar sämtliche prämierten Projekte an der Steigerhubelstrasse 94 in Bern zu den folgenden Zeiten besichtigt werden: Wochentags zwischen 16.30 und 19.30 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr. www.campus-bern.ch

Berner Zeitung

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