Industrielle kritisieren die Fachhochschule

Unternehmer aus der Region Thun kommen aus der Deckung und üben Kritik an der Berner Fachhochschule. Diese lege zu viel Wert auf die Forschung und habe keinen direkten Draht zur Industrie, finden sie.

Anspruchsvolle Ausbildung: Ein Student der Berner Fachhochschule in Burgdorf an der Arbeit. Die Hochschule bildet im Departement Technik und Informatik 1250 angehende Ingenieure aus.

Anspruchsvolle Ausbildung: Ein Student der Berner Fachhochschule in Burgdorf an der Arbeit. Die Hochschule bildet im Departement Technik und Informatik 1250 angehende Ingenieure aus.

(Bild: Walter Pfäffli)

Stefan Schnyder@schnyderlopez

Eine Gruppe von Maschinenbauunternehmen ist unzufrieden mit der Qualität der Ausbildung an der Berner Fachhochschule. Bei der Gruppe handelt es sich um die Chefs der fünf grössten Maschinenbauunternehmen in der Region Thun – Schleuniger, Fritz Studer AG, Rychiger, Meyer Burger und Ruag.

Die Gruppe ist hinter den Kulissen schon seit längerem aktiv. Im September machte sich eine hochkarätige Delegation aus Bern auf den Weg nach Thun zu einer Unterredung mit den Maschinenbauern. Der Behördendelegation gehörten Regierungsrat und Bildungsdirektor Bernhard Pulver, Schulratspräsident Georges Bindschedler und Herbert Binggeli, Rektor der Berner Fachhochschule, an.

Die fünf Postulate

An diesem Treffen präsentierten die Maschinenbauer ihre Vorschläge, wie die Fachhochschule im Departement Technik und Informatik im Allgemeinen und beim Studiengang Maschinentechnik im Speziellen die Ausbildung verbessern könnte.

Sprecher der Gruppe ist Fred Gaegauf, der Chef der Steffisburger Fritz Studer AG. Gaegauf hat klare Vorstellungen, was bei der Fachhochschule ändern müsste. Die Thuner Maschinenbauer fassten ihre Forderungen in fünf Postulaten zusammen:

1. «Keine Gleichschaltung»: Den Maschinenbauern missfällt, dass das Departement Technik und Informatik anderen Abteilungen der Fachhochschulen gleichgeschaltet ist. Diese Forderung zeigt, dass sich Industrievertreter im Bildungskoloss Berner Fachhochschule nie richtig heimisch gefühlt haben.

Sie erinnern sich gerne an die guten alten Zeiten des Technikums in Burgdorf. Zudem sehen Ingenieure ihre eigene Disziplin als Königsdisziplin. Die Gleichschaltung des Departements Technik und Informatik mit Kunst oder Wirtschaft/Gesundheit/Sozialarbeit kratzt am Selbstverständnis vieler Ingenieure.

2. «Solide Grundausbildung»: Laut den Thuner Maschinenbauern hat sich die Fachhochschule auf eine solide Grundausbildung auf Bachelor-Stufe zu beschränken. Die zentrale Rolle bei der Grundausbildung messen sie den Dozenten zu.

Die sollen so ausgewählt und mit Aufträgen ausgestattet werden, dass ihr «Wirken als Ausbildner» nicht eingeschränkt wird. Im Interview präzisiert Fred Gaegauf, was damit genau gemeint ist:?Er wünscht sich mehr Dozenten mit jahrelanger Industrieerfahrung und weniger solche, die ihre Karriere vorwiegend in Forschungsinstitutionen absolviert haben.

3. «Hohe Ausbildungsqualität»:Die Thuner Maschinenbauer erwarten, dass der Unterricht in kleinen Gruppen und nicht als Vorlesung wie an den Universitäten erfolgt. Zudem wünschen sie sich «strikte Promotionsregeln». Und schliesslich verlange die dreijährige Ausbildung an den Fachhochschulen eine Konzentration auf das Wesentliche. Für Fächer wie weitere Fremdsprachen neben Französisch oder Englisch bleibe kein Raum.

4. «Forschung keine Aufgabe»: Den Thunern Maschinenbauern missfällt, dass die Forschung an den Fachhochschulen in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen hat. «Forschung ist nicht die Aufgabe der Fachhochschulen», halten sie klipp und klar fest. Diese Aufgabe weisen sie den Universitäten zu. Die Forschung an den Fachhochschulen binde nur unnötig Mittel und Kapazitäten und führe zu einem falschen Rollenverständnis.

Wenn die Forschung Teil des Pflichtenheftes der Fachhochschulen sei, führe dies zu einer «falschen Besetzung der Dozentenschaft». Die Thuner Maschinenbauer stellen mit ihrer Forderung gar das Bundesgesetz infrage. Denn dieses verlangt, dass die Fachhochschulen angewandte Forschung betreiben.

5. «Rolle als Dienstleister»: Die Thuner Maschinenbauer fordern von der Fachhochschule, dass diese auf ihre Kunden – das heisst die Studierenden und die Industrie – zugeht und nicht erst aktiv werde, wenn diese Bedürfnisse anmelden.

Diese Kritik richtet sich vor allem an Departementsleiter Lukas Rohr. Die Industriellen bemängeln, dass Rohr bislang keinen direkten Draht zu ihnen gefunden habe und dass er zu wenig auf ihre Anliegen eingehe. Kommt hinzu, dass Rohr von der Forschung herkommt und nach Ansicht der Thuner Maschinenbauer über zu wenig Industrieerfahrung verfügt.

Die Besetzung des Schulrats

Im Gespräch mit den Thuner Industrievertretern ist schliesslich ein Missbehagen in Bezug auf die Besetzung der Spitze an der Berner Fachhochschule herauszuhören. Im Unterschied zum früheren Technikum wird die Fachhochschule heute von Spezialisten aus anderen Fachrichtungen geführt. Präsident des Schulrats ist der Notar und Fürsprecher Georges Bindschedler.

Dem zehnköpfigen Schulrat gehören zwei Vertreter von Maschinenbaufirmen an. Und als Rektor der Fachhochschule amtet der langjährige Direktor der Berner Gewerbeschule, Herbert Binggeli, der von Haus aus Englischlehrer ist.

Verantwortlich für die Wahl des Schulrates ist der Berner Regierungsrat. Die Wahlvorschläge macht Bildungsdirektor Bernhard Pulver. Der gewiefte Taktiker scheint die Kritik aus der Industrie bereits aufgenommen zu haben: Vor zwei Wochen hat der Regierungsrat mit Markus Ruprecht, dem Chef des Langenthaler Maschinenbauunternehmens Güdel, einen Industrievertreter zum neuen Präsidenten des Schulrats gewählt. Diese Wahl dürfte kein Zufall sein.

Die Replik: Der Rektor der Berner Fachhochschule, Herbert Binggeli, wird in der Ausgabe vom Donnerstag in einem Interview zur Kritik Stellung nehmen.

Berner Zeitung

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