«In vielen Kulturbetrieben muss sich etwas ändern»

Barbara Balba Weber unterrichtet an der Hochschule der Künste und mischt als «Change Managerin» Musikbetriebe auf. Am Mittwoch erhält sie den Kulturvermittlungspreis des Kantons. Was rät sie Kulturanbietern?

«Ich bin nicht überall beliebt»: Musikvermittlerin Barbara Balba Weber (49).

«Ich bin nicht überall beliebt»: Musikvermittlerin Barbara Balba Weber (49).

(Bild: Beat Mathys)

Oliver Meier@mei_oliver

Gäbe es eine schwarze Liste mit unsäglichen Kulturbegriffen, die «Vermittlung» dürfte darauf nicht fehlen. Genauso wenig wie «kulturelle Teilhabe», eine weitere verwaltungserotische Vokabel, die sich zunehmend breitmacht.

Es ist, als hätte sie ein Beamter in wilden Träumen erfunden, um sie bei Tage den Kulturhäusern vorzusetzen: Hört hin, ihr kriegt Subventionen, sorgt gefälligst ­dafür, dass das Publikum auch versteht, was ihr da tut. Entsprechend lustlos wirkt denn auch, was manche Kulturanbieter als «Vermittlung» verkaufen.

Neugierige Forscherin

Gut gibt es Barbara Balba Weber, die Expertin für Verrücktes, die Meisterin im Bewegen, im Querdenken und Aufmischen. Wer sie im Kulturzentrum Progr besucht, ahnt davon zunächst wenig. Das Atelier, in dem die 49-Jährige arbeitet, wirkt aufgeräumt, das kreative Chaos – allerlei Gerümpel, allerlei Instrumente – ist hinter hohe Vitrinen verbannt. Doch auf den zweiten Blick erscheint dieses Atelier in einem anderen Licht.

«Wahrscheinlich war das früher ein Zimmer für den Bio­logie- oder Chemieunterricht», sagt die gebürtige Thunerin. Passt. Barbara Balba Weber ist eine experimentierfreudige Forscherin im Feld der künstlerischen Musikvermittlung. «Musikvermittlung?» Weber verzieht das Gesicht. Dann lacht sie. «Ich kann den Begriff fast nicht mehr hören.

Er passt nicht, weil er nur in eine Richtung zielt. «Als ob auf der einen Seite jemand wäre, der durchblickt, und auf der anderen Seite jemand, den es zu optimieren gilt.» Das sei nicht die Art von Vermittlung, für die sie einstehe. «Vielleicht», sagt sie, «finde ich mal einen besseren Begriff.»

Barbara Balba Weber ist Dozentin an der Hochschule der Künste Bern, und sie arbeitet an einer Dissertation über «künstlerische Musikvermittlung». Was ihr vorschwebt? «Ein Modell», sagt sie, «wie man Kulturbetriebe mit innovativen Ideen versorgen kann.» Dafür horcht sie die Studierenden aus, dafür schöpft sie aus ihrer reichen Erfahrung. ­Weber, die ausgebildete Flötistin, engagiert sich seit Jahren als ­Vermittlerin.

Unter dem Label Tönstör brachte sie erfolgreich neue Musik in die Schulen. Ende November plant sie in Bern ein «nationales Musikvermittlungsfest». Zudem berät sie Kulturinstitutionen ­– Orchester und Ensembles vor allem. «In der Wirtschaft würde man mich wohl als Change Managerin bezeichnen», sagt sie und lacht. «Es ist ein recht anstrengendes Business.»

Mehr auf Junge hören

Not tut es aber allemal. «In vielen Kulturbetrieben muss sich etwas ändern», sagt sie. Zu wenig Be­wegung, zu viel Festgefahrenes, zu viel abgestandene Luft. Weber wird üblicherweise gerufen, wenn ein Anbieter ein neues, jüngeres Publikum gewinnen will. «Damit das gelingt, muss sich in der Institution selbst etwas ­bewegen. Das kann rasch unbequem, ja unangenehm werden», sagt sie. Und ergänzt: «Ich bin nicht überall beliebt.»

Was aber soll sich denn ändern? Weber empfiehlt zum Beispiel, das Zielpublikum einzubinden, «in die Konzeption, in die Programmplanung, in alles, was den Betrieb anbelangt». So, wie man etwa bei der Gestaltung von Spielplätzen Kinder einbeziehe. «Das ist ein ganz einfaches Mittel. Aber ich kenne keinen Kultur­betrieb, der das konsequent tut.» Das sei töricht, findet Weber.

«Frage ich meine Studierenden, dann sprühen sie vor Ideen. Sie würden etwa Konzerte zu anderen Zeiten ansetzen, Ansagen und Einführungen anders gestalten, eine andere Beleuchtung wählen. Die wenigsten Kulturveranstalter interessieren sich ernsthaft für solche Ideen, obwohl alle mehr 20- bis 30-Jährige ansprechen wollen.»

Auch das Thema Architektur, das Thema Schwellenangst sei wichtig, aber unterschätzt. «Man kann Sinfoniekonzerte in einem höfisch anmutenden Hochglanzgebäude anbieten. Aber dann muss man auch dazu stehen, dass man nur eine bestimmte Gesellschaftsgruppe erreichen will, die genau weiss, wie man sich für ein solches Konzert anzieht und wie man sich dort verhalten muss.»

Verlockende Vermittlung

Nicht nur die Klassik, auch die ­experimentelle Neue Musik ­verzieht sich gerne ins Dünkel-Ghetto. Die Neue-Musik-Szene braucht Frischluft, muss sich besser verkaufen. Gegenüber dem Publikum. Und gegenüber den Behörden. Davon ist Weber überzeugt. Ein erster Schritt scheint nun gemacht: Dieses Jahr ist Pakt Bern gegründet worden, ein Netzwerk von 50 Musikschaffenden, das von der Stadt mit einer «Anschubfinanzierung» unterstützt wird.

Der Name der Geschäftsführerin: Barbara Balba Weber. Das erste Projekt: Der «Neue-Musik-Battle» im Sternensaal Bümpliz. «Wir gehen mit Tönen aufeinander los», heisst das Motto. So verlockend klang Vermittlung schon lange nicht mehr.

Preisverleihung:19. 10., 20 Uhr, Ciné ABC, Bern. Nationales Musikvermittlungsfest:26. 11. in Bern. Neue-Musik-Battle: 8. 12., Sternensaal Bümpliz. www.pakt-bern.ch

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