In der Nische sind die Berner vorn dabei

Die KMU-Coaches der Berner Innovationsförderagentur Be-advanced kennen eine besondere Berner Landkarte: Jene der «Hidden Champions», die in allen Gegenden des Kantons gerade zum Sprung auf den Weltmarkt ansetzen.

Patrick Roth, Lars Diener-Kimmich und Markus Binggeli von Be-advanced helfen Berner Unternehmen, sich neu zu erfinden.
Video: Stefan von Bergen

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Kleine und mittlere Betriebe (KMU) verschlafen in der Schweiz gerade die Zukunft. Das jedenfalls legt eine Studie der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften von Ende August nahe. Deren Fazit: Es öffnet sich in Sachen Innovation eine Schere – zwischen den fitten Firmen, die im internationalen Wettbewerb durchstarten, und den erschöpften, die anscheinend aufgegeben haben.

Die Studienautoren erfassen die Investitionen in Forschung und Entwicklung im Zeitraum von 1997 bis 2014. Die Schweizer Wirtschaft, schreiben sie, wirke innovativ, weil die grossen Pharma-, Chemie- und Nahrungs­mittelunternehmen viel in die Entwicklung investierten. Zahlreiche KMU aber hätten für die Erneuerung schlicht kein Geld.

Müder KMU-Kanton Bern?

Für den Standort Bern ist dieser Befund beunruhigend. Denn Bern ist der KMU-Kanton schlechthin. 70 000 Betriebe dieser Kategorie zählt er. Ein Grossteil von ihnen hat nicht mehr als zehn Angestellte. Ist der Kanton Bern innovationsfeindliches Terrain, auf dem kleine Unternehmen ohne Zukunftsperspektive vor sich hin werkeln?

Die Frage geht an Markus Kammermann, Geschäftsführer beim Branchenverband Swissmechanic Bern/Bienne. «Wenn wir nicht innovativ sind, gibt es uns nicht mehr», repliziert er energisch am Telefon. Kammermann fährt Zahlen auf. 40 000 Arbeitsplätze gebe es in der Berner Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, der Kanton Bern sei die nationale Nummer zwei. 85 Prozent dieser Betriebe seien direkt oder indirekt im Export und damit an der Front des Weltmarkts tätig. In Produkten der Raumfahrt, der Medizinaltechnik oder des Automobilbaus seien überall Berner Werkteile eingebaut.

Codewort «Hidden Champion»

Kammermann zählt jetzt ein paar «Hidden Champions» auf – verborgene Sieger, die in ihren Nischen Weltklassearbeit abliefern. Die Bucher Hydraulics AG in Frutigen hat vor zehn Jahren noch auf einzelnen Werkzeugmaschinen gefertigt, heute produziert sie in autonomen Fertigungsinseln, die 7 Tage und 24 Stunden im Einsatz sind. Auch die Präzisionsmechanik-Firma Paoluzzo in Biel/Nidau hat als Kleinbetrieb mit 30 Mitarbeitern die Automatisierung erhöht und behauptet sich mit Spitzentechnologie und Dreischichtbetrieb. Die PB Swiss Tools in Wasen im Emmental ist dank neuer unterstützender Roboterisierung bei der Herstellung ihrer Werkzeuge noch wettbewerbsfähiger geworden.

Das sind nur drei von vielen. «Hidden Champion» ist ein Codewort, eine Art Geheimwaffe, die man ins Feld führen kann, wenn die Berner Wirtschaft wieder mal kleingeredet wird.

Kammermann führt noch ein Kernargument gegen den angeblichen Rückstand der Berner Betriebe an: «Der Frankenschock von 2015 verlieh unserer Branche wohl einen Schreck, aber notgedrungen auch enormen Schub. Weil sie unter Druck war, musste sie sich innert kurzer Zeit wandeln wie sonst in vielen Jahren.» Die voll digitalisierte Steuerung der ganzen Produktionskette, die unter dem Namen Industrie 4.0 bejubelt wird, ein schlankes Management – das sei in vielen Berner Firmen selbstverständlich.

Kein Staatsgeld für KMU

Keine Probleme weit und breit ­also? Kammermann räumt ein, dass das staatliche Geld für die Weiterbildung vor allem in die Hochschulen und nicht in die praxisnahe Berufs- und Weiterbildung fliesse. Ausbildung allein sei allerdings noch keine Garantie für Innovation, auch Tüftler seien innovativ und oft erfolgreich am Markt.

Schliesslich räumt Kammermann ein, dass sich KMU nicht nur ihren Produkten, sondern auch dem Marketing, der Finanzplanung oder den Nachfolgeregelungen widmen müssen. «Heute muss man in einer Sparte Spitze sein, in anderen Geschäftsbereichen aber kooperieren und outsourcen.» Kammermann ist im Schuss und muss nun weiter, um seine Branche voranzubringen.

In der Brutstätte der Zukunft

Wie innovativ die Berner Wirtschaft ist, das weiss man auch im Dachgeschoss eines Hauses in der oberen Berner Altstadt. Hier logiert Be-advanced die Innovationsförderagentur für Unternehmerinnen und Unternehmer im Kanton Bern. Aus dem Fenster erblickt man alte Sandsteinfassaden. Die Räume aber sind eine Trainingsstätte für die Zukunft. Farbige Post-it-Zettel an der Wand halten spontane Gedanken fest. Strategieskizzen sind direkt an eine Wand gezeichnet.

Be-advanced ist eingemietet beim Impact Hub. Das ist der Berner Ableger eines «innovativen Ökosystems», das durch globale Kooperation nachhaltige Projekte verfolgt. Im Co-Working- ­Space brüten casual gekleidete junge Menschen innovative Geschäftsideen aus. Hier weht Pionier- und Start-up-Geist.

«Bären zum Tanzen bringen», nennt Lars Diener-Kimmich, der CEO und Innovation Specialist von Be-advanced, ein besonderes Angebot: das Coaching für Berner KMU. Es soll Unternehmer in Bewegung versetzen. Be-advanced kann auf 30 akkreditierte Coaches zurückgreifen, die im Mandat arbeiten. Sie haben schon über 600 Berner KMU begleitet. In der ersten Phase ist das Coaching gratis. «Wir machen keine Langzeitbetreuung, wir geben Impulse. Die Unternehmen müssen selber wollen», sagt Diener. Er selber ist ETH-Ingenieur in Technologie- und Innovationsmanagement. Der Coaching-Prozess sei nicht klassisch linear: «Wir unterstützen Unternehmer, damit sie die nächste Kurve auf dem gewundenen Weg der Innovation meistern.»

Auch zwei Coaches sind da. Patrick Roth, ursprünglich Physiker aus Burgdorf, und Markus Binggeli, Unternehmensberater aus Thun. Beide haben sich weiter­gebildet, sind weit vernetzt, verfügen wie alle Coaches über Management- und Branchenerfahrung im In- und Ausland. Sie spüren, wie Berner Unternehmen ticken. Muss man diesen überhaupt Nachhilfeunterricht erteilen? «Viele Unternehmen melden sich, wenn es ihnen zwar gut geht, sie aber feststellen, dass ihnen ein Ziel fehlt», sagt Binggeli.

Roth erklärt, dass das Know-how der Coaches gefragt ist, wenn eine Firma in ihrem Entwicklungszyklus an einem Übergang stehe: «Wenn ein Patron abtritt, wenn man für ein erfolgreiches Produkt einen neuen Markt erobern oder ins Ausland expandieren will».

Keine Zeit für Innovation

Woran hapert es in Sachen Innovation? An der fehlenden Fähigkeit und Bereitschaft, im Trubel des Tagesgeschäfts Zeit, Denkfreiheit und Geld zu finden, um neue Strategien umzusetzen, sagen die drei Innovatoren. Manchmal melden sich Unternehmen, die am Abgrund stehen. «Dann ist es für ein Coaching zu spät, wir sind keine Sanierer in Notlagen», sagt Lars Diener. «Viele Start-ups sind technologiegetrieben und übersehen, dass Innovationen zwingend einen Markt benötigen, den es durch strategisches Handeln zu erobern gilt», sagt Patrick Roth.

Die Studie über die fehlenden Innovationsbudgets der KMU geniesst Lars Diener mit Vorsicht. «Innovation läuft über Menschen, Geld ist keine Innovationsgarantie, man kann auch erfolglos Gelder versenken.» Diener warnt auch davor, Innovation nur an der Anzahl bewilligter Patente zu messen. «Der Erfolg von Innovationen zeigt sich an der Anzahl neu geschaffener Jobs und am Markt erfolgreich abgesetzter Produkte», stimmt Patrick Roth zu.

Nicht nur die Achse Thun–Biel

Wie fit also ist die Berner Wirtschaft? Für die Coaches von Be-advanced ist klar: Innovations-Hotspots gibt es im Kanton Bern nicht nur in den Clustern der Mikro- und der Medizinaltechnik auf der Powerachse Biel–Bern–Thun. Sie kennen «Hidden Champions» aus allen Kantonsgegenden und Branchen, die gerade auf dem Sprung in einen neuen Markt sind.

Die Geometerfirma Flotron in Meiringen, die für die SBB oder das Bundesamt für Strassen Felsbewegungen misst, positioniert sich neu, um ihre Hightech-Vermessungshardware neuen Kunden und Kooperationspartner anzubieten. Der Berner Jungunternehmer Carlo Badini beschäftigt mit seiner Firma Cleverclip schon dreissig Leute auf drei Kontinenten, die leicht verständliche Erklärvideos für Produkte machen. Und die kleine Bieler Firma Advacotec trotzt mit ihren Helmen für Tiefseetaucher der übermächtigen Konkurrenz aus den USA, indem sie neue Partnerschaften in Brasilien und Japan aufbaut.

Berner Devise «No Bullshit»

«Am Klischee vom Beamten- und Bauernkanton Bern ist sicher etwas dran», räumt Lars Diener ein. Die bundesnahen Betriebe Swisscom, SBB oder Post oder auch die Mobiliar-Versicherung könnten mit ihren guten Salären viele junge Fachkräfte erst mal absaugen. Die KMU müssten offensiver dabei vorgehen, diese Talente anzulocken.

Die drei Coaches beobachten auch die Finanzierung. Nach Bern fliessen keine Bundesmillionen für ETHs, die in Zürich und Lausanne auch Start-up-Unternehmen zu Gute kommen. Und kantonale Mittel gehen vor allem an die Grundlagenforschung der Universität. Diener lobt aber die «befruchtende Nähe» in den vitalen Berner Netzwerken von Unternehmerinnen und Unternehmern, Beratern oder Juristen. Und vielleicht sei gerade die Berner Bescheidenheit eine Stärke: «Hier gilt die Devise ‹No Bullshit›».

Coach Markus Binggeli fasst die Lage des Kantons Bern zwischen Tradition und Innovation in ein Bild: Die Viehschauen im emmentalischen Sumiswald finden auf dem Dorfplatz vor dem Unternehmen Moser-Baer statt. Die Produzentin der populären Bahnhofsuhren ist heute weltweit führend bei Zeitsteuerungssystemen.
Videogesprächmit den Innovatoren der Förderagentur Be-advanced auf der Internetseite dieser Zeitung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.10.2018, 06:54 Uhr

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