Im zweiten Anlauf klappte die bürgerliche Wende

Der Kanton Bern wird künftig wieder von einer bürgerlichen Mehrheit regiert: SVP-Kandidat Pierre Alain Schnegg wurde gestern mit 50,9 Prozent der Stimmen gewählt. Roberto Bernasconi (SP) hatte insbesondere im Berner Jura keine Chance.


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Mit einem entspannten Lächeln auf den Gesichtern betraten am Sonntagnachmittag kurz nach 13.30 Uhr SVP-Regierungsratskandidat Pierre Alain Schnegg und die Parteipräsidenten von SVP, FDP, BDP und EDU das Berner Rathaus. Noch war das Rennen um die Nachfolge von Philippe Perrenoud (SP) zwar nicht definitiv entschieden. «Nervös bin ich für einmal trotzdem nicht», sagte FDP-Präsident Pierre-Yves Grivel. Er und seine bürgerlichen Kollegen hatten auch keinen Grund mehr dazu.

Neun von zehn Verwaltungskreisen waren ausgezählt, und Schnegg führte vor SP-Kandidat Roberto Bernasconi mit 20 000 Stimmen.Wäre es nicht um den Jura-Sitz gegangen, so wäre das Rennen zu diesem Zeitpunkt noch offen gewesen. So aber ist eine wesentliche Vorentscheidung bereits kurz nach 13 Uhr gefallen, als das Resultat aus dem Berner Jura bekannt gegeben wurde: Mit 7003 erzielte Schnegg rund 1700 Stimmen mehr als Bernasconi. Und aufgrund der speziellen Wahlformel zählt eine Jura-Stimme fast 20-mal mehr als eine Stimme aus dem Restkanton. Somit war das Rennen so gut wie gelaufen.

Um 14 Uhr wars dann auch offiziell: Pierre Alain Schnegg wurde mit 111 657 Stimmen vor Roberto Bernasconi mit 107 755 Stimmen in den Regierungsrat gewählt. Die Jura-Formel kam gar nicht erst zur Anwendung. Die Stimmbeteiligung betrug lediglich 30 Prozent.

«Schnellere Entscheide»

Mit der Wahl von Schnegg stellen die Bürgerlichen nach 10 Jahren wieder die Mehrheit im Regierungsrat. Bei zwei Gesamterneuerungswahlen hat Rot-Grün seit 2006 ihre Mehrheit verteidigt. Und auch bei den diesjährigen Ersatzwahlen scheiterte die Wende im ersten Wahlgang am 28. Februar vorerst. Damals setzte sich Christoph Ammann (SP) gegen Lars Guggisberg (SVP) als Nachfolger von Volkswirtschaftsdirektor Andreas Rickenbacher (SP) durch.

Entsprechend erleichtert zeigte sich am Sonntag der Sieger: «Ich bin sehr glücklich über das Resultat und freue mich, den Berner Jura in der Regierung zu ver­treten», sagte Schnegg. Dass nun ­Regierung und Parlament bürgerlich dominiert seien, werde im einen oder anderen Fall zu ­rascheren Entscheiden führen, ist er überzeugt. Dadurch werde der Kanton auch wieder dyna­mischer, so Schnegg.

Erleichtert war auch Werner Salzmann. «Ein so klares Resultat habe ich nicht erwartet», so der SVP-Parteipräsident. In acht von zehn Verwaltungskreisen erzielte Schnegg mehr Stimmen als Bernasconi. Nur in Bern-Mittelland und in Biel schnitt der SP-Kandidat besser ab. Für das klare Resultat mitverantwortlich war laut Salzmann der bürgerliche Schulterschluss, der diesmal zu 100 Prozent bestanden habe. Profitiert haben dürfte Schnegg aber auch vom Rückzug des EVP-Kandidaten Patrick Gsteiger nach dem ersten Wahlgang. Da Schnegg in der Freikirche Gemeinde für Christus ist, dürfte ein Grossteil der EVP-Wähler für ihn gestimmt haben.

PSA als Mitgrund

Ernüchterung herrschte hingegen auf rot-grüner Seite. «Auch wenn ich nicht der Favorit war, bin ich über das Resultat enttäuscht. Insbesondere im Berner Jura hätte ich mehr Stimmen machen müssen», sagte Roberto Bernasconi. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sich der Parti Socialiste Autonome (PSA) letztlich doch noch zu einer Wahlempfehlung für den SP-Kandidaten hatte durchringen können. Aber nicht einmal in der klassischen Autonomistenhochburg Moutier oder in seiner Heimatgemeinde Valbirse hat Bernasconi gewonnen. «Vermutlich hat mich die Jura-Frage trotz der PSA-Empfehlung Stimmen gekostet», vermutet er. Bernasconi hat sich im Vorfeld der Wahl denn auch dafür ausgesprochen, dass Moutier beim Kanton Bern bleiben soll.

Auch für PSA-Grossrat Peter Gasser ist dies der Grund für das schlechte Abschneiden Bernas-conis im Berner Jura. «In Moutier steht die Abstimmung über die Kantonszugehörigkeit momentan über allem», sagt er. Da sei es den Leuten wohl schwer gefallen, jemanden zu wählen, der einen Verbleib Moutiers im Kanton Bern befürworte. Ähnlich beurteilt SP-Präsidentin Ursula Marti das Wahlresultat im Jura (siehe Interview).

«Normalität hergestellt»

Für den Politologen Adrian Vatter ist der Wahlausgang nichts als logisch. «Bern ist grundsätzlich ein solid bürgerlicher Kanton – mit diesem Ergebnis ist die ­Normalität wiederhergestellt.» In den letzten 10 Jahren habe es ­immer wieder Konstellationen gegeben, die es Rot-Grün ermöglicht hätten, die Wahlen für sich zu entscheiden. «Das letzte Mal beim ersten Wahlgang am 28. Februar, als gleichzeitig die Abstimmung zur Durchsetzungsinitiative stattfand.» Tatsächlich betrug die Stimmbeteiligung damals 53 Prozent, was hauptsächlich der SP zugutekam.

Mit dem Sieg von Schnegg besteht nach 40 Jahren erstmals auch wieder die reale Möglichkeit, dass die Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) von SP- in SVP-Hände wechselt. Erneut bekräftigte Schnegg am Sonntag denn auch, dass er trotz der immensen Probleme in dieser Direktion die GEF übernehmen möchte.

Auch der im ersten Durchgang gewählte Christoph Ammann machte nie einen Hehl daraus, dass er gerne die Volkswirtschaftsdirektion übernehmen möchte. Sicher ist diese Zuteilung aber noch nicht. Kirchendirektor Christoph Neuhaus (SVP) sagte am Sonntag sogar: «Ich glaube, eine grosse Rochade würde dem Kanton guttun.» Wie gross diese aber tatsächlich sein wird, zeigt sich voraussichtlich am Mittwoch. Dann entscheidet der ­Gesamtregierungsrat über die Zuteilung. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.04.2016, 21:17 Uhr

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