«Ich war in den letzten Jahren selten so ausgeglichen wie jetzt»

Volkswirtschaftsdirektor Christoph Ammann (SP) zieht Bilanz über seine ersten hundert Tage im Amt. Einen starken Fokus will er auf die Stärkung des Medizinstandortes Bern legen. Die ETH betrachtet er mehr als Partnerin denn als Konkurrentin.

Leserfragen an den Volkswirtschaftsdirektoren Christoph Ammann, der 100 Tage im Amt ist.
Sandra Rutschi

Herr Ammann, an Ihrem ersten Arbeitstag stellten Sie einen Quarzkristall aus einer Kluft im Grimselgebiet auf Ihren Schreibtisch. Steht er noch immer dort?Christoph Ammann:Ja. Ich mag es, schöne Dinge rund um mich zu haben. Ausserdem fasziniert mich dieses Mineral seit Kindesbeinen – die Symmetrie, die Kanten, die Durchsichtigkeit. Und stellen Sie sich einmal vor, wie alt ein solcher Kristall ist und wie er entstanden ist. Das hilft, sich darauf zu besinnen, wer man ist, woher man kommt und was wirklich wichtig ist. Das brauche ich. Einen solchen Kristall zu betrachten, relativiert die Bedeutung vieler Sorgen und Aufgaben.

Bei welchen Themen war dies in den vergangenen hundert Tagen nötig?Ausgesprochen selten. Ich habe mich nie geärgert. Häufig werde ich gefragt, wie ich mit der Belastung umgehe. Die Leute denken dabei an die Arbeitszeit, die Verantwortung und an gewisse unangenehme Begegnungen. Wenn ich dann sage, dass ich noch selten in meinen letzten Lebensjahren ausgeglichener war als in den vergangenen hundert Tagen, glaubt mir das niemand. Dabei ist es effektiv so.

«Einen Kristall zu betrachten, relativiert die Bedeutung vieler Sorgen.»

Weshalb?Diese Frage stellte ich mir natürlich auch. Es gibt drei Möglichkeiten: Entweder ich nehme meinen Job nicht ernst, oder ich unterschätze die Bedeutung der Aufgabe. Die dritte ist aber wahrscheinlicher: Ich habe viel weniger psychische Belastungen auf der Beziehungsebene.

Heisst das, Regierungsrat ist der einfachere Job denn als Rektor des Gymnasiums Interlaken?Ich möchte nicht das eine gegen das andere ausspielen. Aber als Lehrer und Rektor einer Schule hat man mit verhaltensauffälligen Schülern, Krankheitsfällen, Integrationsfragen, Problemen von Eltern und Sparübungen zu tun. All das hat mich in den letzten Jahren stark belastet. Obschon ich mit Herzblut Lehrer war, war ich abends oft sehr müde. Diese Belastungen habe ich hier nicht, auch dank meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie haben mich sehr gut aufgenommen, ich arbeite mit kompetenten Leuten zusammen.

Gerade Krankheitsfälle und Sparübungen könnten auch als Regierungsrat auf Sie zukommen. Sind die ersten hundert ­Tage hier wirklich repräsentativ?Nein, sie sind es nicht, und ich bin mir durchaus bewusst – auch mit Blick auf meine Agenda und im Wissen über anstehende Regierungsgeschäfte –, dass die Ausgeglichenheit nicht dauerhaft sein wird.

Wie ist es denn in der Berner ­Regierung? Sie gehören dort als Sozialdemokrat ja nun einer Minderheit an.Wir arbeiten sach- und lösungsorientiert zusammen, gehen respektvoll miteinander um. Das heisst nicht, dass alles abgenickt wird, was aus der Volkswirtschaftsdirektion kommt. Aber ich kann gut mit Niederlagen umgehen, wenn zuvor ein Meinungsbildungsprozess stattgefunden hat.

Was war Ihre Hauptbeschäftigung in den letzten hundert ­Tagen?Möglichst viel aufzusaugen. Ich besuchte alle Ämter und Abteilungen, besichtigte Projekte vor Ort, nahm an Veranstaltungen teil, ging in Unternehmen. Ich kam mir manchmal vor wie ein trockener Schwamm, der ganz schnell nass und vollgesogen wurde. Das war auch meine Anspruchshaltung: Ich wollte möglichst schnell erfahren, wie die Direktion organisiert ist, wo es Baustellen gibt und was die Mitarbeitenden dazu sagen – nicht nur jene in den Chefpositionen.

«Ich kam mir manchmal vor wie ein trockener Schwamm, der ganz schnell nass und vollgesogen wurde» – so fühlte sich der Regierungsrat in den ersten 100 Tagen. Bild: Urs Baumann

Wie reagierten die Mitarbeiter auf Sie?Zum Teil waren sie ein bisschen sprachlos. Für einige war es das erste Mal, dass sie einen Regierungsrat von nahem sahen. Sie haben das geschätzt und richtigerweise als Interesse an ihrer Arbeit gedeutet.

Hat denn Ihr Vorgänger Andreas Rickenbacher den Kontakt zu den Mitarbeitenden vernachlässigt?Nein, hat er nicht. Nun ist es aber so, dass in der Volkswirtschaftsdirektion rund 1400 Leute arbeiten. Ich selber hatte längst noch nicht mit allen Kontakt.

Sie hatten in diesen Monaten viel Aufwand. Wie hoch war Ihr Arbeitspensum?Das war unterschiedlich und ist schwierig zu benennen. Als Regierungsrat arbeite ich nicht nur, wenn ich im Büro bin. Ich mache nicht zwei Wochen Ferien und lege die Verantwortung in dieser Zeit in einen Kühlschrank. Auch wenn ich mal nicht im Büro bin, nehme ich sie mit. Ich setze mich auch nicht einfach ins Auto und höre Technopop, bis ich zwei Stunden später in Meiringen ankomme. Vielmehr nutze ich diese Pendlerzeit zur Vor- und Nachbereitung.

Sind Sie jeden Abend heim­gegangen?Ja, aber nun kommt der Winter. Ich habe Freunde aus Studienzeiten in Bern, bei denen ich im Gästezimmer übernachten dürfte. Oder ich könnte in ein Hotelzimmer gehen, wenn es schneit oder sehr spät wird. Ich habe nicht vor, ein Zimmer zu mieten. Es ist mir wichtig, meine Familie zu sehen und in meine Heimat zurückzukehren. Das hat für mich auch mit Ausgeglichenheit und dem Blick aufs Wesentliche zu tun.

Diese Heimat vermissen einige unserer Leser in Ihrem Dialekt. Auf einen Aufruf, Ihnen Fragen zu stellen, wollte ein Leser wissen, weshalb sie nicht Hasli-Dialekt reden.(lacht) Weil ich meine Muttersprache spreche und meine Mutter in Oberhofen am Thunersee aufgewachsen ist. Ich kann zwar Hasli-Dialekt sprechen, aber das klingt bei mir immer ein wenig aufgesetzt.

«Es gibt kein Betty-Bossi-Rezept, sonst hätte man längstens eine Lösung. »

Sie haben nach hundert Tagen im Amt nun zehn Schwerpunkte für den Rest der Legislatur genannt . Vor allem wollen Sie den Medizinstandort Bern stärken. Wie ist das möglich?Es gibt kein Betty-Bossi-Rezept, sonst hätte man längstens eine Lösung. Eine grosse Chance ist das translationale Zentrum Sitem Insel, mit dem wir Forschungsressourcen der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) nach Bern ziehen können. Wichtig ist auch der Innovationspark in Biel. Ausserdem hat sich nun bei der Empa, dem Forschungsinstitut für Materialwissenschaften und Technologieentwicklung des ETH-Bereichs, in Thun etwas ergeben. Die ETH will dort einen dritten Forschungsschwerpunkt setzen, mit einem Kompetenzzentrum für neuartige metallische Werkstoffe und Prozesse. Der Regierungsrat hat zugestimmt, dass sich der Kanton im Rahmen der Innovationsförderung am Aufbau beteiligen wird. Das Kreditgeschäft wird im März dem Grossen Rat unterbreitet. Solche Chancen gilt es zu packen. Deshalb haben wir die Taskforce Medizin gegründet, die ich präsidiere und in welcher der Erziehungs- und der Gesundheitsdirektor ebenfalls Mitglieder sind.

Gerade in Bezug auf den Medizinstandort ist die ETH aber ­primär Konkurrentin von Bern. Als was betrachten Sie die ETH: als Partnerin oder als Konkur­rentin?Die ETH muss Partnerin sein, nur mit dieser Haltung kann ich konstruktive Gespräche führen.

Christoph Ammann will auch als künftiger Co-Präsident der Hauptstadtregion auf Zusammenarbeit setzen. Bild: Urs Baumann

Dennoch können Sie die Konkurrenzsituation nicht vom Tisch reden, etwa wenn es um Bundesgelder geht.Man darf Zürich und Lausanne nicht gegen Bern ausspielen. Aufgaben zu etablieren, heisst nicht zwingend, dass man irgendwo etwas abzieht. Translation zum Beispiel ist ein neues Thema. Aber: Über eine Milliarde Franken Bundesgelder gehen nach Zürich, 700 Millionen gehen nach Lausanne. Gerade beim Einsatz dieser Bundesmittel muss Bern seine Interessen auf nationaler Ebene offensiver wahrnehmen. Gleichzeitig müssen wir gezielter in medizinische Schlüsselinstitutionen wie die medizinische Fakultät und das Univer­sitätsspital investieren. Mit der geplanten Aufstockung der Ausbildungsplätze haben wir einen ersten Schritt gemacht.

Welche Trümpfe hat Bern im Ärmel, wenn es um Bundesgelder geht?Bern hat grosses Potenzial. So verbinden wir als Teil der Hauptstadtregion, die ich ab 2017 co-präsidieren werde, die Romandie mit der Deutschschweiz. Das sind beste Bedingungen dazu, vermehrt nationale Aufgaben zu übernehmen. Weiter haben wir mit der Inselgruppe das grösste Universitätsspital der Schweiz, und der Neubau von Sitem Insel ist auf Kurs. Zudem sind in der Hauptstadtregion grosse Player im Pharmabereich und in der Medizinaltechnik angesiedelt, etwa CSL Behring oder Ypsomed.

Wie können Sie als Volkswirtschaftsdirektor Ihre sozialdemokratischen Werte einbringen?Tagtäglich und jede Sekunde. Hier geht es um Grundhaltungen, die ich mitbringe, wenn ich zum Beispiel Mitarbeitende führe. Ich hoffe, dass das in der Zusammenarbeit sichtbar wird. Zudem ist es mir wichtig, dass Sozialpartnerschaften gepflegt werden. Die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) sind zudem nicht von ungefähr dem Beco ange­gliedert. Der funktionierende Arbeitsmarkt ist das A und O für unsere Wirtschaft. Das heisst, dass die RAV Arbeitslose möglichst schnell wieder eingliedern müssen. Auch darüber liess ich mich vor Ort informieren – ganz klar aus persönlichem Interesse als Sozialdemokrat.

Der funktionierende Arbeitsmarkt ist das A und O für unsere Wirtschaft. »

Wenn Sie in Ihrer Funktion als Volkswirtschaftsdirektor mit den Fingern schnippen und ein Problem in Ihrer Direktion beseitigen könnten – welches wäre es?Die grossen politischen Aufgaben lassen sich nicht mit einem Fingerschnippen ändern, bei diesen ist der Prozess ausgesprochen wichtig. Aber wenn Sie mich so fragen, nenne ich Ihnen ein nicht unbedingt staatspolitisches, aber dennoch wichtiges Anliegen: Ich würde die Bürosituation verändern. Wenn ich meinen heutigen Arbeitsplatz mit der Infrastruktur vergleiche, die ich an der kleinsten kantonalen Maturitätsschule hatte, dann war das ein Rückschritt. Ich wünschte mir ein Informationsmanagement, das möglichst papierlos angelegt wäre. Ich wünschte mir für meine Mitarbeitende Büroräume, die nicht mit Trennwänden zu Kleinstbüros unterteilt wären. Und ich habe mir im Sommer oft tiefere Bürotemperaturen gewünscht. Zum Glück ist für das Stiftsgebäude am Münsterplatz eine Sanierung vorgesehen, diese ist dringend nötig.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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