«Ich möchte dem Kanton etwas zurückgeben»

Regierungsrat Bernhard Pulver (Grüne) will in seinem Präsidialjahr Entwicklungspotenzial für den Kanton Bern aufzeigen. Zu Wort ­kommen sollen in diesem ­Prozess auch Studenten und ­Zukunfts­­forscher.

«Ressourcen stärken und Chancen packen», lautet das Motto von Erziehungsdirektor Bernhard Pulver.<p class='credit'>(Bild: Keystone)</p>

«Ressourcen stärken und Chancen packen», lautet das Motto von Erziehungsdirektor Bernhard Pulver.

(Bild: Keystone)

Herr Pulver, nach der verlorenen Abstimmung über die Kantonszugehörigkeit von Moutier kann Ihr eben begonnenes Präsidialjahr nur besser werden.Bernhard Pulver:Es ist effektiv so, dass es für mich ein schwieriger Start ist. Mir war aus verschiedenen Gründen extrem wichtig, dass Moutier beim Kanton Bern bleibt. Ich versuche aber, auch hier meiner Grundhaltung treu zu bleiben: In jedem Problem liegt auch eine Chance. Jetzt müssen wir nur noch herausfinden, wo diese im Fall von Moutier liegen könnte.

Haben Sie schon eine Idee?Ich sehe die Chance noch nicht. Aber wir müssen sie finden. Möglicherweise löst der Kantonswechsel eine positive Entwicklung im Berner Jura aus. Diese war durch den schwelenden Konflikt jahrelang blockiert. Seit ich Regierungsrat bin, kam bei jeder Diskussion der Einwand, dass man noch nach Moutier schauen müsste. Jetzt ist die Jura-Frage geklärt, und wir machen gemeinsam das Beste daraus. Wir sollten als Kanton noch deutlicher wahrnehmen, dass die französischsprachige Minderheit für uns ein grosser Schatz ist.

Auch abgesehen von Moutier kommt ein schwieriges Jahr auf Sie zu. Im Herbst debattiert der Grosse Rat über ein 300-Millionen-Sparpaket. Wie blicken Sie dem entgegen?Wichtig ist, dass wir mit diesem Sparpaket die Finanzen stabilisieren können. Zudem muss die Steuerstrategie gegenfinanziert werden. Bei beiden Themen bin ich überzeugt, dass uns dies gelingen wird. Massgebend werden aber die Parteien sein. So kurz vor den Wahlen besteht das Risiko, dass alle möglichen Begehrlichkeiten aus allen möglichen Richtungen kommen. Eine solche Selbstprofilierung wäre nicht zielführend. Selbstverständlich haben sowohl die linke als auch die rechte Seite gute Argumente für ihre Positionen. Wir müssen einen Kompromiss finden. Das wird die grosse Arbeit sein.

Auch in Ihrer Direktion muss gespart werden, und die Lehrer laufen bereits Sturm. Wie wollen Sie diese an Board holen?Das können wir erst diskutieren, wenn die Massnahamen bekannt sind und wir sehen, wie viel effektiv gespart werden muss. Klar ist aber, dass die Bildung mit 2,7 Milliarden Franken einen grossen Anteil am Gesamthaushalt des Kantons Bern von 10 Milliarden Franken ausmacht. Die Regierung wird zwar alles daransetzen, diesen Bereich möglichst zu schonen. Es wird aber nicht möglich sein, in der Bildung nichts zu sparen. Ich glaube, dass dies auch die Lehrpersonen verstehen.

Der Berufsverband Bildung Bern will sich mit allen Mitteln gegen weitere Kürzungen wehren.Momentan bin ich optimistisch, dass wir bei diesem Sparpaket eine gemeinsame Lösung erarbeiten können. Aber klar, die Gefahr von Protesten besteht. Deshalb appelliere ich an alle Kräfte, gemeinsam nach vorn zu schauen.

Sie wollen in Ihrem Präsidialjahr auch einen Entwicklungsdialog lancieren. Was muss man sich darunter vorstellen?In den kommenden Jahren steht ein grosser gesellschaftlicher, technologischer und wirtschaftlicher Wandel an. Gleichzeitig ist heute die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Kantons Bern zu tief. Deshalb will ich unseren Partnern zuhören und erfahren, wo sie in der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Gesellschaft Entwicklungspotenzial für Bern sehen. Dabei sollen Bereiche definiert werden, die eine grosse Wertschöpfung bringen, die Zukunftspotenzial haben und in denen wir auf bestehenden Stärken aufbauen können. Ein solcher Bereich ist die Medizinaltechnik. Ich bin aber überzeugt, dass es weitere gibt.

Welche könnten das sein?Das muss ich in den Gesprächen herausfinden. Denkbar wäre etwa, dass die Chancen Berns in der Weiterentwicklung seiner Stärken in der Informatik, der Kommunikationstechnologie, der Ernährungsindustrie, der Präzisionsindustrie oder im Energiebereich liegen. Sollte es mir gelingen, im kommenden Jahr zwei oder drei Schwerpunkte auszumachen, wäre ich schon glücklich. Ich habe in den elf Jahren als Regierungsrat derart viel vom Kanton bekommen. Jetzt möchte ich auch noch ausserhalb des Bildungsdepartements etwas zurückgeben.

Mit wem wollen Sie die Gespräche führen?Einerseits mit Wissenschaftlern der Universität und der Berner Fachhochschule. Andererseits mit Wirtschaftsleuten und Vertretern von Verbänden. Aber auch Gespräche mit Zukunfts­forschern und Studenten sind geplant.

Wäre diese Zukunftsstrategie nicht die Aufgabe des Vereins Hauptstadtregion, bei dem Ihr Regierungskollege Christoph Ammann neu Co-Präsident ist?Doch, der Verein und Christoph Ammann kümmern sich genau um solche Fragen. Ich habe den Entwicklungsdialog deshalb auch in Absprache mit ihm aufgegleist. Ich möchte als zusätzliche Arbeitskraft einfach einen weiteren Beitrag zu diesen Bemühungen leisten.

Heisst das, der Verein hat bisher schlecht gearbeitet?Nein, überhaupt nicht. Die Hauptstadtregion ist in jedem Fall eine zentrale Struktur, um genau solche Entwicklungen zu fördern.

Wie soll am Ende Ihres Präsidialjahres das Resultat aussehen?Es kommt darauf an, was ich erfahren werde. Wenn viel Material vorliegt, wird es eine schriftliche Berichterstattung geben. Sollte sich herausstellen, dass es nur einen einzigen Entwicklungsbereich gibt, werde ich vielleicht nur mündlich informieren. Sicher werde ich keinen Bericht ­erstellen, der anschliessend im Grossen Rat behandelt wird. Das ist nicht die Rolle des Regierungspräsidenten. Was dann die Parteien oder die künftige Regierung mit den Erkenntnissen machen, steht nicht in meiner Macht.

«Mir fehlt ­momentan schlicht die Zeit, darüber nachzudenken.»

Das tönt beinahe so, als hätten Sie sich entschieden, bei den Wahlen im kommenden März nicht mehr anzutreten.Nein, das habe ich noch nicht. Nach zwölf Jahren ist die Frage auch nicht ganz einfach zu beantworten, ob ich noch eine vierte Legislatur anhängen möchte. Mir fehlt momentan schlicht die Zeit, darüber nachzudenken. Aber nach den Sommerferien werde ich meinen Entschluss mitteilen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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