Hunderte Verdingkinder erheben Anspruch auf eine Entschädigung

Im Staatsarchiv hat man alle Hände voll zu tun: Hunderte Opfer von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen suchen ihre Akten. Sie wollen ein Gesuch für einen Solidaritätsbeitrag stellen. Dabei ist das dazu nötige Gesetz noch gar nicht in Kraft.

Durchforsten Archivunterlagen auf der Suche nach Einträgen über Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen: Staatsarchivarin Barbara Studer (rechts) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Rea Wyser.

Durchforsten Archivunterlagen auf der Suche nach Einträgen über Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen: Staatsarchivarin Barbara Studer (rechts) und die wissenschaftliche Mitarbeiterin Rea Wyser. Bild: Andreas Blatter

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Auf den 1. April 2017 haben viele ehemalige Verdingkinder gewartet. Dann tritt das Bundesgesetz über die Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen vor 1981 in Kraft. Mit einem Gesuch beim Bundesamt für Justiz können alle Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen dank diesem Gesetz einen Solidaritätsbeitrag für ihre erlittenen Qualen beantragen. Bis zu 25'000 Franken erhält eine Person, 300 Millionen Franken stellt der Bund insgesamt zur Verfügung.

Wie sehr die Betroffenen auf diesen Termin gewartet haben, zeigt sich bereits jetzt im Berner Staatsarchiv. «Wir erhalten sehr viele Anfragen von Leuten, die uns bitten, für sie ihre Akten zusammenzustellen», sagt Staatsarchivarin Barbara Studer. 580 Personen haben sich bereits gemeldet – obschon das entsprechende Gesetz noch gar nicht in Kraft ist. «Anfang Jahr stieg die Zahl sprunghaft an, der Peak ist wahrscheinlich noch nicht erreicht», sagt Studer.

Staatsarchiv sucht die Akten

Erste Anlaufstelle für Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen ist oft die Opferhilfe. Diese unterstützt sie beim ganzen Prozess rund ums Einreichen des Gesuchs. Via Opferhilfe oder auch direkt gelangen die Betroffenen dann ans Staatsarchiv, weil sie bei ihren Gesuchen beim Bund belegen müssen, dass sie Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag haben. Das können sie anhand von Akten, in denen die Behörden Teile ihrer Lebensgeschichten verzeichnet haben – etwa, wenn notiert wurde, an welche Pflegefamilie sie vergeben wurden.

In alten Dokumenten finden sich Spuren der Lebenswege. Bild: Andreas Blatter

Diese Akten zusammenzutragen, ist Aufgabe des Staatsarchivs. Denn viele Opfer legten eine wahre Odyssee durch den Kanton Bern zurück. Sie wurden von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, von Gemeinde zu Gemeinde weitergereicht. Der Aufwand für die Betroffenen, die Akten selber zu suchen, wäre immens. Zudem wäre es auch emotional unzumutbar, sagt Studer. «Diese Menschen haben sehr schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht. Sie sollen jetzt nicht auch noch bei jenen Stellen anklopfen müssen, von denen sie einst so schlecht behandelt wurden.»

Auch so ist dieser Prozess für die Betroffenen aufwühlend. Sie setzen sich noch einmal aktiv mit ihren schwierigen Erlebnissen auseinander oder erfahren zum Beispiel mit achtzig Jahren, dass sie eigentlich Geschwister hätten. Einige werden wütend, andere weinen am Telefon – und wieder andere melden sich später bei den Mitarbeitenden des Staats­archivs, um ihnen für ihre Arbeit zu danken: Nun könnten sie endlich in Ruhe sterben.

Gemeinden sträuben sich

Um den Aufwand zu bewältigen, hat der Kanton temporär drei Leute mit insgesamt 220 Stellenprozenten angestellt. Rund fünf Vollzeitstellen sind für diese Aktenarbeit reserviert. Pro Anfrage investieren die Mitarbeiter durchschnittlich knapp zwei Arbeitstage.

Sie forschen in den kantonseigenen Archivalien sowie bei den Gemeinden nach – und stossen dort manchmal auch auf Widerstand. Bei einigen Gemeinden müsse man hartnäckig dranbleiben, immer wieder nachfragen und sie davon überzeugen, dass sie die Akten von Gesetzes wegen aushändigen müssten, sagt Studer. Ein Beleg dafür, dass es sinnvoll war, den Opfern diesen Weg abzunehmen.

Eine Oberländer Gemeinde habe kurzerhand selber entscheiden wollen, dass eine Person kein Opfer sei. 

Eine Oberländer Gemeinde etwa habe kurzerhand selber entscheiden wollen, dass eine Person kein Opfer sei. «Dabei ist es weder an der Gemeinde noch an uns vom Staatsarchiv, das zu entscheiden. Sondern an den Kommissionen auf Bundesebene, welche die Fälle beurteilen.»

Es gebe in allen Kantonsteilen Gemeinden, die sich sträubten. Namen will Studer keine nennen. «Das wäre kontraproduktiv. Zumal die Gemeinden auch immer einsichtiger werden.» Ausserdem habe sie auch ein gewisses Verständnis für die Gemeinden, die oft zu wenig Personal und schlecht geführte Archive hätten. «Der Zusatzaufwand kommt natürlich ungelegen.»

Ältere haben Priorität

Ab dem 1. April haben die Betroffenen offiziell ein Jahr Zeit, um ihr Gesuch beim Bundesamt für Justiz einzureichen. Noch ein halbes Jahr später kann das Staatsarchiv nötigenfalls Akten nachliefern. «Das reicht zeitlich aus», ist Studer trotz des Aufwands überzeugt. Um System in die Arbeiten zu bringen, behandelt das Staatsarchiv einige Anfragen prioritär. «Leute mit Jahrgang vor 1942 sowie Schwerkranke haben Vorrang», sagt Studer. Dort dränge die Zeit, dass sie ihren Beitrag noch erhielten.

Ähnlich handhabt man es beim Bundesamt für Justiz. Über 1400 Gesuche sind dort seit Dezember bereits eingetroffen, wie der Leiter des Fachbereichs «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen vor 1981», Reto Brand, sagt.

Prioritär behandelte Gesuche, das heisst insbesondere solche von Personen über 75 Jahren und Schwerkranke, sollen möglichst rasch Bescheid erhalten, ob sie Anrecht auf einen Solidaritätsbeitrag haben. Das Geld erhalten sie jedoch erst ab Frühling 2018 (siehe Kasten). Aus dem Kanton Bern sind bislang über 70 Gesuche eingegangen. Brand rechnet mit vielen weiteren: «Nicht zuletzt wegen seiner Grösse und seiner ländlichen Struktur gab es im Kanton Bern mehr Fälle von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen als in anderen Kantonen.»

Betroffene können sich an das Staatsarchiv des Kantons Bern wenden: Falkenplatz 4, 3012 Bern, Telefon 031 633 51 01; E-Mail: staatsarchiv@be.ch.

Generelle Unterstützung erhalten Betroffene bei der Beratungsstelle Opferhilfe Bern: Seftigenstrasse 41, 3007 Bern, Telefon 031 370 30 70, E-Mail: beratungsstelle@opferhilfe-bern.ch. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.03.2017, 10:57 Uhr

Ansturm auch auf Bundesebene

Geld gibt es erst in einem Jahr

Über 1400 Gesuche für einen Solidaritätsbeitrag sind bereits beim Bundesamt für Justiz von Verdingkindern und anderen Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen eingegangen. Dies, obwohl das Gesetz, welches ihnen diesen Beitrag ermöglicht, erst am 1. April in Kraft tritt. Es sei immer klar ­gewesen, dass das Bundesamt schon vorher Gesuche entgegennehme, sagt Reto Brand, Leiter des Fachbereichs «Fürsorgerische Zwangsmassnahmen vor 1981». Man hatte dies ursprünglich ab Januar tun wollen, als aber die ersten Anträge schon im Dezember kamen, wies man sie nicht zurück. «Wir können und müssen hier flexibel sein. Den Einreicheschluss von Ende März 2018 hingegen müssen wir einhalten», sagt Brand.

Mit zurzeit sechseinhalb Vollzeitstellen – der Bund hat zum Teil Stellen aufgestockt – werden die Gesuche fortlaufend geprüft. Sobald klar wird, dass jemand Anspruch auf einen Solidaritätsbeitrag hat, wird er bis Ende März 2018 darüber schriftlich informiert. Wie hoch der Betrag pro Person ausfallen wird, wird jedoch erst im Frühling 2018 festgelegt und hängt von der Anzahl der eingegangenen Gesuche ab. Denn das Parlament hat den Gesamtbetrag für die Beiträge auf 300 Millionen Franken und den Maximalbetrag pro Opfer auf 25 000 Franken begrenzt. Sofern 12'000 oder weniger Gesuche eingehen, werden pro Opfer in einer einmaligen Zahlung 25'000 Franken überwiesen. Dies, sobald ein Gesuch gutgeheissen wurde.

Etwas komplizierter wird es, wenn sich mehr als 12'000 Leute melden. In diesem Fall gäbe es für die Opfer zwei Teilzahlungen. Der erste Betrag wird anhand der Anzahl der eingegangen Gesuche ausgerechnet und überwiesen, sobald ein ­Gesuch genehmigt ist. Ein Restbetrag folgt, sobald alle Gesuche geprüft sind und somit klar ist, wie viele tatsächlich anerkannt wurden. Insgesamt fällt der ­Solidaritätsbeitrag pro Opfer dann aber kleiner aus als die 25'000 Franken. (sar)

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