«Hier ist Albert Rösti. Störe ich?»

Wie bringt man seine potenziellen Wähler an die Urne? Mit dieser Frage schlagen sich Parteien aller Couleur herum. Die SP und neu auch die SVP versuchen es mit Telefonmarketing. Mit dem Risiko, die Leute zu nerven.

<b>Wer am Apparat?</b> SP und SVP.

Wer am Apparat? SP und SVP.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Albert Rösti sitzt am Ende einer langen Festbank im Säli des Restaurants Kreuz in Allmendingen bei Thun. In der Hand hält er ein Natel, vor ihm liegt eine Telefonliste. Die ersten Nummern musste er allesamt erfolglos abhaken, immer kam die Combox. Jetzt endlich hat er Glück. «Guten Abend Markus. Hier ist Albert Rösti von der SVP. Störe ich?»

Rösti stört nicht, auch wenn er dies angesichts seiner zaghaften Fragestellung wohl selbst vermutete. Der Mann am anderen Ende der Leitung – ein SVP-Gemeinderat aus der Region – plaudert gerne ein paar Worte mit seinem Parteipräsidenten. Röstis Aufforderung, für die kantonalen Wahlen Ende März in seinem Umfeld noch einmal kräftig zu mobilisieren, nimmt er gerne entgegen. «Bei dir ist ein solcher Aufruf ohnehin wie Wasser ins Meer tragen», scherzt Rösti.

«Beste Mitgliederpflege»

Es wird an diesem Abend im Restaurant Kreuz relativ viel Wasser ins Meer getragen. Erstmals in ihrer Parteigeschichte führt die SVP eine Telefonkampagne durch. Bei dieser ersten Anrufwelle werden allerdings nur Parteimitglieder kontaktiert. Leute also, die ohnehin SVP wählen. Es ist quasi das Trainingslager für die zweite Anrufwelle im März. Dann werden gezielt Zielgruppen avisiert: Bauern, Gewerbler, Garagisten – Leute, die nicht Parteimitglieder sind, aber welche die SVP mit ihrem Programm erfahrungsgemäss anspricht.

«Guten Abend Markus. Hier ist Albert Rösti von der SVP. Störe ich?»SVP-Präsident Albert Rösti 
am Apparat

Mehrere Grossratskandidaten sowie Parteigrössen wie Albert Rösti oder Adrian Amstutz greifen an diesem Tag zum Hörer. Sie haben sich im ganzen Säli verteilt, als müssten sie alle eine Schulprüfung schreiben. Jeder muss in den kommenden dreieinhalb Stunden eine Liste abarbeiten. Die SVP-Basis darf den Parteigrössen dabei sagen, wo der Schuh drückt. Steuern, Asylpolitik, Krankenkassen, Landwirtschaft oder Bildung sind mögliche Wahlschwerpunkte.

«Das ist beste Mitgliederpflege», sagt Samuel Krähenbühl begeistert. Während sich einige in ihrer neuen Rolle als Telefonverkäufer noch schwertun, ist der Grossrat aus Unterlangenegg voll in seinem Element. Mit fast allen Gesprächspartnern ist er per Du. Gerade hat er fünf Minuten lang über den tiefen Milchpreis gefachsimpelt. «Der geht jetzt vielleicht in die Beiz und sagt: Hey, jetzt hat mir gerade der Krähenbühl angerufen. Und von dort macht das dann die Runde.»

Ein nationales Pilotprojekt

Telefonwahlkampf ist keine Erfindung der SVP. Vielmehr hat die Methode in den USA ihren Ursprung. «Get out the vote» heisst dort das Prinzip. Nichts soll unversucht bleiben, die Wähler an die Urne zu locken. Dabei spielt die Kontaktaufnahme per Telefon eine Schlüsselrolle. Für die USA gibt es mehrere Studien, welche die Effektivität dieser Methode beweisen. Die SVP schickte für den US-Wahlkampf 2008 ihren damaligen Generalsekretär Martin Baltisser gar in die Staaten, um die Kampagnenmethoden zu studieren. Seither liebäugelte die Partei immer wieder mit einer Telefonkampagne. Aber erst jetzt erklärte die SVP-Führung die Zeit für reif.

Die Berner Aktion vor den Wahlen steht unter dem Segen der SVP Schweiz. Ein nationales Pilotprojekt nennt es deshalb ­Aliki Panayides, Geschäftsführerin der SVP Kanton Bern. Zur Prüfung, wie effektiv die Kampagne ist, werden nur Einwohner von einzelnen Gemeinden kontaktiert. Bei der Wahlanalyse will die Partei so herausfinden, ob es zwischen den Gemeinden tatsächlich Unterschiede gab.

SP hat positive Erfahrungen

Nimmt man die Erfahrungen der SP als Massstab, sind solche Unterschiede äusserst wahrscheinlich. Sie ist in der Schweiz die Pionierin auf dem Gebiet des Telefonwahlmarketing. Bei den Nationalratswahlen 2015 ging die Partei erstmals mit gezielten Telefonanrufen auf Wählerfang. «Wir gehen aufgrund dieser Basiskampagne von 1 bis 1,5 Prozent zusätzlichen Wählerstimmen aus», sagt David Stampfli, Generalsekretär der SP Kanton Bern. Für die Grossrats- und Regierungsratswahlen werden deshalb an den ersten drei Samstagen im März wieder rund 1000 SP-Mitglieder die Telefone bedienen.

«Die meisten Leute reagieren positiv. Sie merken schnell, dass wir ihnen nicht eine neue Krankenkasse verkaufen wollen.»David Stampfli, SP-Generalsekretär

Laut Stampfli hat diese Art der Kampagne nicht nur eine posi­tive Aussen-, sondern auch eine Innenwirkung. «Solche gemeinsamen Aktionen schweissen zusammen.» Er führt auch die steigenden Mitgliederzahlen der SP mit dem vermehrten Einbeziehen der Basis zusammen.

Peinlichkeiten gehören dazu

Stampflis Partei ruft vor allem Leute aus dem direkten Umfeld der Mitglieder an. Auch wer der SP einmal Geld gespendet hat, bei ihr Material bestellt hat oder eine Parteizeitung abonniert hat, kann auf solch einer Anrufliste landen. Die SVP hingegen kauft die Zielgruppenadressen bei einer Direktmarketingfirma ein. Eine Telefonnummer kostet dabei rund 50 Rappen.

Genervte Reaktionen wird es voraussichtlich bei beiden Methoden geben. Telefonwerbung hat einen schlechten Ruf. Stampfli relativiert aber: «Die meisten Leute reagieren positiv. Sie merken schnell, dass wir ihnen nicht eine neue Krankenkasse verkaufen wollen.» Trotzdem ist es schon zu peinlichen Vorfällen gekommen. Etwa bei den Berner Stadtratswahlen 2016, als ein SP-Wahlhelfer Regula Tschanz, der Generalsekretärin der Grünen Partei Schweiz, empfahl, aus dem rot-grünen Bündnis nur SP-Kandidaten zu wählen.

Solche Peinlichkeiten werden aber in Kauf genommen. Es geht um viel. Gerade bei kantonalen Wahlen ist die Wahlbeteiligung meist sehr tief. Wer sein Wählerpotenzial voll ausschöpfen kann, dem winken Gewinne.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 21.02.2018, 08:59 Uhr

Wahlkampf auf Facebook

So dringen die Parteien in die «Filterblasen» ein.

Facebook-Benutzer aus dem Kanton Bern werden in den kommenden Wochen vermehrt Anzeigen von Parteien in ihrem News-Feed vorfinden. Da der Facebook-Algorithmus erkennt, wo seine Mitglieder wohnhaft sind, ergibt sich kein Streuverlust. Aber man kann die Zielgruppe noch viel enger abstecken, als bloss über geografische Massstäbe.

Facebook weiss über seine User unglaublich viel und stellt dieses Wissen auch den Werbenden zur Verfügung. Auch für Parteien ergeben sich dank dieser Daten interessante Möglichkeiten. Wenn sie auf Facebook eine Werbeanzeige schalten, können sie zielgenau definieren, welche Gruppe ihre Anzeige sehen soll. Mögliche Filter: Ausbildung, Einkommen, Interessen, Arbeitssituation, Beziehungsstatus usw. Parteien können sogar einzelne Spezialinteressen bedienen, zum Beispiel Angebote für Hundeliebhaber oder Ökotouristen.

Die FDP Kanton Bern will beispielsweise in den nächsten Wochen eine Social-Media-Kampagne fahren. Was für Filter sie dabei einsetzt, sei noch unklar, heisst es vom Parteisekretariat. Auch andere Parteien setzen dieses Mittel gezielt ein, etwa die SP Schweiz für ihre Anti-No-Billag-Kampagne.

Das Gute: Es gibt eine Möglichkeit herauszufinden, wieso einem eine Werbeanzeige auf Facebook angezeigt wird. Wenn man bei einem gesponsorten Beitrag oben rechts auf die Auswahl klickt, gibt es die Information «Warum wird mir das angezeigt?». Bei dieser Abfrage sieht man direkt, welcher Filter einem die Anzeige in den News-Feed gespült hat.qsc

Artikel zum Thema

Die Genossen schwören sich auf Wahlkampf ein

Rund sechs Wochen vor den kantonalen Wahlen hat die SP Kanton Bern die heisse Phase des Wahlkampfs eingeläutet. Erklärtes Ziel: Die Rückeroberung der Regierungsmehrheit und Sitzgewinne im Parlament. Mehr...

Vor dem Wahltag heisst es Rackern am Berg

Eigentlich ist er in der Pharmabranche zu Hause. Für die «Jobwechsel»-Serie dieser Zeitung schlüpfte der FDP-Regierungsratskandidat Philippe Müller in die Rolle eines Zivilschützers am Lauberhorn. Mehr...

Bürgerliche geben im Wahlkampf am meisten Geld aus

Die bürgerlichen Parteien haben für ihre Kampagne für die Regierungsratswahlen 350'000 Franken zur Verfügung. SP und Grüne hingegen nur 260'000 Franken. Mehr...

Service

Von Kino bis Festival

Finden Sie hier die schönsten Events in unserer Region.

Kommentare

Abo

Immer die Region zuerst. Im Digital-Abo.

Die BZ Berner Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 29.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...