Hier entsteht das Quartier der Zukunft

Ittigen

Am Aarehang in Worblaufen ist eine Siedlung mit 167 Wohnungen geplant. Das Spezielle daran: Im Quartier wird über das ganze Jahr mehr Energie produziert als verbraucht.

Das Quartier soll in der zweiten Reihe über der Aare entstehen, hinter den geplanten Hammerwerk-Neubauten.<p class='credit'>(Bild: Fischer Architekten/Zuend Zürich)</p>

Das Quartier soll in der zweiten Reihe über der Aare entstehen, hinter den geplanten Hammerwerk-Neubauten.

(Bild: Fischer Architekten/Zuend Zürich)

Über 23000 Quadratmeter gross ist es, das Landstück oberhalb der ehemaligen Hammerkwerke. Am sonnigen Hang gelegen, mit bester Aussicht auf die Aare. Der Bahnhof Worblaufen ist bloss einen Steinwurf entfernt, der Autobahnanschluss Wankdorf nicht viel weiter. Bisher war das Landstück an einen Bauern verpachtet, der letztes Jahr Mais pflanzte. Die Stoppeln, die aus dem gefrorenen Boden ragen, zeugen noch davon.

In den kommenden Jahren soll das Landstück überbaut werden. «Aarerain» heisst das Projekt, das keine 08/15-Überbauung sein soll, sondern das erste Plusenergiequartier der Schweiz. Das heisst: Im Quartier wird über das ganze Jahr gesehen mehr Energie produziert als verbraucht. Plusenergiehäuser gibt es zwar auch in der Region Bern immer mehr; ein ganzes Plusenergiequartier existiert aber noch nicht, wie die Verantwortlichen des Projekts erklären.

Wärme von der ARA

Das Land gehört der Coop-Pensionskasse. Zusammen mit der Losinger Marazzi AG und der Gemeinde Ittigen hat sie einen Architekturwettbewerb durchgeführt, den die Fischer Architekten AG aus Zürich gewonnen hat.

Das Siegerprojekt sieht sechs Mehrfamilienhäuser mit bis zu acht Stockwerken vor. So entstehen 167 Wohnungen für 350 bis 500 Bewohner. Von jeder Wohnung aus hat man Sicht auf die Aare. Spannend ist das Energiekonzept: «Wir wollen den Energiebedarf minimieren, aber nicht zulasten des Komforts», sagt Christian Leuner, Chef der Fischer Architekten AG.

Gut gedämmte Fassaden, Wärmerückgewinnung und effiziente Geräte sollen den Energiebedarf möglichst klein halten. Die Heizung erfolgt über den Wärmeverbund der ARA Worblaufen, die dem gereinigten Abwasser künftig 4 bis 6 Grad entziehen und so Energie gewinnen will.

Für den Strom sorgen die Fotovoltaikelemente auf den Dächern und eventuell auch an den Fassaden. So gelinge es, gesamthaft mehr Energie zu produzieren, als verbraucht werde. «Das ist sehr erfreulich», lobt Regierungsrat Christoph Ammann (SP). Am Medientermin spricht er deshalb von einem «Leuchtturmprojekt».

Die Kehrseite

«Ein ganzes Plusenergiequartier gibt es unseres Wissens hierzulande bisher nicht», bestätigt Sabine Hirsbrunner, Mediensprecherin beim Bundesamt für Energie. Die Stossrichtung des Projekts sei positiv, «doch es gibt auch die Kehrseite»: Im Sommer sorgen die Fotovoltaikelemente für eine Überproduktion an Energie, die ins öffentliche Stromnetz eingespeist wird. Im Winter wird man nicht darum herumkommen, Energie von aussen zu beziehen.

Lösen liesse sich das Problem laut Hirsbrunner durch die Optimierung des Eigenverbrauchs, wenn der produzierte Strom 1:1 vor Ort verbraucht würde. Damit müssten keine grossen Überproduktionen ins Netz eingespeist werden.

Eine weitere Möglichkeit könnte der Einbau eines Speichersystems sein, zum Beispiel Batterien, die mit dem vor Ort produzierten Solarstrom aufgeladen werden. «Allerdings sind solche Batterien heute noch sehr teuer», so Hirsbrunner.

Speichermöglichkeiten sind im «Aarerain» nicht vorgesehen. Noch nicht. Die Technologie werde aber Fortschritte machen, die Speichermöglichkeiten würden effizienter und rentabler, erklären die Verantwortlichen. Es sei deshalb möglich, dass auch im «Aarerain» ein solches Speichersystem eingebaut werde. Baubeginn des Plusenergiequartiers ist nämlich frühestens in zwei Jahren. Zuerst entscheidet die Ittiger Gemeindeversammlung im kommenden Winter über die Überbauungsordnung.

Gemeindepräsident Marco Rupp (BVI) ist zuversichtlich, dass das Volk dem Projekt zustimmt – trotz den bis zu achtstöckigen Häusern. Denn das geplante Quartier trage auch Sorge zum Land. Eigentlich gehört der Coop-Pensionskasse nämlich ein noch deutlich grösserer Teil des Aarehangs. Man wolle aber Rücksicht auf die Bevölkerung nehmen: der westliche Teil des Aarehangs soll grün bleiben.

Auch Köniz hat Pläne

Was in Worblaufen geplant wird, soll bald auch in Köniz Realität werden – als Teil der neuen Mega-Siedlung, die sich derzeit im Ried bei Niederwangen im Bau befindet. Total 1000 Wohnungen für 2500 Menschen entstehen dort etappenweise bis ins Jahr 2028. Von einem Baufeld ist die Gemeinde Köniz Landeigentümerin. Auf diesem Perimeter, der etwa so gross wie vier Fussballfelder ist und rund ein Viertel der ganzen Siedlung ausmacht, will die Gemeinde ein Plusenergiequartier realisieren. 

Der Anspruch der Gemeinde ist es, dass das nachhaltige Quartier gleichzeitig auch zum sogenannten 2000-Watt-Areal wird. Ein solches zeichnet sich dadurch aus, dass jeder Bewohner nicht mehr als 2000 Watt Energie verbraucht. Diesen dauerhaften Energiebedarf pro Person verträgt die Erde laut Klimaexperten längerfristig, mehr nicht. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt heute der Energieverbrauch pro Person über 6000 Watt, also das Dreifache.

Wie will die Gemeinde die hochgesteckten Ziele erreichen? «Im Quartier wird die Energie zu 100 Prozent erneuerbar und lokal produziert sein», erklärte Gemeinderat Hansueli Pestalozzi (Grüne) gestern vor den Medien.

Fotovoltaikanlagen werde es nicht nur auf den Dächern geben, sie würden teils auch in die Fassade integriert. Und: Um den ökologischen Fussabdruck der Bewohner im Plusenergiequartier klein zu halten, stehen dort auch weniger Autoparkplätze zur Verfügung als in der restlichen Siedlung. «Wer hier wohnt, ist Teil der Lösung der Umweltsituation», so Pestalozzi.

Nebst der energetischen Bauweise soll das Quartier zudem sozial nachhaltig sein. Ein Drittel der rund 250 Wohnungen wird zu diesem Zweck aus preisgünstigen Wohnungen bestehen. Die Gemeinde setzt damit erstmals die Wohninitiative in die Tat um, die vor zwei Jahren vom Stimmvolk angenommen wurde.

Baulich umsetzen wird das Plusenergiequartier – unter den Nachhaltigkeitsbedingungen der Gemeinde – die Immobilienfirma Mobimo. Ihr gibt die Gemeinde ihr Land im Baurecht ab. Im Gegenzug erhält sie von der Investorin rund 650000 Franken Baurechtszins pro Jahr. Über die Baurechtabgabe hat das Könizer Stimmvolk im Mai noch das letzte Wort. Läuft alles nach Plan, ist das Könizer Vorzeigequartier 2023 bezugsbereit.

Berner Zeitung

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