«Hausarzt zu werden muss für Studierende attraktiver sein»

Die Präsidentin des Vereins Berner Hausärzte Monika Reber Feissli begrüsst die Erhöhung der Studierendenzahlen. Um den drohenden Hausärztemangel abzuwenden, brauche es aber weitere Massnahmen.

Der Hausarztberuf müsse attraktiver gemacht werden, sagt Monika Reber Feissli (Symbolbild).

Der Hausarztberuf müsse attraktiver gemacht werden, sagt Monika Reber Feissli (Symbolbild). Bild: Keystone

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Die Uni Bern erhöht die Studierendenzahlen in der Medizin und erfüllt damit eine Ihrer Forderungen. Sind Sie zufrieden?

Monika Reber Feissli: Grundsätzlich stimmt mich das positiv. Die Erhöhung ist zwingend notwendig, denn ein Ärztemangel droht nicht nur in der Grundversorgung. Bloss weil es mehr junge Mediziner gibt, werden sich aber nicht automatisch mehr für eine Laufbahn in einer Hausarztpraxis entscheiden.

Warum nicht?

Umfragen unter Medizinstudenten zeigen, dass nur 20 Prozent Hausarzt werden wollen. Um den Bedarf zu decken, müssten es aber mindestens 50 Prozent sein. Es braucht weitere, begleitende Massnahmen.

Können Sie das genauer aus­führen?

Allem voran muss die Attraktivität erhöht werden. Es ist nach wie vor so, dass Medizinstudenten während sechs Jahren mehrheitlich im Elfenbeinturm sitzen. Dort halten ihnen hochspezialisierte Mediziner Vorlesungen über hochspezifische Themen. Es ist natürlich spannend, wenn ein Neurochirurg über seine Fälle berichtet. Universitärer Unterricht in dieser Form ist aber kein Abbild der medizinischen Realität – die praktischen und vielseitigen Aspekte der Grundversorgung kommen zu kurz.

Wäre also ein unabhängiger Studiengang sinnvoll? Studierende würden auf direktem Weg zu Hausärzten ausgebildet.

Das ist unrealistisch. Junge Menschen wollen heute möglichst lange flexibel sein. Sicherlich muss man aber kreativer werden, beispielsweise beim Prozedere des Numerus Clausus (NC). Man könnte etwa jenen Studierenden die Aufnahmeprüfung erlassen, welche sich verpflichten, Hausärzte zu werden.

Werden heute die falschen Leute zum Studium zugelassen?

Teilweise. Generell hat das Studium durch den NC an Qualität gewonnen. Dennoch müsste man beim Aufnahmeverfahren nochmals über die Bücher. Heute besteht es einzig und allein aus einem Test der rationalen Intelligenz. Der Arztberuf verlangt aber weitaus mehr. Gefragt sind ebenso Empathie, Sozialkompetenz und gesunder Menschenverstand. Wie man diese Qualitäten genau prüft, weiss ich nicht. Es gibt keine Patentlösung.

Trotzdem braucht es gemäss Ihrem Verein bis 2020 im Kanton Bern 240 zusätzliche Hausärzte. Welche konkreten Schritte fordern Sie von der Politik?

Momentan ist es attraktiver, an der Poliklinik mit geregelten Arbeitszeiten und gesichertem Einkommen zu praktizieren als in der eigenen Praxis – das muss sich ändern. Wenn der Kardiologe bereits am Vormittag so viel verdient wie der Hausarzt, welcher am Abend auch noch Notfalldienst machen muss, an einem ganzen Tag, dann ist klar, für welchen Weg sich junge Ärzte entscheiden. England kämpfte mit vergleichbaren Problemen. Bis man beschloss, Hausärzte besser zu entlöhnen. Darüber müsste man auch hierzulande nachdenken.

Mehr Lohn würde also genügen?

Das ist nicht alles. Es braucht eine Gleichbehandlung aller Fachrichtungen. Nachholbedarf besteht auch in der Weiterbildung: Heute gibt es im Kanton Bern nur 21 Assistenzstellen in Hausarztpraxen. Das steht in krassem Missverhältnis zum Bedarf. Dieses Angebot muss zwingend erweitert werden. Erst recht, wenn die Studierendenzahlen steigen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 01.07.2016, 19:58 Uhr

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Monika Reber Feissli (Bild: zvg)

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