Gemeinden müssen Millionen in die Schulinformatik investieren

Die Schulen im Kanton Bern stehen vor Millioneninvestitionen: Stehen heute pro Klasse drei Laptops zum Gebrauch bereit, sollte in zwei Jahren jeder Schüler ein eigenes Gerät zur Verfügung haben.

Schülerinnen und Schüler müssen sich heute vielerorts in den Schulen des Kantons Bern einen Laptop teilen.

Schülerinnen und Schüler müssen sich heute vielerorts in den Schulen des Kantons Bern einen Laptop teilen.

(Bild: Keystone)

Marius Aschwanden

Längst sind Smartphones, Tablets und Laptops zu einem un­verzichtbaren Teil unseres Alltags geworden. Der digitale Wandel macht auch vor den Schulstuben nicht halt. Doch laut der PH Bern herrscht in rund 90 Prozent der Schulen des Kantons Bern Nachholbedarf.

«In einem durchschnittlichen Klassenzimmer finden sich heute drei Computer oder Laptops», sagt Kurt Reber, Leiter der Schulinformatik. Spätestens mit der Einführung des Lehrplans 21 in zwei Jahren wird dies nicht mehr genügen. Dann wird das eigenständige Fach «Medien und Informatik» eingeführt. Aber auch schon heute beinhalten die Lehrmittel zunehmend digitale Bestandteile.

Aus diesen Gründen benötigen die Schulen massiv mehr Geräte sowie ein leistungsfähiges Netzwerk und eine ebensolche Anbindung ans Internet. «Wir gehen davon aus, dass künftig während gewisser Unterrichtssequenzen jede Schülerin und jeder Schüler ein Laptop oder ein Tablet zur Verfügung haben muss», sagt ­Reber. Deshalb werden die Empfehlungen für die Schulinformatik derzeit vom Kanton überarbeitet (siehe Infobox).

Grosser Rat hat reagiert

Klar ist bereits jetzt: Diese digitale Aufrüstung wird die Gemeinden teuer zu stehen kommen. Anders als bei den Lehrerlöhnen sind für die Infrastruktur der Schulen ausschliesslich die Kommunen zuständig. Beim Verband Bernischer Gemeinden (VBG) blickt man dem Wandel deshalb besorgt entgegen. «Für finanziell schlecht gebettete Kommunen könnten die Kosten zu einer ­Herausforderung werden», sagt Geschäftsführer Daniel Arn.

Er schliesst deshalb nicht aus, dass auch über eine neue Finanzierungsverantwortung diskutiert werden muss. Mit anderen Worten: Wenn der Kanton Vorgaben macht, soll er sich auch an den Kosten beteiligen.

Im Grossen Rat wurde dies letzte Woche bereits diskutiert. Im Wissen um die anstehenden Investitionen hat das Parlament in der Bildungsstrategie 2016 den Regierungsrat aufgefordert, eine finanzielle Unterstützung der Gemeinden bei den Kosten für ­digitale Medien zu prüfen.

Unterschiedliche Finanzen

Wie hoch diese Kosten sein werden, kann weder die Erziehungsdirektion noch die PH oder der VBG beziffern. Zahlen für den ­gesamten Kanton gibt es keine. Vereinzelt haben Schulen aber in den letzten Jahren bereits aufgerüstet. So etwa in Huttwil.

Dort wurden vor einem Jahr sämtliche Siebtklässler mit einem Streambook – einem abgespeckten Laptop – ausgestattet. Heuer folgen die restlichen Oberstufenschüler. Kostenpunkt: 250'000 Franken für die Geräte und 40'000 Franken wiederkehrende Kosten. Dazu gehören etwa der technische Support und die Weiterbildung der Lehrpersonen.

«Möchte eine Schule den Lehrmitteln in den Fremdsprachen entsprechen, ist ein 1:1-Computing bereits heute ein Muss», sagt Gesamtschulleiter Pierre Zesiger. Jeder Schüler sollte also ein eigenes Gerät zur Verfügung haben. Dies werde sich im Kanton Bern aufgrund der Kosten aber kaum realisieren lassen.

«Wir ­haben das Glück, dass Huttwil ­finanziell gut dasteht und die ­Behörden gegenüber unseren Anliegen sehr offen sind», sagt Zesiger. Zudem würde der Einsatz der Streambooks auch Einsparungen bringen. So werde etwa das Informatikzimmer auf­gelöst. Trotzdem glaubt er, dass auch künftig vielerorts mehrere Schüler ein Gerät teilen müssen.

Beispielsweise in Ostermundigen – und dies trotz Investitionen von 1,3 Millionen Franken im Jahr 2013 in die Schulinformatik. Vier Laptops würden derzeit pro Klasse zur Verfügung stehen, sagt Henrik Schoop, Gemeinderat Bildung und Vizepräsident Verband Schulbehörden Kanton Bern. Wünschenswert wäre mehr, sagt Schoop. Aber finanziell liege dies derzeit nicht drin.

Er ist überzeugt, dass sich keine Gemeinde der Entwicklung hin zu digitalen Lerninhalten verschliessen will. Aber: «Die Gemeinden können nicht immer noch mehr Geld für die Schulen ausgeben.» Schoop befürchtet denn auch, dass die Ungleichheiten zwischen den Gemeinden noch zunehmen werden, sollte das Ausgabenwachstum nicht gebremst werden.

Internet als Knacknuss

Bei den Lehrmittelherstellern deutet nichts darauf hin, dass dies geschehen könnte. «Das 1:1-Computing muss sich zum Standard entwickeln», sagt Stephan Mündlein vom Schulverlag Plus. Digitale Elemente seien für den Verlag, der im Besitz der Kantone Aargau und Bern ist, «zentraler Bestandteil eines jeden Lehrmittelprojektes». Zudem würde die Entwicklung weg von CDs hin zu webbasierten Lösungen gehen. «Insofern ist ein Anschluss ans Internet mit genügend Bandbreite für alle Schulen eine Grund­voraussetzung», sagt Mündlein.

Kurt Reber von der PH Bern schliesst auch nicht aus, dass Lehrmittel künftig ganz ohne Papier auskommen könnten. Dies würde denn auch zu einem gewissen Spareffekt für die Schulen führen. Auf der anderen Seite gehen Experten davon aus, dass künftig nicht mehr die Geräte der höchste Kostenfaktor sein werden, sondern die Internetan­bindung.

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