«Für Regierungsräte stehen nicht einfach alle Türen offen»

Barbara Egger-Jenzer (SP), Hans-Jürg Käser (FDP) und Bernhard Pulver (Grüne) blicken auf ihre Amtszeit zurück und haben Respekt vor einer Zukunft ohne Entscheidungsstress.

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Ihre Regierungszeit ist nach 5840 Tagen vorbei, Frau Egger. Ihre, Herr Käser und Herr Pulver, nach 4380 Tagen. Was haben Sie vorgekehrt, um nun nicht von hundert auf null abzustürzen?Barbara Egger-Jenzer:Eigentlich muss ich immer wissen, was als Nächstes mit mir passiert. Ich plante also, wie vor meiner Amtszeit wieder als Anwältin zu arbeiten. Ich hatte schon ein Büro organisiert. Aber als ich dort drin stand, realisierte ich: Das geht nicht, ich kann die Uhr nicht 16 Jahre zurückdrehen. Seither übe ich mich darin, nicht zu wissen, was auf mich zukommt. Ich weiss nur, dass ich nun auf eine Reise nach Frankreich gehe.
Bernhard Pulver: Ich freue mich, mal nicht zu wissen, was auf mich zukommt. Ich mache nun eine Auszeit und schaue dann weiter. 12 Jahre lang war mein Leben vom Rhythmus der Regierungsarbeit durchgetaktet. Darunter habe ich auch gelitten. Vor dem Übergang in einen neuen Rhythmus habe ich Respekt. Wenn man sich wieder mehr mit sich selbst beschäftigen kann, tauchen auch Sinnfragen auf.
Hans-Jürg Käser: Ich bin von nun an Privatier mit vielen Möglichkeiten und Freiräumen. Es ist ­bekannt, dass ich immer um halb sechs Uhr aufstehe. Das werde ich nicht mehr machen. Meine Frau und ich haben viele Pläne, die wir zurückgestellt haben. Wir werden mehr draussen in der Natur sein. Zudem habe ich Hobbys. Ich fahre ein kleines englisches Cabriolet. Und ich half 1975 einen Modelleisenbahnclub zu gründen. Ich werde nun lernen, wie Modelleisenbahnen heute digital gesteuert werden.

I. Respekt vor dem Abgang

Herr Käser, haben Sie einen Vorbereitungskurs für die Pension besucht?Käser:Wo denken Sie hin!

Hat man das als Regierungsrat nicht nötig?Käser: Ich habe als HJK das Gefühl, das nicht nötig zu haben. Ich bin überzeugt, dass ich diesen Übergang schaffen werde.

Und Sie, Frau Egger und Herr Pulver, machen Sie eine Laufbahnberatung? Oder fliegen Alt-Regierungsräten die Verwaltungsratsmandate nur so zu?Pulver:Das ist eine falsche Klischeevorstellung. Es war vielleicht früher so. Ich war vor meiner Regierungszeit an der Universität und hätte eine wissenschaftliche Karriere anstreben können. Aber dieser Zug ist nach 12 Jahren abgefahren. Ich will nicht jammern, es wird spannende neue Aufgaben für mich geben. Aber für einen Regierungsrat sind nicht einfach alle Türen offen. Wenn er sich bewirbt, bekommt er vielleicht zu hören: Wir suchen einen Mitarbeiter, nicht einen Chef. Ich habe realisiert, dass mich die Menschen heute nicht mehr als Anwältin, sondern als Alt-Regierungsrätin ansehen würden. Deshalb eröffne ich jetzt mit drei Frauen ein Beratungs­büro und bin dann gespannt, was für Mandate kommen. Vielleicht kommt keines.

Gilt für Regierungsmitglieder wie für James-Bond-Darsteller, dass man dieser Rolle kaum mehr entkommt?Egger: Das sehe ich so, ja.
Pulver: Mir geht es gleich.
Egger:Als Alt-Bundesrat Moritz Leuenberger als Verwaltungsrat zum Baukonzern Implenia ging, wurde das öffentlich kommentiert. Ich kann hier sagen: Ich habe kein Angebot einer Baufirma, und ich würde es wohl auch nicht annehmen. Ich kann aber auch nicht einfach dort anknüpfen, wo ich vor der Politlaufbahn aufgehört habe. Dafür verfüge ich als Regierungsrätin nun über andere Kompetenzen.
Pulver: Ich verstehe nun etwas von Bildung. Aber meine Nachfolgerin würde sich wohl bedanken, wenn ich mich fortan dauernd zu Bildungsfragen äussern würde. Wir werden lernen müssen, zurückhaltend zu sein.
Käser: Was wir in unserer Regierungszeit sicher gelernt haben, ist Diplomatie. Gerade aus meiner Erfahrung mit interkantonalen Gremien weiss ich: Es geht darum, Mehrheiten zu schmieden.

Kann denn ein Regierungsrat nicht einfach befehlen?Egger: Es geht beim Regieren vielmehr um Mediation. Als Anwältin wollte ich mich durchsetzen und einen Prozess gewinnen. Als Regierungsrätin geht das nicht
Pulver: Dass man als Regierungsrat befehlen könne, ist eine ganz falsche Vorstellung. In meiner ersten Amtsperiode haben mir Lehrer gesagt: Warum schaffen Sie nicht sofort die Selektion ab? Man kann aber als Regierungsrat nicht wie in einer Firma erklären: Wir machen jetzt dieses Produkt, auf mein Risiko. Regieren heisst, eine Idee zu vermitteln, sich dann mit anderen Regierungsmitgliedern und Parteien abzustimmen, Konflikte zu schlichten.

Sie müssen nach Ihrem Abgang noch anderes lernen: Selber einen Kaffee zubereiten, ohne Chauffeur unterwegs sein. Wird Ihnen das Mühe machen?Pulver: Diese Privilegien waren bloss Arbeitsinstrumente. Ich freue mich darauf, meinen Kaffee selber zu machen und ohne Chauffeur mit dem Zug zu fahren
Egger: Wir haben ja alle drei unser bisheriges Leben weitergeführt. Ich ging am Samstag immer auf den Markt und habe ganz normal im Coop eingekauft. Was anders wird, ist wohl, dass wir in der Öffentlichkeit nicht mehr so auffallen. Darauf freue ich mich. Wenn ich durch die Stadt laufe, merke ich genau, wenn mich ein Ehepaar erkennt. Sie sagt dann etwa zu ihrem Mann: Hast du gesehen, das ist doch Barbara Egger. Wenn sie an mir vorbei sind, drehe ich mich manchmal um und sehe, dass auch sie sich umdrehen und mir nachschauen.

«Als Regierungsrat kann man nicht einfach befehlen, man muss aber laufend ­entscheiden, jeden Tag,  hundertmal.»Hans-Jürg Käser (FDP)

Aufmerksamkeit kann einem auch schmeicheln. Fürchten Sie sich ab morgen vor dem ­Bedeutungsverlust?Käser: Wir haben alle drei genug Bodenhaftung. Auch wenn ich die Aufmerksamkeit manchmal genossen habe, werde ich nicht darunter leiden, wenn sie wegbleibt. Wenn mich am Samstag Passanten im Gartentenü bei der Arbeit grüssten, haben sie gesehen, dass ich ein ganz normaler Bürger bin.
Egger: Mit dem Bedeutungsverlust habe ich kein Problem. Ich habe schon vor dem Regierungsamt meine Frau gestanden und werde es auch danach wieder tun. Und ich habe, seit ich 20 Jahre alt bin, dieselben Freunde, mit denen wir immer in die Ferien fahren. Ihnen war es eher peinlich, dass ich die Frau Regierungsrätin war.
Käser: Ich komme noch einmal auf das Befehlen zurück.

Das haben Sie nicht gern gehört?Käser: Ich weiss schon, was ­befehlen ist, ich war ja im Militär Regimentskommandant. Als ­Regierungsrat kann man nicht einfach befehlen, man muss aber laufend entscheiden, jeden Tag, hundertmal. Natürlich kann man sich ein Stärken-Schwächen-Profil erstellen lassen, aber am Ende muss man oft allein entscheiden. Als Privatier werde ich weniger zu entscheiden haben.

Reut es Sie, dass Sie nicht mehr entscheiden können?Käser: Es ist einfach so. Aber ich habe gern entschieden.
Pulver: Das Entscheiden und ­Gestalten wird mir fehlen.
Egger: In der Bau-, Verkehrs- und Energiedirektion musste ich täglich viele Entscheide fällen. Nach tiefgreifenden Entscheiden schlief ich manchmal schlecht und überlegte die ganze Nacht, ob ich richtig lag.

II. An der ­Leistungsgrenze

Kamen Sie beim Entscheiden manchmal an die Grenze der Überforderung?
Pulver: Man hat leider nicht immer genügend Informationen, um einen Entscheid zu fällen, das kann unbefriedigend sein.
Käser: Meine Faustregel ist: Lieber eine zu achtzig Prozent abgesicherte Entscheidung, die zur richtigen Zeit kommt, als eine hundertprozentige zu spät. Als Führungsperson kommt man ständig an seine Grenzen.
Pulver: Ich bin froh, war ich nicht Bundesrat, als die Landesregierung über die Rettung der UBS befinden musste. Das ist eine Verantwortung, die man sich kaum vorstellen kann.

«Ich liebe Referate, aber es müssten nicht gleich fünf in einer Woche sein.»Bernhard Pulver (Grüne)

Die Ruhestandsgehälter für abgetretene Regierungsmitglieder werden öfter mal hinterfragt. Was finden Sie?Pulver: Ich finde es absolut richtig, dass es diese Gehälter gibt. Gäbe es diese Absicherung nicht mehr, wäre ich seit einiger Zeit daran, einen neuen Job zu suchen. Damit ist man als Regierungsrat nicht mehr unabhängig, und das fände ich politisch völlig falsch. Es braucht das Wissen, dass man nach der Regierungszeit in Ruhe etwas Neues suchen oder notfalls auch längerfristig mit weniger Arbeit leben kann.
Egger:Als Anwältin war ich freier und habe erst noch mehr verdient denn als Regierungsrätin. Dass man sich in den besten Berufsjahren ins Korsett eines Regierungsamts begibt, ist nicht selbstverständlich. Es ist gut, dass ich nicht schon ab morgen wissen muss, was ich nun beruflich mache. Ich bin vor allem froh, kann ich mich erholen und den Kopf lüften.
Pulver: Das ist für mich auch so. Nach 12 Regierungsjahren bin ich ziemlich erschöpft. Man treibt in so einem Amt auch Raubbau.

Kam es zu 60-Stunden-Wochen?Pulver: Das war der Normalfall.
Käser: Das Anstrengende ist die Breite der Aufgaben in Kombination mit einem eng getakteten ­Tagesablauf. Dauernd wird von einem erwartet, dass man auftritt und dabei natürlich immer etwas zu sagen hat.
Pulver: Ich liebe Referate, aber es müssten nicht gleich fünf in einer Woche sein. Ich freue mich auf die Zeit, in der ich ab und zu ein Referat halte.
Egger: Ich war dreimal Regierungspräsidentin, nach dem ersten Präsidialjahr erlitt ich einen Zusammenbruch. Weil ich dachte, mich neben der Arbeit in meiner grossen Direktion noch überall zeigen zu müssen. Ich habe generell versucht, am Wochenende einen Tag freizunehmen. Aber es gelang oft nicht, meist war es nur ein halber Tag.
Käser:Ich hatte relativ viele Wochenendengagements, weil zur Polizeidirektion Sport- und Schiessanlässe gehören. Zudem brauchte ich am Wochenende einen halben Tag für das Studium der Regierungsakten. Ich habe das jeweils am Sonntagmorgen erledigt, wenn meine Frau in der Kirche mit Orgelspiel beschäftigt war. Ich musste ja auch schauen, dass die Familie noch etwas von mir hat.

III. Wie die ­Regierung redet

Jetzt, da Sie abtreten, können Sie uns verraten, wie es an den Sitzungen im Regierungszimmer zu- und hergeht. Sprechen Sie sich per Sie an?Käser: Wir duzen uns, reden einander aber mit dem Titel an. Wir sagen also nicht: Bernhard hat erklärt, sondern: Der Erziehungsdirektor hat erklärt. Wegen der Zweisprachigkeit reden wir Hochdeutsch. Das hat auch den guten Nebeneffekt, dass man weniger drauflosplappert.
Egger: Wir reden heute freier als früher. Man streckt die Hand auf, und die Präsidentin oder der Präsident erteilt einem das Wort.

«Ich übe mich nun darin, nicht zu wissen, was auf mich zukommt.»Barbara Egger-Jenzer (SP)

Man muss wie in der Schule brav die Hand aufstrecken?Egger: Das war am Anfang meiner Laufbahn viel strenger. Ich erinnere mich, dass man strikt nach dem Anciennitätsprinzip das Wort erhielt. Als Newcomerin war ich immer die Letzte. Ich wurde freundlich getadelt, wenn ich mich nicht an die Regeln hielt. Als wir einmal im Stadttheater den Bundesrat empfingen, mussten wir schön aufgereiht hinter einem Strich stehen, die damalige Präsidentin Elisabeth Zölch hat das «kontrolliert». Heute käme das nicht mehr vor.

Läuft ein Tonband bei der Regierungssitzung?Pulver: Nein, es gibt auch kein Protokoll.
Käser:Und wir gehen davon aus, dass es keine Wanzen im Regierungszimmer gibt.

Eben hat eine Indiskretion über das Olympiadossier Aufsehen erregt. Darf man im Regierungsrat, anders als an der Bundesratssitzung, das Handy mitnehmen und SMS senden?Egger: Ja, das ist erlaubt.

Wird es manchmal laut an einer Regierungssitzung?Egger: Ich finde, dass wir einen guten Umgangston haben. Das lässt auch zu, dass man manchmal emotional werden kann.
Käser: Ich habe nie jemanden ­beleidigt erlebt, der dann auf ­Abwehr schaltete.

Erinnern Sie sich an ein Thema, das zu Streit führte?Käser: Bei den Sparpaketen wird schon heftig diskutiert.
Egger: Das war früher aber heftiger. Ich erinnere mich an mein erstes Sparpaket, da sind die Fetzen geflogen.

Darf der Präsident oder die Präsidentin einen Witz erzählen?Käser: Ja, man kann aber auch ohne Witz eine Prise Humor reinbringen. Ich erzähle jetzt dennoch einen: Wissen Sie, woran man merkt, dass man nicht mehr Regierungsrat ist? Wenn man hinten rechts einsteigt und das Auto nicht abfährt.

Sind die Redeanteile in der ­Regierung ungleich verteilt?Pulver: Ich möchte hier über unsere interne Zusammenarbeit nicht ins Detail gehen. Es gibt schon Regierungsmitglieder, die nicht die schweigsamsten sind.
Egger: Du musst jetzt nicht mich anschauen, Bernhard.
Pulver: Ich meinte ja vor allem mich selbst.

Wer von Ihnen kann die anderen am besten zu etwas überreden?Käser: Frau Egger.
Egger: Ja, das bin wohl ich. Allerdings ist Überreden das falsche Wort, es geht ums Überzeugen.
Pulver: Man kann vielleicht jemanden schnell mal überreden, aber das kann sich rächen. Und auch Überzeugen geht nicht so leicht, es braucht Argumente, viel Vorarbeit und Geduld.

Das klingt jetzt wahnsinnig ­seriös, Herr Pulver. Sie müssen doch als Regierungsrat ein guter Verkäufer Ihrer Anliegen sein.Pulver:Zugegeben, das Verkaufen ist ein wichtiger Teil der Politik. Aber verkaufen bedeutet für mich: Erklären, erklären, erklären. Man muss Lust haben, hinzustehen und zu diskutieren. Ich hätte übrigens vor 12 Jahren nicht gedacht, dass so vieles möglich ist, wenn man die Leute zum Gespräch an einen Tisch bringt.

Sind Sie auch mal zornig in Ihre Direktion zurückgekehrt, wenn Grossräte Ihr Geschäft mit unqualifizierten Voten zerzausten?Egger: Man weiss ja als Regierungsrätin, dass die Grossräte immer recht haben . . . Nur einmal hat sich ein Grossrat mir gegenüber so ungehobelt benommen, dass ich das Rathaus verliess und dachte: Jetzt trete ich zurück, das lasse ich mir nicht bieten. Ich bin dann durch die Altstadt gelaufen und zufällig der damaligen Gemeinderätin Edith Olibet begegnet. Ich konnte ihr meine Sorgen erzählen, dann war es wieder gut.

IV. Bilanz

Was sind Ihre grössten Erfolge und Niederlagen? Herr Käser, haben Sie mit dem Nein zum Kredit für minderjährige Asyl­suchende gehadert?Käser: Das war natürlich nicht schön und war wohl eine Niederlage. Aber ich kann damit leben. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Mehrheit meiner Geschäfte gegen die Stimmen der SVP durchkam. Ein Erfolg war für mich die Revision des Polizei­gesetzes oder auch meine sechsjährige Leitung der Konferenz der Kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. Das war eine spannende Herausforderung mit erheblicher Wirkung.
Pulver: Ich würde als Erfolg die Tagesschulen nennen. Und als grösste Niederlage die Abstimmung in Moutier. Ich hatte nicht erwartet, dass dabei wieder alte Wunden aufgerissen werden.
Egger:Ich kann meine 16 Jahre nicht mit Erfolgen und Niederlagen zusammenfassen. Ich konnte in diesem Kanton viel bewegen, ich möchte nichts hervorheben.

Wie soll man sich dereinst an Sie erinnern?Pulver: Als jemanden, der Lösungen gefunden und unterschiedlichste Partner an den Tisch geholt hat.
Egger: Als jemanden, der dazu beigetragen hat, dass der Kanton Bern ein Stück nachhaltiger geworden ist.
Käser: Ich hätte Freude, wenn ich als der Polizeidirektor in Erinnerung bliebe, der als eingefleischter Föderalist Lösungen für die Sicherheit im ganzen Land gefunden hat.

Berner Zeitung

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