Hochfliegende Pläne trotz tiefroten Zahlen

Belp

Der neue Chef des Flughafens Bern glaubt daran, dass es nach dem Skywork-Grounding wieder Linienflüge ab dem Belpmoos geben wird. Er setzt zudem auf Transportdrohnen und elektronische Flugtaxis. Zuerst fallen aber zehn weitere Arbeitsplätze weg.

Seit dem Grounding von Skywork sieht es düster aus. Nun sucht der Flughafen Bern neue Geschäfte.

Seit dem Grounding von Skywork sieht es düster aus. Nun sucht der Flughafen Bern neue Geschäfte.

(Bild: Franziska Rothenbühler)

Julian Witschi

Der Flughafen Bern-Belp hat die Krise wegen des Konkurses der Berner Airline Skywork bislang nicht überwinden können. Mit Urs Ryf hat der Verwaltungsrat nach dem Abgang von Mathias Gantenbein aber nun doch einen neuen Chef gefunden.

Der 53-Jährige kennt die Fliegerei aus vielen Winkeln: Er war Militärpilot, Fluglehrer bei der Luftwaffe und operativer Chef (COO) des Flugsicherungsunternehmens Skyguide. Seit 2017 leitet er den Flughafenbetreiber Swiss Aeropole in Payerne. Zudem ist er als Berater in der Luftfahrtindustrie tätig.

Auf die Frage, warum er den Krisenjob im Belpmoos antrete, sagt Ryf: «Mich reizt es, zusammen mit dem Team die Herausforderung anzunehmen.» Er sei fest davon überzeugt, dass es für den Regionalflughafen Bern einen Markt gebe.

«Ich bin fest davon überzeugt, dass es für den Regionalflughafen Bern einen Markt gibt.»Urs Ryf, ab 1. Juli neuer Direktor der Flughafen Bern AG

Mit dem richtigen Fluggerät könnten auch einzelne Linienflüge rentabel betrieben werden, meint Ryf. Er denkt dabei zum Beispiel an Verbindungen zu Hubs wie München oder London und an das Flugzeug vom Typ Embraer 190. Dieses passe mit 100 bis 110 Sitzplätzen perfekt nach Bern und zur vergleichsweise eher kurzen Piste.

Öffentliche Gelder gefordert

Bis jetzt, sieben Monate nach dem Grounding von Skywork, konnte aber keine neue Linienfluggesellschaft nach Bern gelockt werden. Verwaltungsratspräsident Beat Brechbühl sagt dazu: «Wir sind und waren im Gespräch mit diversen Airlines. Bei vielen fehlt nur ganz wenig, damit sie nach Bern kommen.» Namen nennt er nicht. Das Potenzial werde anerkannt, es sei aber eine Frage der Risikobereitschaft. So weiss man aus anderen Fällen, dass Airlines eine Mitfinanzierung fordern.

«Wir sind und waren im Gespräch mit diversen Airlines. Bei vielen fehlt nur ganz wenig, damit sie nach Bern kommen.»Beat Brechbühl Verwaltungsratspräsident

Brechbühl sieht die Flughafen Bern AG dazu allein nicht in der Lage. So fordert auch er das Engagement und Investitionen der öffentlichen Hand. «Seit Jahren erbringen wir als Infrastrukturplattform öffentliche Leistungen, die der Region Arbeitsplätze und Steuersubstrat einbringen, rein kommerziell für den Flughafen aber zu wenig Erträge generieren», hält der Verwaltungsratspräsident fest.

Daraus folge nicht, dass zukünftig alles durch den Staat bezahlt werden solle. Vielmehr setzt er auf ein partnerschaftliches Engagement von Privaten und der öffentlichen Hand – ein Private-Public-Partnership-Projekt.

Wie viel Staatsgeld der Flughafen benötige, dazu nennt Brechbühl keine Summe. Er hält aber an der vierten Ausbauetappe fest, die unter anderem einen neuen Rollweg und Hangars für die Kleinaviatik bringen soll (siehe Box). Brechbühl geht davon aus, dass die bewilligten Investitionsbeiträge des Kantons von 2 Millionen Franken an das Bauprogramm und das gemäss der neuen Regionalpolitik gesprochene Darlehen von weiteren 2 Millionen Franken ausbezahlt werden.

Extremszenarien verworfen

Seit dem Skywork-Grounding hat der Verwaltungsrat auch die Schliessung des Flughafens geprüft, dieses Extremszenario aber verworfen. Umgekehrt ist es für ihn ebenfalls keine Option, auf Billigairlines zu setzen und dazu eine neue Piste zu bauen.

Dies wäre unwirtschaftlich und wäre wahrscheinlich nicht zu realisieren. Nach zahlreichen Gesprächen mit Aktionären, Vertretern aus Wirtschaft und Politik und der Bevölkerung sieht Brechbühl den Rückhalt dafür, Bern-Belp als öffentlichen Regionalflughafen weiterführen zu können.

Der Konkurs von Skywork reisst aber zuerst ein tiefes Loch in die Kasse des Flughafens. Für 2018 verbucht er einen Verlust von rund 1 Million Franken. Dies hat der Flughafen als Gläubigerin beim Konkursverwalter von Skywork als Forderung eingereicht. Voraussichtlich werden auch die Zahlen für das laufende Jahr tiefrot ausfallen. Schliesslich fehlen die Einnahmen von Skywork nicht nur während vier Monaten, sondern für immer.

Der Flughafen kündigt deshalb an, den Stellenetat nochmals um 10 auf noch 55 Vollzeitstellen zu kürzen. Dazu werden freiwillige Abgänge genutzt. Zwei Angestellten muss aber dennoch gekündigt werden. Nach dem Skywork-Grounding hatte der Flughafen bereits 10 von damals 86 Arbeitsplätzen gestrichen. Danach wurden fünf Abgänge nicht ersetzt und Ende Januar weitere sechs Kündigungen ausgesprochen.

Fünftes Geschäftsfeld

Weil nach Skywork keine neue Airline mit so einem grossen Betrieb in Belp im Anflug ist, sucht der Flughafen neue Geschäftsfelder. Er setzt dabei neben dem Linien- und Chartergeschäft weiterhin auf die Flüge des Bundes, die Privatfliegerei sowie die dafür nötige Infrastruktur am Boden. Zudem soll sich das Belpmoos zu einem «modernen Mobilitätszentrum» entwickeln.

Konkret sollen unter anderem Bauten und private Arbeitsplätze für neue Betriebe am Boden entstehen, zum Beispiel zusätzliche Wartungsbetriebe. Auch als Flughafen für den Gesundheitsbereich sieht der Verwaltungsrat Potenzial, etwa für Organtransplantationsflüge oder den Gesundheitstourismus. Ferner könnten Hangare für die Geschäftsfliegerei hinzukommen sowie Test- und Zertifizierungsanlagen für die digitalen Verkehre. Damit gemeint sind Drohnen, elektronische Flugtaxis und selbstfahrende Autos.

Neben diesen Zukunftsszenarien möchte der neue Flughafenchef Urs Ryf auch den Charterverkehr ausbauen. Dies nicht nur im Sommer für Ferienreisende aus der Region. Er sieht auch Potenzial im Geschäft mit ausländischen Touristen, die das Berner Oberland besuchen wollen. Dies im Sommer und im Winter. Es wäre aber nicht das erste Mal, dass solche Pläne scheiterten.

Berner Zeitung

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