Vom Flüchtling zum Computercrack

Er gehört bald zu den fünf Prozent der Flüchtlinge im Kanton Bern, die finanziell auf eigenen Füssen stehen: Der 36-jährige Iraner Farid Saberi hat dank der Powercoders-Programmierschule eine Festanstellung gefunden.

Ist definitiv in der Schweiz angekommen: Farid Saberi programmiert in Biel Websites.

Ist definitiv in der Schweiz angekommen: Farid Saberi programmiert in Biel Websites. Bild: Enrique Muñoz García

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Seine gute Laune ist fast ein ­bisschen ansteckend. «Hi, wie gehts?», fragt Farid Saberi auf Deutsch und mit fröhlichem Lächeln im Gesicht. Seine Zufriedenheit kommt nicht von ungefähr. Der 36-jährige Iraner hat das erreicht, wovon die meisten Flüchtlinge träumen: Er hat eine Arbeitsstelle gefunden. Und zwar eine, die es ihm ermöglichen wird, fortan unabhängig zu sein.

Sozialhilfe? Das wird für ihn schon bald der Vergangenheit angehören.Saberi durchquert das Grossraumbüro der Business4you AG in Biel. Bei der Marketingagentur hat er sein Glück gefunden, ab dem 1. Oktober wird er hier als Programmierer angestellt sein. Saberi wird Websites für Kun­den der Marketingagentur bauen.

Im Gespräch im Meeting-Room wird schnell klar: Dass er nun hier sitzt, hat mit Glück zu tun. Aber nicht nur. Auch Geduld und Hartnäckigkeit spielten eine Rolle. Denn lange hatte es nicht gut ausgesehen für ihn. Nichts hatte darauf hingedeutet, dass Saberi dereinst in der Schweiz zum Vorzeigeflüchtling mutieren würde.

2003 in der Türkei angekommen, landete er kurz darauf in Griechenland, wo er sein erstes Asylgesuch stellte. Es folgte ein kurzer Aufenthalt in Norwegen. Die Behörden des skandinavischen Landes schickten ihn jedoch nach Griechenland zurück, das gemäss Dublin-Abkommen für sein Asylverfahren zuständig war.

Dort lebte Saberi schliesslich neun Jahre, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. «Ich arbeitete als Kellner, jobbte in einem Teppichgeschäft.» Und vor allem: Saberi entdeckte sein Talent, technische Geräte zu reparieren, und kam auch sonst mit der IT-Welt in Kontakt. Das soll­te ihm später zum Vorteil ge­reichen.

In Griechenland war seine Ausgangslage jedoch nicht besonders gut: Zuerst wurde sein Asylgesuch abgelehnt, danach wurde in Griechenland wegen unzureichender Menschenrechtsstandards das Dublin-Abkommen ausser Kraft gesetzt.

Warten in Tramelan

Freunde schlugen ihm schliesslich vor, sein Glück in der Schweiz zu versuchen. Farid Saberi merkte jedoch sehr bald, dass für Neuankömmlinge die Trauben hier sehr hoch hängen. Er landete im Durchgangszentrum in Tramelan. Dort, im Berner Jura, war der Iraner zum Warten verdammt.

Er wollte Französisch- und Deutschkurse belegen, was ihm jedoch untersagt war. Nach zwei langen Jahren erhielt Saberi den B-Ausweis und eine kleine Dachwohnung in der Stadt Biel. «Von diesem Moment an ging es vorwärts», erinnert er sich. Endlich durfte der lernbegierige Iraner einen Deutschkurs belegen. Das Niveau B 1 hat er mit 282 von 300 möglichen Punkten abgeschlossen, wie er stolz erwähnt.

Plötzlich klappte alles

Der Deutschkurs in Bern stellte die Weichen für Saberis Zukunft. Er wurde dort auf die Power­coders-Programmierschule aufmerksam gemacht. Das junge Team, das den Kurs ohne staat­liche Unterstützung auf die Bei­ne stellte, wollte talentierten Flüchtlingen eine Anstellung in der Informatikbranche vermitteln. Saberi bewarb sich für einen der 15 Plätze und wurde aufgenommen. Sein Flair für Computer und digitale Geräte kam ihm hier ein erstes Mal zustatten.

Von diesem Moment an lief alles wie am Schnürchen: Der Iraner absolvierte den dreimonatigen Programmierkurs dank seiner Vorkenntnisse weitgehend ohne Probleme, fand auf Vermittlung von Powercoders bei der Marketingagentur Business4you einen Praktikumsplatz. Das Praktikum läuft noch. Nahtlos wird er danach seine feste Stelle antreten. Die Höhe seines Gehalts möchte er nicht an die grosse Glocke hängen. Es ist aber hoch genug, dass er finanziell auf eigenen Füssen steht.

Damit gehört Farid Saberi zu einer deutlichen Minderheit: Im Kanton Bern beziehen 95 Prozent aller anerkannten Flücht­linge Sozialhilfe. Auch jene, die eine Arbeitsstelle finden, bleiben meistens unterstützungsbedürftig. Dies, weil sie sehr oft niederschwellige Jobs besetzen beziehungsweise im Stundenlohn oder temporär angestellt sind.

«Das habe ich nie erlebt»

«Alle sind hier sehr freundlich zu mir und hilfsbereit», sagt Saberi über seine Arbeitskollegen. Viele von ihnen sind jünger als er, hip gekleidet. Der Umgang untereinander ist locker, wie bei einem Augenschein im Grossraumbüro auffällt. «Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich morgens glücklich auf. Weil ich eine Aufgabe habe und das machen kann, was mir Spass macht.»

«Zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich morgens glücklich auf. Weil ich eine Aufgabe habe und das machen kann, was mir Spass macht.»Farid Saberi

Und er vergisst in der Stunde des Erfolgs auch das Team von Powercoders nicht: «Dieser Kurs war sehr gut organisiert und mit viel Herzblut gemacht. Das hatte ich vorher so nie erlebt.» Nach wie vor stehe er in Kontakt mit seinen ehemaligen Dozenten. «Sie unterstützen mich per Mail, wenn ich ein Programmierproblem habe.»

«Er ist ein Crack»

Matthias Graf ist bei der Business4you AG Farid Saberis Vorgesetzter. Er zeigt sich vom Iraner beeindruckt: «Wir wussten zuerst nicht, wie gross Farids Potenzial ist. Mittlerweile wissen wir: Es ist riesig. Er ist ein Crack.» Auch menschlich tue Saberi dem Team gut. «Er ist sehr offenherzig und hat eine super Einstellung zum Leben und zur Arbeit», so Graf.

«Wir wussten zuerst nicht, wie gross Farids Potenzial ist. Mittlerweile wissen wir: Es ist riesig.»Matthias Graf, Business4you, Biel

Die Erfahrungen mit dem neuen Teammitglied seien so gut, dass man sofort wieder Ja sa­gen würde, sollte die Power­coders-Führung erneut nach ei­nem Praktikumsplatz für einen Flüchtling fragen.

Nun fehlen Farid Saberi nur noch zwei Dinge: eine neuere Wohnung und seine Familie. Die Mutter hat er seit 15 Jahren nicht gesehen. Er hofft, dass sie ihn bald besucht. Ihr Ticket wird er mit selbst verdientem Geld bezahlen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.08.2017, 07:12 Uhr

Powercoders: Die Bilanz

Von den 15 Flüchtlingen, die vom Berner Verein Power­coders im Programmieren geschult wurden, haben 13 eine Anschlusslösung gefunden. Den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt hat zunächst nur einer geschafft.

Farid Saberi überstrahlt sie ­alle. Der Iraner hat den Weg zu einer Festanstellung ohne Umwege zurückgelegt: Zuerst hat er die dreimonatige Programmierschulung im Powercoders-Kurs absolviert, dann im Frühling die Praktikumsstelle an­getreten. Vor kurzem hat er in seinem Praktikumsbetrieb einen Arbeitsvertrag unterschrieben.

An Saberis Beispiel lässt sich die Philosophie des Berner ­Vereins Powercoders bestens erklären: Der Verein will auf­genommene und vorläufig ­aufgenommene Flüchtlinge dank guten Beziehungen zu IT-Firmen in den ersten Arbeitsmarkt führen.

Der Powercoders-Kurs, der Anfang Jahr an der Effingerstrasse in Bern zum ersten Mal durchgeführt wurde, darf als Erfolg bezeichnet werden. Obwohl längst nicht alle Teilnehmer von Schwierigkeiten ­verschont blieben. Für 2 von ­ihnen war nach dem Praktikum Schluss, sie konnten die Anforderungen der Privatwirtschaft nicht erfüllen.

Die restlichen 13 haben eine Anschlusslösung gefunden. Die meisten in Form einer Verlängerung des Praktikums mit intakten Aussichten auf eine spätere Festanstellung. Zwei Flüchtlinge konnten einen Lehrvertrag unterschreiben, andere können an der Fachhochschule Teilzeitstudien absolvieren.

Leichte Ernüchterung

In den ersten Arbeitsmarkt hat es vorerst nur Farid Saberi geschafft. Das ist für Christian Hirsig, einen der Väter des ­Powercoders-Programms, ein wenig ernüchternd. «Ich hatte mir erhofft, dass es einfacher sein würde. Als Hauptziel ­hatten wir formuliert, möglichst viele unserer Teilnehmer zu einer Festanstellung zu ­führen.» Dennoch bleibt Hirsig positiv: «Wir konnten allen den ersten und vielen auch den zweiten Schritt in die Arbeitswelt aufzeigen und erleichtern.»

Eine Lehre haben Hirsig und sein Team bereits gezogen: In der nächsten Austragung sollen die Mentoren ihre Schützlinge während der Praktikumsphase intensiver begleiten und unterstützen. So könne man den ­Firmen die Arbeit erleichtern. Heuer habe man den Fokus eher auf den Kurs gelegt. «Das haben wir unterschätzt», gibt sich Hirsig selbstkritisch.

Weitere Städte sollen folgen

Der Verein Powercoders steht vor einem Expansionsschritt: Am 25. September startet das erste Powercoders-Programm in Zürich mit voraussichtlich 20 Flüchtlingen. Gleichzeitig laufen Gespräche mit dem Staatssekretariat für Migration. Der Bund prüft, ob er das Programm künftig finanziell unterstützen wird. Bei einer Zusage wären Powercoders-Kurse auch in Städten wie Basel, St. Gallen, Luzern oder Genf möglich, sagt Hirsig.

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