Eine Woche bei der Kesb

Oft kritisiert, selten gelobt: Keine öffentliche Institution steht häufiger in der Kritik als die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden. Doch: Wie funktioniert sie überhaupt, diese Kesb? Eine Woche auf der Behörde.

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Nebel klebt am Schloss Fraubrunnen. Es ist Freitagnachmittag. Im Saal mit dem Parkett­boden und den barocken Fensterbögen sitzt eine vierköpfige Familie an sterilen Tischen. Die Kinder kritzeln mit Buntstiften. Die Mutter starrt. Der Vater fingert an einem Stück Papier herum, einer Vorladung der Kesb.

Ein freundlicher Jurist in Jeans und Kaschmirpullover leitet die Anhörung. Er will wissen, wie das ablief. Damals. In jener Septembernacht. Als der Vater betrunken war und die Mutter hysterisch. Als die Kinder, sechs und elf Jahre alt, alles mitbe­kamen: die Spuckattacke. Die Beschimpfungen. Den Polizeieinsatz.

Jurist: «Wissen Sie, weshalb Sie hier sind?»

Vater: «Nein.»

Mutter: «Ich dachte, die Sache ist geklärt.»

Der Grund ist ein einfacher: Nach dem Streit hätte der Vater regelmässig bei der Interventionsstelle für häusliche Gewalt antraben sollen. Er tat es nicht.

Jurist: «Warum nicht?»

Vater: «Alles viel zu kompliziert.»

Mutter: «Er trinkt keinen Tropfen mehr.»

Der Jurist nickt.

Die klassische Kesb-Geschichte. Sie handelt nicht von intakten Familien und Bilderbuchbio­grafien. Sondern von der stetigen Gratwanderung zwischen Eigenverantwortung und staatlicher Intervention: Wie schützt die ­Behörde eine Familie vor dem ­gewalttätigen Vater? Welche Hilfe benötigt die demente Frau? Wann kommt ein Kind ins Heim?

Montag. Im Schloss

Fragen, die Michal Hasler täglich umtreiben. Die 46-Jährige ist Präsidentin der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Bern Mittelland Nord. Es ist Montagmorgen. Arbeitsbeginn im Schloss Fraubrunnen.

Hasler trägt eine grüne Brille und telefoniert praktisch pausenlos. Ihr Ton: bestimmt, sachlich. Unter dem Fenstersims in ihrem Büro stapeln sich die aktuellen Dossiers. Fein säuberlich. Ein Stoss Papier pro Fall. «Das hilft mir, den Überblick zu behalten.» Hasler ist seit der Gründung der Kesb 2013 bei der Behörde. Seit 2014 steht sie der Sektion Mittelland Nord vor.

Sie war dabei, als aus Dutzenden Laienbehörden in den Gemeinden eine professionelle Organisation für die gesamte Region wurde. «Ein Auf und Ab» sei das gewesen. «Zum Glück ist es inzwischen ruhiger.»

Mittlerweile haben sich die ­Abläufe eingespielt. An die 2000 Dossiers werden aktuell im Schloss Fraubrunnen bearbeitet. Im innerkantonalen Vergleich eher wenig, gemessen an den Einwohnerzahlen der angeschlossenen Gemeinden.

Kesb-Kritiker würden erwidern: 1700 Familien, in die sich die Kesb einmischt. Am liebsten würden sie die Kesb wieder abschaffen, zurück auf Anfang stellen. Als jede Gemeinde ihre eigene Vormundschaftsbehörde hatte.

Noch immer ist eine Volksinitiative hängig, welche die Kompetenzen der Behörde beschneiden möchte. Hasler hat sich damit ­abgefunden: Zur Kesb hätten alle eine Meinung. Jeder glaube, mitreden zu können. «Es ist Teil der Arbeit, das auszuhalten.»

Berufsstolz

14 Uhr. Im kleinen Büro an der Nordseite des Schlosses werden die Gefährdungsmeldungen geprüft. Jeder kann eine solche Meldung machen, wenn gewünscht auch anonym.

Sie signalisieren der Kesb, dass etwas nicht stimmt: blaue Flecken auf dem Arm eines Kindes, Schreie in der Nachbarwohnung, eine Betagte, die nicht mehr aus dem Haus kommt. Meist stammen die Hinweise von offiziellen Stellen, von der Polizei oder von besorgten Lehrern. Manchmal aber auch von Nachbarn.

Heute sind fünf solche Meldungen eingegangen: Ein Asylbewerber drohte, sich umzubringen. Eine Frau hört imaginäre Stimmen. Eine andere zieht dauernd um, ohne ihre Beiständin zu informieren.

Ein Rentner, seine Tiere fütterte er noch, er selber ass praktisch nichts mehr. Und ein Fall von häuslicher Gewalt: Ein Ehepaar, das aufeinander losging. «Man kann sich kaum vorstellen, wie oft das vorkommt», sagt die Sozialarbeiterin, welche die Meldungen nach Dringlichkeit sortiert und zur weiteren ­Bearbeitung vorbereitet.

Wer bei der Kesb arbeitet, steht unter Druck. Viele Mitarbeitende wollen deshalb nicht namentlich genannt werden. Sie befürchten schlechte Presse oder Unmut im persönlichen Umfeld. «Wir können es eigentlich nie ­allen recht machen», erklärt Michal Hasler.

«Wir können es eigentlich nie allen recht machen. Für die einen reagieren wir zu spät, für die anderen zu früh.»Michal Hasler

«Für die einen reagieren wir zu spät, für die anderen zu früh.» Sie sagt das ohne Groll, ­ohne Zynismus. Die ständige ­Sorge, sich tatsächlich einmal zu vertun, schwingt immer mit. Das sei nichts Schlechtes. Sondern gesunder Respekt vor der Auf­gabe.

Die Behörde wird in den nächsten Wochen entscheiden, wie sie auf die neuen Gefährdungen reagieren soll. In manchen Fällen wird sie eine Beistandschaft errichten. In anderen an die Sozialdienste verweisen. Wo möglich, hält sie sich auch komplett raus.

Dienstag. Bodenarbeit

Dienstag. Mittagszeit. Im kleinen Gemeinschaftsraum ist praktisch jeder Platz besetzt. Pizza, Tofu, Sandwiches. Gespräche über Skitouren und das Engadin. Stephan Schüepp löffelt den Rest Kartoffelsuppe aus. «So, ich muss.»

Schüepp ist seit langem Sozialarbeiter, war jahrelang in der ­Jugendprävention tätig. Vor gut zwei Jahren wechselte er mit über fünfzig zum Sozialjuristischen Dienst der Kesb. Zum verlängerten Arm der Behörde. Der Dienst erledigt Abklärungsaufgaben, übernimmt kleinere Fälle, steht im engen Kontakt zu den Betroffenen.

Schüepp ist wie geschaffen für diese Art Bodenarbeit. Unkompliziert. Direkt. «Ich habe nochmals eine neue Herausforderung gesucht», erklärt er während der Fahrt zu einer Anhörung. Der Mann fährt, wie er redet: zügig.

Es geht nach Ostermundigen. Treffpunkt ist die dortige Sozialhilfe. Schüepp trifft sich mit einem älteren Klienten mit dickem Schnauz und tiefen Augenringen. 43 Jahre lang hat der ­81-Jährige für seinen geistig wie körperlich beeinträchtigten Sohn gesorgt.

Vom Staat erhielt er dafür keinen Rappen – er habe nie danach gefragt. «Es ging ja ganz ring.» Der Aufwand ist ihm mittlerweile zu gross geworden. «Gewiss ein Büro» gebe das – und jünger werde er nicht mehr. Aus seiner Familie kann die Aufgabe niemand anders wahrnehmen. «Ich will alles in geordnete Bahnen lenken, bevor ich dazu nicht mehr in der Lage bin.»

Stephan Schüepp schlägt vor, eine Beiständin einzusetzen. Diese würde sich künftig um die ­administrativen Belange des Sohnes kümmern. Schüepp: «Das muss aber zuerst von der Behörde abgesegnet werden.» Das ist nötig, weil Verbeiständete gewisse Freiheiten abgeben. Der ältere Herr ist einverstanden.

Mittwoch. Entscheidungen

Mittwochmorgen. Die Behördenmitglieder der Kesb sitzen im grossen Tafelraum vor Ordnern und zerfledderten Gesetzesbüchern. Einmal in der Woche verhandeln sie die komplizierten Fälle mündlich. Nacheinander stellen die Mitglieder ihre Dossiers zur Diskussion.

An den Lösungen haben sie teilweise wochenlang gefeilt. Als Erste ist Li­lian Ischi am Zug. Ischi – violettes Jackett, roter Lippenstift – ist Vorsitzende der zweiten Kammer der Kesb Mittelland Nord.

Es geht um einen Jungen, zwölf Jahre alt. Er prügelt sich oft. Seine ­alleinerziehende Mutter ist überfordert. Eine gewisse Skepsis der Kesb gegenüber sei spürbar, erläutert Ischi. Aber: «Die Mutter ist einverstanden, solange es das Beste für das Kind ist.» Sie möchte der Frau einen Beistand zur Seite stellen sowie eine Familienbegleitung organisieren.

Es wird diskutiert. Thema: Ist die Beistandschaft nötig? «Ich bin mir da nicht so sicher», wirft eine Mitarbeiterin ein. Der Junge habe sich gebessert. «Ich sehe ehrlich gesagt keine Kindsgefährdung mehr.» Ischi hält dagegen: «Ich glaube nicht, dass die Mutter die Familienbegleitung selbstständig organisieren kann.»

Die Behörde vertagt den Entscheid. Vorerst keine Beistandschaft. Die Mutter erhält aber weiterhin Unterstützung auf ­freiwilligem Weg. Die nächsten Schritte werden mit dem Sozialdienst koordiniert. «Eine adä­quate Massnahme», konstatiert der Jurist im Kaschmirpullover.

Sechs Fälle diskutiert die Behörde durch. Das Kind einer psychisch kranken Mutter wird ­vorübergehend in einem Heim platziert. Beim Mann, der sich massiv verschuldet hat, weil er all sein Geld an seine Geliebte im Ausland verschickt hat, verzichtet die Kesb auf eine Massnahme: Der Mann ist urteilsfähig.

Es sei ihm selbst überlassen, was er mit seinem Geld tue. Der Adoptionsfall ist schnell abgehandelt. Der alkoholkranke Mann erhält eine Vertretungsbeistandschaft, die Frau im Pflegeheim eine Vermögensvertretung.

So unaufgeregt wie die Kammersitzung am Mittwoch zieht der Rest der Woche vorbei.

Freitag. Routine

Die Arbeit auf der wohl umstrittensten Behörde des Landes ist grösstenteils Routine. Büroarbeit. Zwar ist kein Fall wie der andere. Doch die Mitarbeitenden sind darauf eingestellt. Juristinnen, Sozialarbeiter, sie alle ar­beiten gemeinsam einen Fall nach dem andern ab.

Freitagnachmittag. Dunst liegt über dem Schloss Fraubrunnen, dem gepflegten Park und dem ­gepflasterten Hof. Der Jurist im roten Kaschmirpullover sitzt noch immer mit der vierköpfigen Familie zusammen. Im Raum mit dem eleganten Parkettboden.

Der Jurist hat all seine Fragen gestellt. Der Vater redet nochmals von einem einmaligen Fehler, er habe die Anweisungen missverstanden. Am Ende gibt ihm die Kesb eine zweite Chance: Zehn Sitzungen bei der Interventionsstelle. Der Jurist sagt: «Nützen Sie diese Chance.» Der Vater verspricht hinzugehen. Die Mutter starrt. Die Kinder kritzeln. Eine klassische Kesb-Geschichte.

Berner Zeitung

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