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Eine Berner Erdbebenversicherung ist nicht nötig

Redaktor Mischa Aebi zur Verkaufsstrategie der GVB nach dem starken Erdbeben von dieser Woche.

Diese Woche hat uns die Natur wieder einmal ihre Macht demonstriert. Jedes Mal, wenn in unseren Breiten die Erde bebt, erschüttert das auch ein bisschen unser Vertrauen in die Errungenschaften der modernen Welt. Es führt uns vor Augen, dass uns keine Technik zuverlässig gegen Erdstösse schützt. Und es macht uns bewusst, dass Wissenschaftler bis heute nicht in der Lage sind, Erdbeben einigermassen zuverlässig vorherzusagen. Gewaltiges, Unvorhersehbares macht Angst – und trübt die Sicht auf die Fakten.

Deshalb sind die Tage der Verunsicherung eine goldene Zeit für Versicherungen: Wo Angst herrscht, lässt sich Schutz verkaufen ­– unabhängig davon, wie sinnvoll dieser ist. Als das Erdbeben am Montag in der Innerschweiz abgeklungen war, schlug für die Marketingspezialisten der Gebäudeversicherung des Kantons Bern die Gunst der Stunde. Sie begannen über die Tochtergesellschaft GVB Privatversicherungen AG die aktuellen Erdbebensorgen noch etwas zu schüren. Sie verschickten am Dienstag eine Werbemail an die Eigenheimbesitzer im Kanton: Das Erdbeben der Stärke 4,7 sei «das stärkste Beben in der Schweiz in der vergangenen Zeit». Und weiter: Es bestätige, was Experten schon immer gesagt hätten, «starke Erdbeben stellen für die Schweiz eine Gefahr dar». Am Schluss der Mail folgte eine sanfte Aufforderung an die Berner Eigenheimbesitzer, ihr Heim doch gegen Erdbeben zu versichern.

Allerdings müssten diese Angstfakten die Hausbesitzer – nüchtern betrachtet – eher beruhigen als verunsichern: Denn selbst dieses «stärkste Beben in der Schweiz in der vergangenen Zeit» hat weniger als ein Dutzend Schäden verursacht, ausschliesslich Bagatellen. Beruhigend sind auch die historischen Fakten zum Kanton Bern. Hier wurde seit Menschengedenken überhaupt noch nie ein schlimmes Erdbeben registriert: Das von der Gebäudeversicherung und Medien immer wieder zitierte Erdbeben in der Stadt Bern im Jahr 1881 mit einer Stärke von 4,8 mag eine gute Anekdote sein, war aber sicher keine Katastrophe: Gemäss Überlieferung stürzten 90 Kamine ein. Es gab einige Mauerrisse, aber weder Tote noch Verletzte. Noch harmloser war das zweite immer wieder als Gefahrenbeweis erwähnte Erdbeben im Kanton Bern: jenes von 1729 in Frutigen. Schaden: Ein paar Fassadenrisse. Es war übrigens mit einer Stärke von 5,2 das stärkste kantonsweit überhaupt je gemessene Erdbeben.

Im Kanton Bern gibt es rund eine Viertelmillion Wohnhäuser.Wer sich wegen 90 Kaminen und ein paar Dutzend Hausfassaden, die in einem Zeitraum von 287 Jahren erdbebenhalber beschädigt wurden, versichern lassen will, dem sei dies selbstverständlich unbenommen. Man versichert so aber ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, dessen Folgen sehr überschaubar sind: Ein neuer Kamin kostet ein paar Tausend Franken, und für die Reparatur einer Fassade eines Einfamilienhauses zahlt man allerhöchstens einige Zehntausend Franken.

Die allermeisten Schweizer gehen sehr viel realere finanzielle Risiken ein, ohne sich dagegen zu versichern. Um nur ein Beispiel zu nennen: Fast jeder hat ein E-Banking-Portal. Kaum einer hat eine Versicherung, für den Fall, dass Hacker seine Konten anzapfen, obwohl solche Vorfälle sehr viel häufiger sind und der potenzielle finanzielle Schaden oft grösser ist als bei erdbebenbedingte Fassadenrissen. Klar: Man kann nicht jedes erdenkliche Risiko versichern. Doch man könnte logische Prioritäten setzen.

So unsinnig eine freiwillige Berner Erdbebenversicherung ist, so sinnvoll könnte eine nationale obligatorische Erdbebenversicherung sein: Sehr viel mehr Menschen würden dann mit sehr viel tieferen jährlichen Prämien für den Fall vorsorgen, dass sich irgendwo in der Schweiz tatsächlich einmal ein wirklich verheerendes Erdbeben ereignet. In Basel und im Wallis ist die Wahrscheinlichkeit eines solchen Bebens nämlich anders als in Bern tatsächlich relativ hoch.

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