Wenn Kinder zwischen die Fronten geraten

Ein Familienstreit eskaliert, die Kesb schicken ein Kind ins Heim. Ein Fall aus der Region Bern zeigt, wie schwierig das Verhältnis zwischen der Behörde und den Betroffenen zuweilen ist.

«Jetzt kommen Sie»: Ende April eskaliert vor einem Kinderheim in der Region Bern ein Konflikt zwischen  den Behörden und einer Familie. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt.

«Jetzt kommen Sie»: Ende April eskaliert vor einem Kinderheim in der Region Bern ein Konflikt zwischen den Behörden und einer Familie. Mittlerweile hat sich die Situation entspannt. Bild: Stefan Anderegg

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Das Bild wackelt, eine Hand streift durchs Bild. Dann beginnt der Film zu laufen. Man blickt ins Innere eines Autos. Auf der Rückbank sitzt ein Mädchen, vorne dessen Grosseltern. Die Stimmung ist angespannt. «Was passiert jetzt?», fragt das Kind. «Jetzt kommen sie», antwortet ihr Grossvater.

Ins Bild kommen Polizisten, es folgt ein heftiges Wortgefecht, die Situation es­kaliert.Die Amateuraufnahmen dokumentieren die Ereignisse des 28. April. Es sind die letzten ­Minuten bevor das zehnjährige Mädchen von mehreren Uniformierten in ein Kinderheim in der Region Bern gebracht wird. Gegen seinen Willen.

Mails, Briefe, Telefonanrufe

Der Vater erhebt Beschwerde gegen die Platzierung, die durch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde Mittelland-Nord angeordnet wurde. In seiner Ohnmacht wendet er sich mit ­seiner Geschichte sowie dem Video an diese Zeitung – und an die Politik. Dazu später mehr.

Ihren Ursprung hat die Heimplatzierung in einem Zwist, der vor sechs Jahren beginnt. Damals gelangt der Vater freiwillig an die Vormundschaftsbehörde – die Kesb gibt es damals noch nicht. Die Eltern leben getrennt, das Kind wohnt bei der Mutter in nicht immer einfachen Verhältnissen.

Es kommt zum Streit. Zunächst geht es nur um Besuchs­regelungen, schliesslich um das Sorgerecht. Der Mann steigert sich in die Sache hinein – und überspannt dabei den Bogen: Bei verschiedenen Behörden fällt er negativ auf, wird ausfällig.

Mit Mails, Briefen, Telefonanrufen. «Ich bin damals teilweise zu weit gegangen», gibt er heute zu. «Aber hätte man nur ein einziges Mal auf meine Tochter gehört, wäre es nicht dazu gekommen.»

Das Kind trägt die Folgen

«Sie rief mich praktisch täglich an und weinte. Ich solle sie abholen und bei ihr bleiben.» Um dies zu belegen, lässt der Vater Aufnahmen auf seinem Handy laufen. Mehrmals wöchentlich fährt er von seinem Wohnort im Kanton Aargau ins Bernbiet, wo das Kind mit der Mutter lebt. Zeitweise bringt er es morgens in die Schule, abends holt er es wieder ab.

Das Verfahren zieht sich in die Länge. Die Ex-Partnerin wirft ihm Manipulation des Kindes vor. Eine Einschätzung, die auch die Kesb teilt. Im Präsidialentscheid, welcher die Platzierung anordnet, steht: «Den Eltern gelingt es nicht, die Tochter aus ihrem Konflikt herauszuhalten ... insbesondere der Kinds­vater beeinflusst das Kind.»

Besuch bei Kinderpsychologen, Begleitung durch Beistandspersonen und schliesslich eine Fremdplatzierung: Für das Mädchen hat das Ganze weitreichende Konsequenzen. In einer An­hörung im vergangenen April gibt es zu Protokoll, ihr Vater habe mehr Zeit für sie, bei ihm könne sie jederzeit zu den Grosseltern gehen.

Aber auch: Am liebsten hätte sie es, wenn Vater und Mutter nebeneinander lebten. Dann könnte sie hin- und herwechseln; das Kind stecke in einem klassischen Loyalitätskonflikt, heisst es im Gutachten.

«Nur als Ultima Ratio»

Keinen anderen Ausweg sehen deshalb die Kesb: Solange nicht geklärt ist, wo die Zehnjährige künftig wohnt, muss sie an einen «neutralen Ort» gebracht werden. An einen Ort, wo sie vom elterlichen Konflikt ferngehalten werde. Sprich: in ein Heim.

Der Vater ist der Meinung, die Kesb hätten mit dieser Massnahme das Subsidiaritätsprinzip verletzt. Dieses bindet die Behörden daran, vor einer Unterbringung im Heim alle Alternativen auszuschöpfen.

«Eine Unterbringung bei den Grosseltern oder bei anderen Familienmitgliedern wurde gar nie geprüft.» Ihm wäre praktisch alles recht, solange seine Tochter nur das Heim verlassen könne. Als Beispiele nennt er die Grosseltern oder andere Familienmitglieder, bei denen die Tochter unterkommen könnte.

Zum konkreten Fall darf die Kesb Mittelland-Nord keine ­Aussagen machen. Präsidentin Michal Hasler hält im Grundsatz aber fest: «Jede Unterbringung ist eine Ultima Ratio. Sie wird nur dann angeordnet, wenn keine ­anderen Massnahmen mehr erfolgsversprechend sind».

In der Zwischenzeit ist Bewegung in den Fall gekommen. Die Kesb weitet im Juni die Besuchszeit des Vaters im Kinderheim aus. Er ist dankbar dafür, zieht im Gegenzug seine Beschwerde zurück. Auch weil es seiner Tochter mittlerweile besser gehe.

Bei einer Anhörung vor dem Obergericht hätten ihn die Verantwortlichen ernst genommen und seien verständnisvoll mit ihm umgegangen. «All das gab mir mein Vertrauen in die Behörden zurück.» Seine Wut ist der Hoffnung auf ein positives Ende gewichen.

Initiative lanciert

Trotzdem hat der Fall jüngst eine politische Komponente erhalten: Erst kürzlich wurde von einem Komitee um die SVP-National­räte Pirmin Schwander und Barbara Keller-Inhelder die Initiative «Kesb – Mehr Schutz der Familie» eingereicht. Der Vater hatte den Initianten kurz nach der Platzierung das Video mit den Geschehnissen ebenfalls zugespielt. Er suchte Hilfe, die Veröffentlichung nennt er aber heute ein Missverständnis.

Die Initianten sehen das anders. Sie verschickten eine anonymisierte Sequenz an die Medien, just an dem Tag, als das Volksbegehren der Bundeskanzlei zur Prüfung vorgelegt wurde. Die Bilder seien exemplarisch: «Der Wille des Kindes scheint für die Kesb vollkommen irrelevant.» Dass auf den Aufnahmen nur die Spitze eines komplizierten Konflikts zu sehen ist, fehlt in der angehängten Presseerklärung.

Die Namen der Beteiligten sind der Redaktion bekannt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.06.2016, 06:06 Uhr

Druck auf die Kesb steigt

Ziel der Initiative «Kesb – Mehr Schutz der Familie» ist eine Systemkorrektur: «Seit dem neuen Kindes- und Erwachsenenschutzrecht müssen Familienmitglieder beweisen, dass sie für die Betreuung ihrer Angehörigen geeignet sind, statt dass die Kesb nachweisen müssen, dass sie nicht geeignet sind», so Barbara Keller-Inhelder (SVP) vom Initiativkomitee.

Diese Beweislast solle mit der Volksinitiative umgekehrt werden. «Es gibt viele Kesb-Mitarbeiter, die ihre Arbeit gut machen», findet die Nationalrätin. Das heutige System lasse es aber zu, dass ungeeignete Mitarbeiter Betroffenen zu Unrecht grosses Leid zufügten. «Es ist unfassbar, dass in unserem vermeintlichen Rechtsstaat eine Behörde eine solche Macht hat.

Ganz normale Eltern werden kriminalisiert.» Die Kesb missbrauchten zudem regelmässig die Polizei, um Kinder «abzuführen». Besteht die Initiative die Prüfung durch die Bundeskanzlei, beginnt noch im Spätsommer die Unterschriftensammlung.

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