Ein Ja zu mehr Verantwortung

Das neue Energiegesetz ist ein wichtiger Schritt für den Klimaschutz. Ein Standpunkt von Sandra Rutschi, Redaktorin Ressort Kanton Bern.

Sandra Rutschi, Redaktorin Kanton Bern<p class='credit'>(Bild: Raphael Moser)</p>

Sandra Rutschi, Redaktorin Kanton Bern

(Bild: Raphael Moser)

Als Hauseigentümer muss man sich ständig mit neuen Herausforderungen herumschlagen. Mit Mieterwechseln, Wasser im Keller, Steuererklärungen. Fällt der Kühlschrank oder die Heizung aus, muss man einen Ersatz finden. Formulare ausfüllen, Offerten vergleichen, Entscheidungen fällen – all das kann an den Nerven und am Portemonnaie zehren.

Und nun will der Kanton Bern auch noch sein Energiegesetz verschärfen, die Hauseigentümer mehr in die Pflicht nehmen, wenn sie neu bauen oder ihre Ölheizung ersetzen wollen. Da ist es nachvollziehbar, wenn viele im ersten Affekt den Kopf schütteln, ein Referendum unterschreiben und ein Nein in die Urne legen wollen. Dabei gibt es wichtige übergeordnete Gründe für ein Ja zum Energiegesetz am 10. Februar.

Im Kern sieht das Gesetz folgende Änderungen vor: In neuen Wohnbauten sind Ölheizungen grundsätzlich verboten, und sie müssen einen Teil ihrer benötigten Energie selber produzieren. Öl- und Gasheizungen in bestehenden Wohnungen müssen grundsätzlich durch Heizsysteme mit erneuerbaren Energien ersetzt werden. Zentrale Elektroboiler erhalten eine Frist von zwanzig Jahren, dann sind sie nicht mehr erlaubt. Und die Gemeinden erhalten die Kompetenz, die Vorschriften zu verschärfen.

All das mag sehr absolut klingen. Doch dem ist nicht so. Denn das Gesetz sieht viele Hintertüren und Ausnahmen vor. Sogar in neuen Wohn­bauten sind diese Heizsysteme noch erlaubt, wenn eine andere Lösung technisch nicht möglich ist oder langfristig zu Mehrkosten führt. Mit einer 15 Quadratmeter grossen Solar­anlage ist die Pflicht des Eigenstroms bei einem Einfamilienhaus bereits erfüllt. Das entspricht etwa dem Dach eines Autounterstellplatzes. Wenn eine Solaranlage keinen Sinn ergibt, kann die Energieeffizienz verbessert werden, um die Vorgaben zu erreichen. Genauso flexibel ist die Vorlage bei bestehenden Ölheizungen: Bei einem gut gedämmten Haus, das mindestens der Effizienzklasse eines Gebäudes aus den 1990er-Jahren entspricht, ist der Standard bereits erfüllt.

Um die Effizienz nachzu­weisen, braucht es einen Gebäudeenergieausweis der Kantone. Das sei unnötige Büro­kratie, monieren der Hauseigentümerverband und die grossen Wirtschaftsverbände, die das Referendum ergriffen haben. Bürokratie gilt es möglichst zu vermeiden. Doch hier ist sie nötig. Denn noch immer ersetzen viele Hauseigentümer ihre Öl- oder Gasheizung mit demselben System.

Gut möglich, dass einige zeitgleich zusätzliche Massnahmen ergreifen. Etwa eine der Standardlösungen, welche die Vorlage in solchen Fällen vorsieht. Dazu gehören eine Solaranlage fürs Warmwasser oder besser isolierte Fenster. Von solchen Massnahmen profitieren auch die lokalen Unternehmen, und die Eigentümer sind weniger von Rohstoffen aus dem Ausland abhängig. Dennoch gibt es Hausbesitzer, die solche Massnahmen nicht von sich aus treffen. Es ist wichtig, dass sie mit dem Gesetz in die Pflicht genommen werden können.

Denn gerade die vergangenen Hitzesommer haben gezeigt, wie rasch sich das Klima wandelt. Kaum jemanden liess es kalt, dass einige Bachläufe im Emmental bis weit in den Herbst hinein komplett ausgetrocknet waren. Dass Wasser auf Alpen geflogen werden musste, damit das Vieh getränkt werden konnte. Dass man im Seeland über eine dritte Juragewässerkorrektion diskutiert, um die Gemüsekammer trotz der Trockenheit zu erhalten. Jetzt, da es draussen eisig ist, mag dies alles weit weg sein. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Und alle sind dafür verantwortlich, der Zukunft zuliebe zur Umwelt Sorge zu tragen. Dass dies ein grosses Anliegen ist, beweisen die vielen jungen Leute, die zurzeit für den Klimaschutz auf die Strasse gehen.

Die Berner Regierung schätzt, dass mit der Vorlage in den nächsten zwanzig Jahren der Strom eingespart werden kann, den heute jährlich 30'000 Haushaltungen verbrauchen. Mit dem Eigenstrom, den die Eigentümer erzeugen, könnten zudem jährlich 2200 Haus­haltungen mit erneuerbaren Energien versorgt werden. Auch wenn bei den Gebäuden im Energiebereich bereits vieles erreicht ist: Das Energiegesetz ist eine Chance. Mit einem Ja zum Energiegesetz kann die Berner Bevölkerung ein Zeichen setzen, dass ihr Klimaschutz nicht nur auf dem Papier wichtig ist. Sondern dass sie bereit ist, auch die entsprechenden Mehrkosten und den Aufwand zu übernehmen. Wenn sich beim grossen Ganzen etwas ändern soll, muss es im Kleinen beginnen.

Eigentum bringt Unabhängigkeit, aber auch viel Verantwortung mit sich. Wer Hauseigentümer ist, hat sich für beides entschieden. Beides bietet auch das neue Energiegesetz: eine Chance zu mehr Unabhängigkeit vom Ausland und eine Chance, mehr Verantwortung zu übernehmen. Es ist eine Herausforderung, welche die Hauseigentümer meistern können.

Berner Zeitung

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